Die Experten von Raiffeisen sehen aktuell und in den kommenden Jahren ein höheres Inflationspotenzial als in der vergangenen Dekade. Sie erwarten aber keine galoppierende Inflation, sondern Raten zwischen zwei und drei Prozent. Die gefühlte Inflation werde die statistische Teuerungsrate jedenfalls weiterhin recht deutlich überragen, hieß es am Freitag vor Journalisten in Wien. Grund dafür sind statistische Gewichtungen. Klassisches Sparen bleibt ein Minusgeschäft.

"Inflation das Thema Nummer eins"

"In fast allen Kundeninteraktionen ist die Inflation das Thema Nummer eins, sowohl bei Privat- als auch Firmenkunden", sagte Raiffeisen-Research-Chef Gunter Deuber. "Wir erwarten aber keine Hochinflationsphase, sehen keinerlei Anzeichen für eine Hyperinflation. Wir sehen aber sehr wohl höhere Inflationsraten." In der aktuellen Debatte spielten kurzfristige Aspekte eine große Rolle. Konsumenten- und Produzentenpreise stiegen derzeit zum Teil zweistellig. "Das ist normal in Erholungsphasen nach Wirtschaftskrisen, jetzt aber doch etwas ärger ausgeprägt. Die Coronakrise ist in vielen Bereichen aber auch ein deflationärerer Angebotsschock gewesen, der jetzt starke Preissteigerungen nach sich zieht", so Deuber. Man denke etwa an Treibstoffe oder Agrarrohstoffe, die laut WIFO bald auf die Lebensmittelkosten durchschlagen werden.

In den nächsten Monaten dürften die Konsumentenpreise laut Deuber und RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek in Europa an der 3-Prozent-Marke kratzen, auch angetrieben von der Teuerung im großen Deutschland, die bis auf 4 Prozent anwachsen könnte. Kurzfristig - in den nächsten 12 bis 24 Monaten - rechnen die Raiffeisen-Fachleute mit einer vorübergehend sinkenden Inflation im Euroraum und den USA.

Mittelfristig gebe es viele Unwägbarkeiten, die Experten rechnen aber mit einer höheren Inflation als in den vergangenen zehn Jahren. "Wir rechnen durchschnittlich mit zwei bis drei Prozent, die Teuerung kann auch einmal darüber liegen", sagte Brezinschek. In der Eurozone belief sich die Inflation in den letzten zehn Jahren auf 1,2 Prozent und in Österreich auf 2,0 Prozent. Inflationstreiber waren die Finanzmärkte, nicht die Güterproduktion.

Vorjahr von Sondereffekten geprägt

 

Was sich derzeit bei den zum Teil immensen Preissteigerungen auf den Rohstoff-, Güter- und Dienstleistungsmärkten abspiele, ist für die Fachleute strenggenommen keine Inflation. "Wir sehen 'nur' mehr oder minder kräftige Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr, das wegen Corona von vielen Sondereffekten geprägt war", sagte Deuber. "Richtige" Daten zur Inflation seien daher erst wieder 2022 zu erwarten. Von Inflation spricht man erst, wenn sich die Preisentwicklung über einen längeren Zeitraum kontinuierlich steigert.

An eine in den kommenden Jahren höhere Teuerung glauben die Fachleute, weil einige zuletzt strukturell und global preisdämpfende Effekte abflauen dürften. "Wir denken, dass zum Beispiel die Globalisierung, Demografie oder die weltweite Ersparnisbildung in den 2020er-Jahren an Wirkungskraft verlieren oder sich zu Teil sogar zu Preistreibern entwickeln könnten", sagte Brezinschek. "Die Maßnahmen gegen den Klimawandel sind auch nicht kostenfrei umzusetzen", sagte Brezinschek. Preise tendenziell steigern könnten auch die zunehmende Bedeutung der ESG-Kriterien im Sinne der Nachhaltigkeit von Unternehmen und ein damit verbundener stärkerer Einfluss der Staaten auf die Preisgestaltung. "Die Digitalisierung als preisdämpfender Faktor sollte aber Bestand haben."

Sparen bleibe auf längere Sicht sicher kein Geschäft, so Brezinschek. Die Inflation übersteigt die Zinsen deutlichst. Er empfiehlt eine Streuung kleinerer Beträge auf verschiedene Aktien, um ein Vermögen aufzubauen. (apa)