Wenige Momente sind erhabener als ein Sonnenaufgang. Vor allem hier im Kärntnerischen Heiligenblut. Während im Tal ein Bächlein plätschert, richtet sich der Blick nach oben. Stück für Stück erhellen die Sonnenstrahlen den schneebedeckten Großglockner. So, als würde ein Vorhang zur Seite gezogen werden, legt die Sonne auch den pittoresken Kirchturm des Dorfes frei: Berg-Idylle, Heimatgefühle, Natur pur.

Doch das Bild zerplatzt wie eine Seifenblase als die ersten röhrenden Motorräder donnernd um die Ecke biegen. Männer und Frauen in Lederjacken, die ihren asphaltierten Traum leben. 47,8 Kilometer lang. Serpentine um Serpentine. Von Heiligenblut über das Kaser Eck. Vorbei am Glockner Haus. Rauf zu den Parkplätzen der Franz-Josefs-Höhe auf 2369 Metern Seehöhe, mit Aussicht auf Österreichs längstem Gletscher und Österreichs höchstem Berg.

Die Sonne strahlt hier oben, sie funkelt auf dem Blech der Motorräder und auf dem Blech der Autos, die sich eng geparkt aneinanderreihen. Der Blick ist klar. Und es ist deutlich zu sehen: Der Gletscher, der zum letzten Mal in den 1960er Jahren wuchs, zieht sich immer weiter zurück. Wo früher der Gletscher war, ist heute eine graue Wanne, ein Rinnsal, das sich vor dem Parkplatz ausbreitet. Und auch den Gipfel des Großglockners bedeckte schon einmal mehr Schnee zu dieser Jahreszeit.

Der Klimawandel ist hier oben angekommen. Doch wie geht es nun weiter? Wie soll die Natur geschützt werden? Und ist dieser dröhnende Tourismus der Abgaswolken noch zeitgemäß?

"Der Gletscher wird bald Todeis sein"

Der Heiligenbluter Markus Lackner ist seit vielen Jahren Ranger im Nationalpark. Er kennt hier jedes Tier, weiß um die Wirkung der Pflanzen, war dabei als die Bartgeier vor ein paar Jahren wieder angesiedelt wurden. Seit Jahren muss er zusehen, wie diese Landschaft aus mächtigen Bergketten, duftenden Fichtenwäldern und saftigen Wiesen durch Temperaturschwankungen und Wetterextreme in Mitleidenschaft gezogen wird.

Nationalpark-Ranger Markus Lackner. 
- © Bernd Vasari

Nationalpark-Ranger Markus Lackner.

- © Bernd Vasari

"Der Gletscher lebt, aber er wird bald Todeis sein", erklärt er und hält das Horn eines Steinbocks in die Höhe. "Durch den Klimawandel fängt es immer früher an zu blühen", sagt er. "Viele Pflanzen haben daher auch viel früher den Höhepunkt ihrer Reife." Diese Verschiebung hat starke Auswirkungen auf die Flora und Fauna der Hohen Tauern, also auch auf das Leben der Steinböcke. "Wenn im Mai die Jungtiere auf die Welt kommen, ist die Blütezeit vieler Pflanzen schon vorbei", sagt der Ranger. "Die Muttermilch muss ja eine entsprechende Energie haben. Sind die Nährstoffe aber nicht vorhanden, sterben viele der Jungtiere."

Auch die Waldgrenze klettert durch den Klimawandel nach oben. "Hochalpine Tiere werden zurückgedrängt" sagt Lackner. Auch in diesem Fall ist der Steinbock betroffen. Die Tiere wandern zu den verbliebenen Schneefeldern, ihr Lebensraum verkleinert sich.

Die Ausrottung des Steinbocks

Knapp 1000 Steinböcke gibt es in den Hohen Tauern. Von den Einheimischen werden sie ehrfurchtsvoll "König der Alpen" genannt. Der Steinbock ist daher nicht irgendein Tier, sondern der Maßstab für eine gesunde Vegetation.

Verehrt wurde er bereits von den alten Römern. Was dem Steinbock aber nichts nutzte. Die Römer und ihre Nachfahren glaubten jahrhundertelang an die Genesung durch Medizin, die aus Körperteilen und Exkrementen des Tiers hergestellt wurde. Das Blut half angeblich gegen Durchfall, die Haare gegen blutende Wunden, das pulverisierte Horn gegen Schwindel und Vergiftungen.

