"Wir kriegen eh keine Pension mehr." Dieser Satz fällt andauernd. Am Esstisch in der Familie, in der U-Bahn, beim Bier mit Freunden. Er ist Common Sense in der Bevölkerung. Eine Binsenweisheit, der jeder zustimmt. Doch sie bleibt unhinterfragt. Wir sind aber bei Weitem nicht die erste Generation, die mit Pessimismus glänzt. Schon unsere Elterngeneration jammerte, sie bekomme trotz vieler Beitragsjahre keine vernünftige Pension mehr. Was ist also wirklich dran? Wie schlecht wird es uns in der Pension wirklich ergehen? Und funktioniert das Pensionssystem in seiner jetzigen Form überhaupt noch?

Die Befürchtung vieler junger Menschen sei unbegründet, sagt Wifo-Ökonomin und Pensionsexpertin Christine Mayrhuber. "Jedes Erwerbsjahr ist mit Pensionsansprüchen verbunden", sagt sie. Die Ökonomin versteht die Sorgen. Das Pensionssystem wurde permanent verändert, es wurde zunehmend komplexer. "Junge Menschen haben den Eindruck, sie können dem nicht mehr folgen. Das Vertrauen in das Pensionssystem verringert sich", sagt Mayrhuber.

Pensionen für die Jüngeren wird es geben, sagt auch Denes Kucsera, Ökonom beim wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria. "Die Frage ist, wie hoch die Pension ausfallen wird und auf welchen Kosten das passiert."

Demografische Probleme

Die Kosten des Pensionssystems trägt die arbeitende Bevölkerung. Sie finanziert mit ihren Pflichtbeiträgen die Pensionisten. Von jedem Euro, der vom Bruttogehalt als Sozialversicherungsbeitrag abgezogen wird, fließen 57 Cent in die Pensionsversicherung. Das Pensionssystem basiert auf einem fiktiven Generationenvertrag. Jene, die erwerbstätig sind, kommen für den älteren, nicht mehr erwerbstätigen Teil der Bevölkerung auf. Die Jungen sichern den Alten ihren Lebenswohlstand - und sich selbst Ansprüche auf die eigene Pension.

Rund zwei Millionen Österreicher erhalten jeden Monat eine Pension. 2020 betrug die durchschnittliche Alterspension 1941 Euro. Das Sicherungsniveau in Österreich ist vergleichsweise hoch. Die Pensionen sind etwa deutlich höher als in Deutschland. Laut Zahlen der OECD beträgt die Bruttoersatzrate - sie gibt die Höhe der Pension bezogen auf das durchschnittliche Einkommen im Erwerbsleben an - in Österreich 77 Prozent, in Deutschland hingegen nur 39 Prozent.

Doch der Druck auf das Pensionssystem nimmt zu. Die Demografie bringt das System in Schieflage. Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer der 1950er und 1960er Jahre stehen an der Schwelle zum Pensionsalter. Die Generation 65+ wird zahlen- und anteilsmäßig stark an Gewicht zulegen. 2060 wird die Zahl der über 65-Jährigen um eine Million auf 2,7 Millionen steigen. Auf der anderen Seite der Altersskala geht der Anteil der Erwerbsfähigen von 20 bis 65 Jahre jedoch zurück. "Die finanzielle Last tragen die Jüngeren", sagt Kucsera.

Das Verhältnis zwischen Beitragszahler und Pensionsempfänger hat sich dramatisch verschlechtert. Während 1950 auf eine Person im Pensionsalter noch sechs Personen im erwerbsfähigen Alter kamen, so sind es heute nur noch drei Personen. 2040 werden es nur noch zwei sein. Gleichzeitig leben wir immer länger. Das durchschnittliche Alter bei Männern steigt von derzeit 79,5 Jahre auf 85,2 Jahre 2050. Frauen werden mit 88,8 Jahren um 4,6 Jahre älter. Auch die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren steigt.


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Immer mehr Ältere, die noch älter werden, und immer weniger Jüngere, die arbeiten: Lässt sich das Pensionssystem auf Dauer noch finanzieren? Der demografische Aspekt sei nur ein Teil, sagt Wifo-Ökonomin Mayrhuber. "Eine hohe Beschäftigungsquote und ein hohes Lohnniveau sind die Finanzierungsgrundlage für das Pensionssystem", sagt sie. Laut Wifo-Daten gab es von 2010 bis 2020 eine Zunahme der Beschäftigungsquote von 3,3 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das rund 560.000 Erwerbspersonen mehr. Für die Zukunft ist Mayrhuber optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass die Beschäftigungsquoten ansteigen werden."

Steigende Beschäftigung ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Finanzierung des Pensionssystems. Wichtig ist aber auch, dass die Einkommen steigen. Zwar sind die Bruttolöhne in den vergangenen 20 Jahren gestiegen. Doch die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung hat dazu geführt, dass sich der reale Pro-Kopf-Lohn in den vergangenen 15 Jahren nur um sechs Prozent erhöht hat. "Die gesamtwirtschaftliche Produktivität hat sich nicht in Löhnen niedergeschlagen", sagt die Ökonomin. "Das hat negative Auswirkungen auf die Pensionsfinanzierung." Zudem arbeiten viele Menschen in kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen, was wiederum das Finanzierungssystem der Pensionen unterhöhlt.

