Am Anfang war der Pfeifton im Auto, der sich ins Gehirn einbrannte. Genervt griff man nach dem Gurt, spannte ihn über den Körper, ließ das Endstück einrasten und der Ton verstummte. Der Pfeifton ertönt auch heute noch, bis man sich anschnallt. Doch rund um ihn entwickelte sich die Sicherheitstechnologie im Auto weiter, von einem einfachen Signal bis zu hochkomplexen 77 Gigahertz starken Mikrochips. Sie funktionieren auf Basis der Radartechnologie und helfen beim Einparken, erkennen Fußgänger, bremsen automatisch, messen den Abstand zu anderen Autos.

Technologie- und Weltmarktführer in diesem Bereich ist der Dax-Konzern Infineon. Über 250 Millionen Stück solcher Sensoren wurden bereits verkauft. Und die Autoindustrie verlangt nach mehr. Denn die drei mal vier Millimeter großen Silizium-Plättchen sind die Klammer, mit der Umweltschutz und technologischer Fortschritt im großen Stil gelingen soll.

Infineon setzt auf drei Standorte in Österreich, um den Hunger der Autoindustrie zu stillen. In Graz wurde im vergangenen Jahr das Forschungszentrum vergrößert, in Villach eröffnet der Konzern eine milliardenschwere vollautomatisierte Chipfabrik im Spätsommer. Und auch in Linz gibt es ein neues Forschungszentrum. Die "Wiener Zeitung" war zu Besuch.

Die Fahrt vom Zentrum zum Gelände dauert mit den Öffis eine halbe Stunde. Es geht mit der Straßenbahn über die Donaubrücke, dann mit dem Bus entlang von Einkaufszentren in den Außenbezirk Dornach-Auhof. Hier treffen sich Autobahnbrücke, Gemüsefelder und bewaldete Hügel. Und mittendrin steht das neue Forschungszentrum. Strahlend weiße Fassade, große glänzende Fenster, getrimmter Rasen. Nichts erinnert hier mehr an früher, als Linz noch das Zentrum verstaatlichter Industrie war, eine dreckige, graue Stahlstadt, in der die Sonne nur selten durch den Smog brach.

Im neuen Gebäude forschen die Mitarbeiter an der nächsten Radarchip-Generation. 
- © Infineon

Im neuen Gebäude forschen die Mitarbeiter an der nächsten Radarchip-Generation.

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Im neuen Gebäude forschen die Mitarbeiter an der nächsten Radarchip-Generation. Sie wird hochauflösender, bringt mehr Funktionalität, wird komplexer. Geschäftsführer Manfred Ruhmer führt durch die Räumlichkeiten. "Auf gleicher Chipgröße werden dann in kürzerer Zeit mehr Informationen verarbeitet", sagt er. Herzstück ist ein Labor auf 1500 Quadratmetern. Es gibt eigene Bereiche für die Charakterisierung von Sende und Empfangssignalen, Durchführung von Sensor-Tests bei Temperaturen von minus 40 bis plus 120 Grad oder Fehleranalysen. "Dieser Sensor muss zu hundert Prozent funktionieren, auch unter extremen Bedingungen", sagt Ruhmer. "Es geht schließlich um die Sicherheit von Menschen. Das ist die Herausforderung."

76 Prozent der Mitarbeiter haben einen Uniabschluss

Eine Herausforderung, die sich auch bei der Suche nach neuen Mitarbeitern zeigt. Denn die Ansprüche sind hoch. 76 Prozent der Mitarbeiter sind Uniabsolventen, 11 Prozent waren auf einer HTL, 10 Prozent besuchten die Fachhochschule. Um das Niveau zu halten, sucht Infineon weltweit Mitarbeiter und versucht bereits Studenten über Praktika anzulernen.

In einem der lichtdurchfluteten Räume forschen Studenten gerade an einem Geschwindigkeitsmesser. Auf den aufgeräumten Tischen stehen Computer und Messgeräte im Wert von Einfamilienhäusern. Die Studenten haben sich bereits Vokabel der Fachsprache angeeignet und unterhalten sich etwa über "frequenzmodulierte Quantensignale". Ihr Wissen testen sie anhand einer im Raum aufgebauten Modelleisenbahn. "Halten Sie die Hand vor den Zug, um ihn zu stoppen", fordern sie auf. Und tatsächlich, wenige Zentimeter, bevor der Zug gegen die flache Hand fahren würde, bleibt er stehen.