Mit immer besseren Schusswaffen konnten immer mehr Steinböcke erlegt werden, bis sie Anfang des 19. Jahrhunderts im österreichischen Alpengebiet ausgerottet waren. Nur in Italien überlebte eine kleine Population, wo Viktor Emanuel II, König von Sardinien-Piemont, gezielte Schutzmaßnahmen setzte.

Der Steinbock ist der Maßstab für eine gesunde Vegetation. - © Nationalpark / Markus Lackner
Der Steinbock ist der Maßstab für eine gesunde Vegetation. - © Nationalpark / Markus Lackner

Erst dem Hirten und Jäger Hans Pichler gelang es die Steinböcke wieder in den Hohen Tauern anzusiedeln. 1960 kaufte er sechs Tiere aus der Schweiz und setzt sie erfolgreich aus. Die Schweizer bezogen ihre Steinböcke aus der kleinen Population in Italien.

Die Wiederansiedlung der Steinböcke fiel in eine Zeit des Umdenkens. In den Jahren zuvor wurde die Wirtschaft durch Straßen, Skigebiete und Wasserkraftwerke angekurbelt. Bäche und Flüsse verschwanden in Kanälen, von wo sie durch die Kraftwerksturbinen geleitet wurden.

Die Bauern wurden misstrauisch. Sie bekamen Angst, dass sie ihre Felder eines Tages nicht mehr bewässern können. Der mächtige Alpenverein, Naturfreunde und der Naturschutzbund begannen gegen die Wirtschaftspläne Stimmung zu machen. Sie konnten immer mehr Menschen auf ihre Seite ziehen, bis die Politik reagieren musste.

Landeshauptleute wollen die Gemüter beruhigen

Nach langwierigen Verhandlungen unterschrieben die Landeshauptleute von Kärnten, Salzburg und Tirol am 21. Oktober 1971 auf dem Dorfplatz die Heiligenbluter Vereinbarung. Es war die Grundsatzentscheidung für einen Nationalpark Hohe Tauern. Nicht mehr und nicht weniger. Die Landeshauptleute wollten damit die Gemüter beruhigen und dachten mit der Unterschrift sei es getan. Doch vergebens.

Das Ringen zwischen Natur und Wirtschaft ging weiter. Naturschutzbund und Alpenverein machten Druck. "Muss Sport Natur zerstören?", "Hat unser Wald noch eine Chance?", fragten sie, bis die Kärntner Landesregierung nachgab und 1981 ein Gebiet von 195 km2 zum Nationalpark erklärten. 1984 folgte Salzburg, 1992 schließlich auch Tirol. Der Nationalpark Hohe Tauern misst heute 1856 km2.

Das mystische Defereggental. 
- © Bernd Vasari

Das mystische Defereggental.

- © Bernd Vasari

Auf dem Papier wird der Lebensraum von Tieren und Pflanzen geschützt. Doch wie sieht es in der Realität aus? Wie kann verhindert werden, dass Touristen in Gebiete eindringen, wo sie den Lebensraum stören?

123 km2 des Nationalparks liegen im Osttiroler Defereggental. Ein mystischer Ort in den Hochalpen mit dunklen Zirbenwäldern, Nebelschwaden und strengen Wintern. Zwischen Klammljoch, Hirschbichl und Rosshornscharte kann es sogar kalt werden, wenn der Rest des Landes bei Badewetter schwitzt. Wer sich den Launen der Alpen aussetzen will, ist hier genau richtig. Zahlreiche Wege laden zur Entdeckung ein: Der "Alpenblumen- und Panoramaweg Oberseite", "Wassererlebnisweg" oder "Leben am Steilhang".

"Die Touristen sollen auf den Wegen bleiben"

Hermann Stotter ist Nationalparkdirektor des Tiroler Teils der Hohen Tauern. Laut Gesetz gibt es eine Wegefreiheit, erklärt er. Man versucht daher die Besucher zu lenken, auf verschiedenen Lehrpfaden für Kinder und Familien zu den Themen, Natur und Kultur. "Es geht darum, die Touristen auf den Wegen zu behalten", sagt Stotter. "Die Wege müssen daher so spannend sein, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, vom Weg abzuschweifen."