Pensionen ungleich verteilt

Ein weiteres Problem des Pensionssystems ist das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Frauen erhalten weniger Pension als Männer. Sie übernehmen häufig die Kinderbetreuung, pflegen ältere Familienmitglieder und steigen nach der Karenz häufiger mit Teilzeit wieder in das Arbeitsleben ein. Dazu kommt, dass sie im Schnitt ein Drittel weniger Einkommen als Männer erhalten. "Frauen leisten viel unbezahlte Arbeit und haben später ein Problem mit der Pension", sagt Oliver Picek, Ökonom vom sozialliberalen Momentum Institut. Im Schnitt haben Frauen acht Beitragsjahre weniger. Das spiegelt sich in den Zahlen wider. Laut Pensionsversicherung erhielten Männer 2020 eine durchschnittliche Alterspension von 2.588,77 Euro, Frauen hingegen 1.457,35 Euro.

Für Frauen, die schon in Pension sind, schlägt Picek eine Erhöhung der Mindestpension vor. "Für aktuell erwerbstätige Frauen müsste die unbezahlte Arbeit besser berücksichtigt werden." So könne etwa die Beitragsgrundlage, die während der Karenz fiktiv angerechnet wird, erhöht werden.

Neben der Demografie trägt noch ein anderer Grund zur Schieflage im System bei. Junge Menschen steigen später ins Berufsleben ein. Seit 1971 hat sich die Studien- beziehungsweise Ausbildungszeit um vier Jahre erhöht. Das produktive Arbeitsleben ist von 1971 bis 2011 von 42 auf 38 Jahre gesunken. Die Zeit in der Pension hat sich hingegen fast verdreifacht. Es bekommen also immer mehr Personen immer länger eine Pension.

Um das Ungleichgewicht zu beseitigen, gibt es laut Agenda Austria-Ökonom Kucsera mehrere Möglichkeiten. Die Pensionsbeiträge etwa könnten erhöht werden. "Das ist insofern problematisch, denn die Beträge in Österreich sind mit 22,8 Prozent vom Bruttolohn schon jetzt sehr hoch. Eigentlich müsste man den Faktor Arbeit entlasten." Die Pensionen zu kürzen, käme einem politischen Selbstmord gleich.

Steuergeld sichert Pension

Ein anderer Ansatz wird bereits seit Jahren praktiziert: Der Staat schießt Steuergeld zu. Denn die Pensionsausgaben werden nur durch zwei Drittel durch Pensionsbeiträge finanziert. Ein Drittel deckt der Staat. 20 Milliarden Euro aus dem Budget werden jedes Jahr an Alterskosten für Pensionszuschüsse und Pflege aufgewendet. Damit wird das Problem aber nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. "Die Finanzierung über neue Schulden spürt man zunächst nicht. Man verschiebt das Problem aber in die Zukunft zulasten der jüngeren Bevölkerung", sagt Kucsera. Laut Zahlen aus dem aktuellen Ageing Report der EU-Kommission steigt der Anteil der Pensionsausgaben am BIP allerdings nur gering: von 13,3 Prozent (2019) auf 15,4 Prozent 2035.

Kucsera plädiert dafür, das Pensionsantrittsalter zu erhöhen. In Finnland, Niederlande oder Italien sei es bereits jetzt Praxis, die gesetzliche Pensionshöhe an die Lebenserwartung zu koppeln. Derzeit liegt das gesetzliche Pensionsantrittsalter bei 60 Jahren für Frauen und 65 Jahren für Männer. Der Ökonom schlägt vor, das Antrittsalter pro Jahr um zwei Monate auf letztlich 67 Jahre für beide Geschlechter zu erhöhen.

"Ich warne davor, dass eine gesetzliche Änderung automatisch zu mehr Beschäftigung führt", entgegnet Wifo-Pensionsexpertin Mayrhuber. Das Wifo hat sich den Pensionsantritt von Frauen zwischen 2010 und 2019 angesehen. "Nur die Hälfte der Frauen ist von der Erwerbstätigkeit direkt in die Pension übergetreten. Die andere Hälfte hatte Lücken, etwa durch Arbeitslosigkeit", sagt Mayrhuber. Erhöht man nun das Antrittsalter, steigt die Dauer dieser Lücken, ist sie überzeugt. "Ich habe zwar vielleicht einen positiven Effekt in der Pensionsversicherung, aber er geht teilweise verloren, weil ich mehr Aufwendungen in der Arbeitslosenversicherung habe."

Das Pensionssystem steht also ohne Zweifel vor einer Reihe von Herausforderungen. Die Sorge junger Menschen, im Alter keine Pension zu bekommen, kann übrigens eine OECD-Untersuchung aus dem Jahr 2019 entkräften. Die Industrieländerorganisation hat untersucht, welche Pension sich Junge, die gerade zu arbeiten begonnen haben, erwarten dürfen. Ergebnis: Ein heute 23-Jähriger, der sein Leben lang durchschnittlich verdient, bekommt etwa gleich viel Pension wie jemand, der 1940 geboren wurde.