"Wir wollen weiter die Nummer eins am Markt sein", erklärt Manfred Ruhmer. Dafür wird viel Geld in die Hand genommen. 1,6 Milliarden Euro kostet allein die Fabrik in Villach für nur 400 Mitarbeiter. In der Branche schmunzelte man über die teure Fabrik, die noch dazu in einem Hochlohnland wie Österreich gebaut wird. Mittlerweile sind Chips aber heißbegehrt. So sehr, dass es sogar Engpässe gibt und Autokonzerne ihre Produktion zurückfahren müssen. Händeringend wird nach Chip-Herstellern gesucht. "Über uns lacht keiner mehr", sagt Ruhmer.

Drei mal vier Millimeter messen die Radarchips. 
- © Infineon

Drei mal vier Millimeter messen die Radarchips.

- © Infineon

Neben hohen Investitionen betreibt Infineon auch jahrelange Forschungsarbeit im Bereich 77 Gigahertz, an der Grenze des technisch möglichen, wie der Geschäftsführer erklärt. "Wir haben Antworten, während andere noch Fragen stellen", sagt er. Infineon beliefert die größten Smartphone-Hersteller der Welt und alle Premiummarken der Autoindustrie. Über die Namen der Kunden wird jedoch geschwiegen.

Yoga mit Blick auf bewaldete Hügel

Das Selbstbewusstsein, der Anspruch, die Nummer eins zu sein, das hilft bei der Suche nach Mitarbeitern. Der Fachkräftemangel in Österreich macht zwar auch vor Infineon nicht halt, doch der Konzern hat sich an die Bedürfnisse angepasst. Mit Blick auf bewaldete Hügel werden auf dem Betriebsbalkon Yoga-Kurse für Mitarbeiter angeboten, die laut Ruhmer "unglaublichen Zuspruch erfahren." Auch der Geschäftsführer nimmt immer wieder daran teil.

Einen weiterer Erfolgsfaktor ist Diversität. In Linz arbeiten 180 Mitarbeiter aus 30 Nationen von Indien bis Nigeria. "Das bringt unterschiedliche Sichtweisen, und damit bessere Lösungen", sagt Ruhmer. Auch die Vereinbarkeit von Beruf von Familie scheint gut geregelt zu sein. "Bei uns gehen auch Männer in Karenz, Führungskräfte arbeiten in Teilzeit."

Doch es gibt eine Sache, die der Konzern nicht lösen kann. 89 Prozent der Mitarbeiter sind Männer. "Wir tun uns wirklich schwer, Mitarbeiterinnen zu finden", räumt Ruhmer ein. Anders, als etwa in Osteuropa, werden österreichische Frauen im Kindesalter noch immer von der Technik ferngehalten. Man kennt das: Während der Bub ein anspruchsvolles Legotechnik-Set bekommt, erhält das Mädchen ein glitzerndes Armketterl. Das Ergebnis sieht man an der Uni. "Es gibt kaum Absolventinnen in technischen Studienrichtungen", sagt Ruhmer. Nur in einem Bereich sind Männer in der Unterzahl: "Bei der Suche nach Assistenten-Jobs bewerben sich zu 90 Prozent Frauen", fügt Ruhmer hinzu.

Dabei ist Österreich drauf und dran, zum Zulieferland von hochtechnologischen Bestandteilen für Auto, Mobilfunk und Energiesystemen zu werden. Allein am Standort Villach werden 400 neue hochqualifizierte Mitarbeiter aufgenommen, 100 Stellen sind noch ausgeschrieben.

"Beim Mathematik-Unterricht fehlt völlig der Sinnbezug"

Die sogenannten Mint-Fächer, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, sollten einen höheren Stellenwert bekommen und praxisnäher werden, fordert auch die Industriellenvereinigung (IV). "Die meisten Mädchen und auch viele Burschen klinken sich beim Unterricht von Mathematik und Naturwissenschaft aus", sagt Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der IV Oberösterreich. "Denn der Unterricht ist ein rein theoretisches Abhandeln von Formeln und Naturgesetzen. Keiner erklärt den Jugendlichen, was man damit machen könnte. Der Praxis- und Sinnbezug fehlt völlig."

Nichts erinnert hier mehr an früher, als Linz noch eine dreckige, graue Stahlstadt war. 
- © Bernd Vasari

Nichts erinnert hier mehr an früher, als Linz noch eine dreckige, graue Stahlstadt war.

- © Bernd Vasari

Dabei würden die Jugendlichen für ihre Anliegen, vor allem was die Umwelt betrifft, auf die Straße gehen. "Man könnte die Jugendlichen im Unterricht abholen, mit Themen wie Energieeffizienz oder wie man Plastik reduziert. Und dann erklärt man ihnen, wie man das rechnet." Der Arbeitskräftemangel wirkt sich auch auf die heimische Wertschöpfung aus. "Die Wertschöpfung wandert in die Länder, von denen wir die Arbeitskräfte beziehen müssen", sagt Haindl-Grutsch. Ein Aufwachmoment wäre dringend nötig.