Wie soll die Natur vor dem Klimawandel geschützt werden? 
- © Bernd Vasari

Wie soll die Natur vor dem Klimawandel geschützt werden?

- © Bernd Vasari

Rund 1000 Kilometer umspannt das Wanderwegenetz in den Hohen Tauern. "Wir haben die Holzschilder durch gut sichtbare gelbe Schilder ersetzt, Steine und Holz werden regelmäßig weggeräumt, die Wege sind einfach und gut zu gehen." Am Beginn jedes Wanderwegs wurden ausführliche Karten für die Orientierung aufgestellt. "Keine Fragen sollen offenbleiben", sagt er.

Wichtig für das Naturbewusstsein sei aber auch die Bildungsarbeit. Es gibt Projektwochen für Kinder und Jugendliche auf urigen Almhütten und Workshops in Schulen. "Naturbegeisterte Kinder wirken auf ihre Eltern und Großeltern", sagt der Nationalparkdirektor. So werden mehrere Generationen gleichzeitig sensibilisiert.

Naturbegeisterung, Lehrpfade, entschleunigtes Wandern. Blickt man von Osttirol über die andere Seite des Felber Tauern nach Salzburg landet man im Pinzgau, im Land der Zäune aus zusammengestecktem Holz, im Land der Erdäpfelknödel, im Land des Lächelns, wo sich die Menschen mit einem herzlichen "Servas" grüßen und nicht mit dem biederen "Grüßgott."

Doch Ökologie und Tourismus fanden hier jahrzehntelang nicht zusammen. Alkoholgeschwängerte Partymeilen auf dem Berg, überdimensionale Skigebiete wie in Kaprun oder Zell am See, abgasgetriebene Oldtimer-Rallys und Traktor-Weltmeisterschaften und massenhaft Touristen. Bis das Coronavirus den Massenauflauf plötzlich stoppte.

Ein Jahr in Stille verging, ein Jahr des Nachdenkens, ein Jahr, in dem die Menschen zurück zur Natur fanden. Heute sieht man viele Dinge anders: "Speziell die Jugend hat mehr Affinität zu Schönheiten der Landschaft als noch die Jugend vor 20 Jahren", sagt Michael Obermoser, Hotelier und Bürgermeister der Gemeinde Wald im Pinzgau. Als der Nationalpark gegründet wurde, sei dieser ein Fremdkörper gewesen. "Wichtiger war es Lifte zu bauen, Apres-Ski-Partys zu organisieren und Action anzubieten, auf allen Ebenen, von Rafting bis Brückenspringen", sagt Obermoser.

Künftig Wandern statt Feiern? 
- © Bernd Vasari

Künftig Wandern statt Feiern?

- © Bernd Vasari

Die manische Disneylandisierung war der Strohhalm für eine Region, der die Jugend davonlief. "Uns sind die Gäste vergreist. Das Altersheim Europas ist zu uns gekommen", erinnert sich Obermoser. "Wir fürchteten uns, den Anschluss an die Jugend nicht zu finden und setzten daher auf Action." Mit Erfolg. Doch der einsetzende Massentourismus mit wenig Bezug zur Natur wurde zum Problem.

"Mehr Erschließungen braucht es nicht mehr"

Nun versucht man die Geister, die man rief, wieder loszuwerden. "Der Tourismus ist gut beraten, dass wir unseren Nationalpark als Gesundheitsquell und Entschleunigungsort positionieren. Das sind in dieser hektischen Zeit auch unsere Potenziale für die Zukunft", sagt Obermoser. "Auch, wenn ich hier gegen mein eigenes Gewerbe rede, aber mehr Erschließungen brauchen wir nicht mehr. Im Pinzgau haben wir 90.000 Gästebetten, da können wir nicht von sanftem Tourismus sprechen", betont der Hotelier. "Es geht jetzt darum, Bestehendes nachhaltig zu verbessern."

Bürgermeister Michael Obermoser. 
- © Bernd Vasari

Bürgermeister Michael Obermoser.

- © Bernd Vasari

Das betrifft auch den Arbeitsmarkt. Genauso, wie auf der Kärntner und auf der Tiroler Seite, gibt es im Pinzgau wenig Erwerbsmöglichkeiten. Es gibt zwar Jobs im Tourismus sowie in der Bau- und Landwirtschaft. Ein vielfältiges Arbeitsangebot, wie in urbanen Regionen ist aber nicht vorhanden. Das führt zu Abwanderung, vor allem von jungen Menschen.

