Es war eine große Überraschung, als der niederländische Finanzriese ING im Frühjahr bekanntgab, sein Privatkundengeschäft in Österreich noch heuer aufgeben zu wollen. Hunderte Mitarbeiter des online betriebenen Geschäftsteils fürchteten seither um ihren Job. Doch nun können sie aufatmen, denn in Zukunft werden sie im Konzern der Österreichischen Post AG angestellt sein. Die Post ist seit April 2020 mit einer eigenen Bank, der "bank99", am Markt vertreten. Und diese wird das österreichische Privatkundengeschäft der ING übernehmen, sobald die Behörden grünes Licht geben. "Geplant ist, dass damit auch alle 270 Mitarbeiter übernommen werden", erklärte eine Post-Sprecherin am Dienstag.

Für Georg Pölzl, den Generaldirektor der teilstaatlichen Post, ist der am späten Montagabend besiegelte Deal ein "außerordentlicher Schritt zum beschleunigten Hochlauf unserer Finanzdienstleistungen", wie er in einer Presseaussendung betonte. Hatte die neue Banktochter der Post zuletzt rund 70.000 Kunden, wird sie durch das hiesige Privatkundengeschäft der ING mit einem Schlag rund 150.000 Kunden dazubekommen und damit dann dreimal so viele Kunden haben wie jetzt - nach den Worten Pölzls ein "kräftiger Wachstumsschub".

Bilanzsumme springt auf 2,3 Milliarden Euro

Neben dem Kundenstock wird sich auch die Bilanzsumme der "bank99", die zu 80 Prozent der Post und zu 20 Prozent der Finanzgruppe der Grazer Wechselseitigen gehört, deutlich vergrößern. Waren es zum Ultimo 2020 erst 603 Millionen Euro, werden es nach dem Merger gut 2,3 Milliarden Euro sein.

Von den rund 150.000 Privatkunden, die quasi im Paket übernommen werden, hat dem Vernehmen nach etwa ein Drittel die ING als Hausbank. Die Übernahme selbst betrifft vor allem Girokonten, Konsum- und Hypothekarkredite sowie Wertpapierveranlagungen.

Nicht dabei sind indes reine Sparkunden, auf die die ING in der Vergangenheit besonders gesetzt hat, die jedoch wegen des Niedrigzinsumfeldes zu einem Verlustgeschäft geworden sind. Laut einer Sprecherin des Finanzkonzerns wurde der letzte reine Sparkunde, der sonst kein anderes Produkt bei der ING hatte, zur Jahresmitte verabschiedet. Für viele dieser rund 400.000 Kunden war das ING-Sparkonto ein Zweitkonto.

"Kein Preis im herkömmlichen Sinn"

Geld wird an den niederländischen Finanzkonzern beim "Verkauf" seiner österreichischen Privatkundensparte keines fließen - wohl deshalb nicht, weil auch dieses Restgeschäft defizitär ist. "Es gibt keinen Preis im herkömmlichen Sinn", hieß es am Dienstag aus der Post-Zentrale. Da es aber offenbar nötig ist, nach vollzogener Übernahme ein verlustbedingtes Kapital-Loch zu stopfen, wird die Post ihrer Tochterbank rund 100 Millionen Euro an frischem Geld zuschießen. Für die selbst noch rote Zahlen schreibende "bank99" rechnet Post-Chef Pölzl binnen drei Jahren mit einem ausgeglichenen Ergebnis.

Das Okay der Aufsichts- und Wettbewerbsbehörden für die Übernahme wird für Ende 2021 erwartet. Technisch abgeschlossen sollte sie dann Mitte 2022 sein, wie bei Post und ING weiter zu erfahren war. Die digitale Plattform der ING in Österreich in das IT-System der Post zu überführen, gilt schließlich als "hoch komplexes Unterfangen". Aus zwei Marken soll eine werden.

Ob sich für ING-Kunden bei der "bank99" etwas Relevantes ändern wird (viele haben etwa ein Gratis-Konto), ist noch unklar. Konkretes will die Post hier derzeit nicht sagen - nur so viel: "Wir wollen schauen, dass wir das Beste aus zwei Welten herausholen", so eine Pressesprecherin. "Unser Ziel ist, so viele Kunden wie möglich zu halten." Geplant sei jedenfalls, "die Online-Kompetenz zu stärken und den neuen Kunden auch ein Filialangebot zur Verfügung zu stellen". Österreichweit gab es zuletzt über die Post und deren Partner insgesamt fast 1.800 Geschäftsstellen.

ING fokussiert sich in Österreich auf Firmenkunden

Österreich ganz den Rücken kehren will die ING nach ihrem Markteintritt vor 18 Jahren indes nicht. Künftig möchte sie sich ausschließlich auf das rentablere Geschäft mit Firmenkunden konzentrieren. In diesem Bereich sind derzeit 14 Mitarbeiter am Standort Wien beschäftigt.