"Österreich müsste sich stärker als Mint-Land positionieren", fordert Manfred Ruhmer. Bis es so weit ist, wird der Konzern selbst aktiv. Am Villacher Standort gibt es einen Betriebskindergarten mit Mint-Schwerpunkt, die sogenannten Science-Minis versuchen sich etwa an Mikroskopen und kommen so erstmals mit Technologie in Kontakt. Der Konzern ist in 150 Forschungskooperationen tätig, finanziert sechs Stiftungsprofessuren an österreichischen Unis.

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"Fachkräftemangel ist wachstumslimitierend", sagte Vorständin Sabine Herlitschka bei der Eröffnung des Forschungszentrums Ende April. In Zusammenarbeit mit der Linzer Johannes-Kepler-Uni will sie dieser Tatsache entgegenwirken. Ein neues Studienangebot "Künstliche Intelligenz" fand großen Anklang.

Geplant ist auch eine Technische Universität. Sie ist das Herzstück für die ambitionierten Ziele von Infineon, aber auch für Oberösterreich. Bis 2030 will das Bundesland zu den industriellen Spitzenregionen Europas aufsteigen. Derzeit belegt es Platz 34.

Der Nabel der heimischen Industriewelt

Voestalpine, BMW Steyr, Lenzing, Engel in Schwertberg, KTM in Mattighofen, Rosenbauer in Leonding, der Flugzeughersteller FACC: Österreichweit sind der Raum Linz und Oberösterreich noch immer der Nabel der heimischen Industriewelt. Rund ein Viertel der österreichischen Industrieproduktion und der Exporte werden laut Industriellenvereinigung in Oberösterreich erwirtschaftet. Damit ist es das führende Export-, Industrie- und Technologiebundesland.

Und der Trend zeigt weiterhin nach oben. "Wir haben Jahr für Jahr an Beschäftigung zugelegt, auch die Wertschöpfung ist stets gestiegen", sagt Haindl-Grutsch von der IV. "Das Innviertel war im vergangenen Jahr die wachstumsstärkste Industrieregion Österreichs."

Bis 2030 will Oberösterreich zu den industriellen Spitzenregionen Europas aufsteigen. 
- © Infineon

Bis 2030 will Oberösterreich zu den industriellen Spitzenregionen Europas aufsteigen.

- © Infineon

Der Smog in Linz ist wie weggeblasen. Statt Abgase blasen die Schlote der Fabriken heute Wasserdampf in die Luft. Auch Muskelkraft und Schwerarbeit gibt es nicht mehr, heute erledigen Roboter die schweißtreibenden Tätigkeiten. "Es gibt noch immer viel Industrie, aber sie ist hochwertig und umweltfreundlich", sagt Haindl-Grutsch. "Im Vergleich zu früher ist Linz heute ein Luftkurort."

Der Bau einer Technischen Universität soll das Zusammenspiel aus Forschung und Produktion und damit den Wirtschaftsstandort stärken. Im Herbst soll im Parlament das nötige Gesetz beschlossen werden, nach der Landtagswahl im September wird auch der Standort bekannt gegeben.

Bei Infineon nimmt man diese Pläne zufrieden zur Kenntnis. Denn mit Lebensqualität, Verkehrsanbindung, Kulturangebot und eben einem guten Forschungsumfeld hat man gute Karten im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte.

Und auch wirtschaftlich sieht es gut aus. Autohersteller setzen zunehmend auf selbstfahrende Autos, deren technische Grundlage auf den 77 Gigahertz starken Radarchips basiert. Mit jedem neuen Modell steigen die automatischen Fähigkeiten. "Einparken, Abstandsmessung, Spurhalten sind in der Normalklasse der Autos angekommen", sagt Ruhmer. Damit Fahrzeuge gar nicht mehr auf menschliche Fahrer angewiesen sind, müssen sich noch Gesetzgeber und Versicherungen einigen. Er verweist auf den Sicherheitsaspekt. "90 Prozent der Unfälle werden nach wie vor von Menschen verursacht. Das würde sich mit automatisierten Systemen dramatisch verbessern", sagt er.

Nun müssen die Menschen noch Vertrauen in die Technologie gewinnen, sich daran gewöhnen, wenn das Auto von selbst fährt. Eines wird es aber auch in den Autos der Zukunft geben: Den nervigen Pfeifton.