"Nur vom Naturschutz allein können wir nicht leben", räumt Obermoser ein. "Wir müssen auch die Wirtschaft beleben." Doch Alternativen gibt es kaum. "Wir müssen darüber nachdenken, wie wir den Druck von der Natur nehmen. Allein werden wir das nicht schaffen, wir brauchen auch wissenschaftliche Unterstützung."

Immerhin gibt es einzelne Initiativen wie die Plattform "Komm Bleib" mit aktuellen Jobangeboten und offenen Lehrstellen sowie Ferienbetreuung für Schulkinder. Das EU-geförderte Strukturprogramm "Leader Region Nationalpark Hohe Tauern" berät mit Projekten wie "Gut ankommen im Leben", "VergissDeinNicht" oder "Pinzgauer Begabung".

"Wir stehen am Anfang einer neuen Entwicklung, die Bewusstseinsbildung fängt jetzt an", sagt Obermoser. Es wurden in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, auch wenn man an die Betonwüsten der Gewerbeparks und die Vergabe von Zweitwohnsitzen für Spekulanten denkt. Nun werde es Geduld brauchen. "Das kann man nicht von heute auf morgen umdrehen. Das ist ein Prozess", sagt Obermoser.

Hoffen auf den Ausbau der Mobilfunkgeneration 5G

Ein Lichtstreif am Horizont ist die immer stärker werdende Digitalisierung. "Der Ausbau der neuen Mobilfunkgeneration 5G ist sehr wichtig für uns. Damit könnte die Lücke zu urbanen Regionen verkleinert werden." Und die Jungen zum Bleiben motiviert werden.

Die Tierwelt steht unter Druck. 
- © Bernd Vasari

Die Tierwelt steht unter Druck.

- © Bernd Vasari

Vom Pinzgauer Fusch/Ferleiten führt die Großglockner Hochalpenstraße wieder hinüber auf die Kärntner Seite. "Die Straße ist ein großer Wirtschaftsfaktor für uns", sagt Obermoser. Knapp eine Million Menschen befahren sie pro Jahr zwischen Mai und Oktober. Ein einträgliches Geschäft für die Region. 37,50 Euro kostet eine Tageskarte pro Pkw, 27,50 Euro pro Motorrad. Es profitieren Restaurants und Souvenirläden. Doch was hat die Natur davon?

"Die Glocknerstraße hat sehr viel Symbolkraft in der Bevölkerung", sagt Obermoser. Sie wurde in den 1930er Jahren gebaut und sei damals eines der Wirtschaftswunder der neugegründeten Republik gewesen.

Auch auf der Kärntner Seite weiß man nicht so recht, wie Hochalpenstraße und Umweltschutz unter einen Hut zu bringen sind. Es gibt einen Wanderbus von Heiligenblut, der abgestimmt ist mit Führungen durch den Nationalpark. Doch wieviele von den abertausenden Besuchern nehmen daran teil und lassen ihr Auto stehen?

Die Parkplätze der Franz-Josefs-Höhe leeren sich. Kolonnen von Autos und Motorrädern kurven den Berg hinab. Serpentine um Serpentine. Vorbei am Glockner Haus, über das Kaser Eck hinunter nach Heiligenblut.

Männer und Frauen in Lederjacken leben ihren asphaltierten Traum. 
- © Bernd Vasari

Männer und Frauen in Lederjacken leben ihren asphaltierten Traum.

- © Bernd Vasari

"Solange man mit dem Auto schneller ist als mit den Öffis, werden die Menschen das Auto nutzen", sagt der Kärntner Ranger Markus Lackner. Besser getaktete Busse, gute Zugverbindungen, vorgezogene Parkplätze, damit die Parkplätze im hochalpinen Gebiet entlastet werden. Die Wunschliste ist lang. Doch keiner weiß, wer sie erfüllen soll.

Noch einmal richtet sich der Blick nach oben, wo die Sonne hinter dem Großglockner verschwindet. Der Vorhang fällt, es bleibt der dunkle Berg.

Auf der Hochalpenstraße ist es still geworden. Die Natur ist wieder zu hören. Vögel zwitschern, Murmeltiere schmatzen. Und im Tal plätschert ein Bächlein.

(Die Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise auf Einladung des Nationalparks Hohe Tauern, Anm.)