Die Frau hinter der Glasscheibe atmet garantiert virenfreie Luft. Eine Respiratorhaube auf ihrem Kopf schützt sie vor den Sars-CoV-2-Erregern, die seit dem Ausbruch der Pandemie vor eineinhalb Jahren rund 3,9 Millionen Todesopfer gefordert hat. Das Hochsicherheitslabor der Stufe 3 darf sie nur mit Schutzanzug, Einmalhandschuhen und Gummistiefeln betreten. Spezielle Filter stellen sicher, dass keine Viren nach außen gelangen. Zutritt hat nur ein Team von rund 20 Mitarbeitern. Sie forschen mitten in Wien an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

Behutsam öffnet die Frau einen Kühlschrank und entnimmt ein Gefäß mit roter Flüssigkeit. "Es enthält das Nährmedium für die Viren", sagt Michael Möhlen, Vice President Technical Development bei Valneva Österreich. Rund 100 Millionen Viren lagern in diesem Labor. Mit dem Nährmedium müssen die Viren Tag und Nacht "gefüttert" werden. Auch am Wochenende.

104 Covid-19-Impfstoffe befinden sich laut Weltgesundheitsorganisation WHO aktuell in der klinischen Entwicklung, darunter der Impfstoffkandidat VLA2001 von Valneva. Er unterscheidet sich grundlegend von den bisherigen mRNA- und Vektorimpfstoffen. Denn das französisch-österreichische Unternehmen setzt auf eine der ältesten Impfstoff-Technologien: den Totimpfstoff. Er besteht aus inaktivierten ganzen Sars-CoV-2-Viruspartikeln und zwei sogenannten Adjuvantien, Wirkverstärkern, um die Immunantwort zu erhöhen.

Studie mit AstraZeneca

In Großbritannien läuft seit Anfang Juni die Phase-III-Studie. 4.000 Studienteilnehmer erhalten entweder den Impfstoff von Valneva oder das bereits zugelassene Vakzin von AstraZeneca. "Es handelt sich um eine Vergleichsstudie. Dadurch zeigen wir indirekt Wirksamkeit", sagt Valneva-CEO Thomas Lingelbach. Man wolle mindestens genauso gut oder besser sein wie das Vakzin des britisch-schwedischen Konkurrenten. Erste Daten aus der Studie erhoffe man sich im September. Die Zulassung in Großbritannien und der EU soll noch heuer erfolgen.

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat bisher vier Impfstoffe zugelassen. Milliarden Dosen wurden bereits verimpft. Valneva hinkt anderen Herstellern um einige Monate hinterher. Lingelbach sieht darin aber kein Problem. "Unser Impfstoff ist komplementär. Er kann zum Auffrischen, für Kinder und Menschen mit Immunschwächen verwendet werden." Eine weitere Zielgruppe sind Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, oder jene, die die neuen mRNA-Impfstoffe skeptisch sehen. Für sie könnte ein Totimpfstoff eine Alternative sein. Zudem sei das Nebenwirkungsprofil bei Totimpfstoffen bekannt.

Valneva plant, mehr als 150 Millionen Dosen pro Jahr herzustellen. "Wir können nicht so große Mengen produzieren wie mRNA-Hersteller", sagt der Valneva-CEO.

Expansion geplant

Valneva hat bereits im ersten Quartal mit der Produktion seines Impfstoffs begonnen. Da in vielen Ländern die Covid-19-Impfstoffproduktion hochgefahren wurde, explodierte die Nachfrage nach speziellen Schläuchen und Plastiksäcken. Weltweit gibt es nur vier bis fünf Hersteller dieser Produkte. Unternehmen mit mRNA-Vakzinen wurden bevorzugt. "Wir haben über 40 Prozent Produktionsausfall gehabt", sagt Lingelbach.

Valneva produziert den Hauptwirkstoff in Schottland, abgefüllt wird in Schweden. Um die Kapazitäten zu erhöhen, wird am schottischen Standort Livingston ein neues Werk für 100 Millionen Euro gebaut. Ein Drittel der Kosten trägt Valneva, zwei Drittel die britische Regierung. Sie finanziert die Entwicklung des Impfstoffs bereits seit September 2020 und sichert sich im Gegenzug bis zu 190 Millionen Dosen im Gesamtwert von 1,4 Milliarden Euro - wenn die Impfstoffentwicklung erfolgreich ist. "Die britische Regierung investiert auf Risiko", sagt Lingelbach.

Auch mit der EU gab es Verhandlungen über den Kauf des Impfstoffs. Sie gerieten im Frühjahr jedoch ins Stocken. Valneva und die EU-Kommission konnten sich nicht einigen. Das Pharmaunternehmen entschloss sich daraufhin, bilateral mit EU-Staaten zu verhandeln. Österreich kündigte an, 1,2 Millionen Dosen von Valneva zu kaufen.

Nun nimmt der Verhandlungsprozess mit der EU allerdings wieder an Fahrt auf. "Wir sind in einem sehr fortgeschrittenen Stadium mit der EU über Lieferungen für 2022 und 2023", sagt Lingelbach. Um wie viele Dosen es sich handelt, seit derzeit Gegenstand der Verhandlungen.

In Wien, wo die gesamte Entwicklung geplant, durchgeführt und gesteuert wird, findet auch die Freigabetestung des Endprodukts statt. 200 von mehr als 650 Mitarbeitern sind am Valneva-Standort in Wien-Landstraße beschäftigt.

Bald könnten es mehr sein. CEO Lingelbach plant zu expandieren. "Wir haben in Europa zu wenig Impfstoffkapazität. Wir denken darüber nach, etwas in Österreich zu tun", sagt er. Derzeit werden noch verschiedene Standorte in Frankreich, Schweden und Österreich evaluiert. "Wir müssen die Kapazitäten erweitern", sagt Lingelbach zur "Wiener Zeitung". Kurzfristig werde mit Vertragsherstellern gearbeitet, Lingelbach will aber von der Produktion so viel wie möglich im Haus haben. "Österreich ist definitiv ganz oben auf der Liste", sagt er. Eine Entscheidung stehe aber noch aus.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) will den heimischen Pharmastandort stärker unterstützen und untereinander vernetzen. "Wir wollen klinische Studien stärker fördern", sagt sie beim Besuch des Valneva-Labors. Über ein EU-Programm sollen Gelder verteilt werden.

Valneva rechnet heuer mit Umsätzen von 80 bis 105 Millionen Euro. Umsätze mit dem Impfstoff VLA2001 sind dabei noch nicht berücksichtigt.