Wiener Zeitung: Heuer sind zwei bemerkenswerte Dinge passiert: Die Aktionäre von Exxon Mobil haben Umweltaktivisten in den Verwaltungsrat des Unternehmens gewählt. Ein niederländisches Gericht hat Shell dazu gezwungen, seine CO2-Emissionen weltweit um die Hälfte zu reduzieren. Ist wirtschaftlicher Erfolg auf Kosten der Umwelt langfristig noch möglich?

Günter Schubert: Bis vor zwei bis drei Jahren war das Bewusstsein der Firmenlenker, was das Umdenken in den Geschäftsmodellen angeht, noch nicht so geschärft. Bei all den Gesprächen, die ich mit Firmenchefs und CEOs in letzter Zeit hatte, kann man nun aber sagen, dass sie das Thema nachhaltiges Wirtschaften als Priorität auf ihre Agenda genommen haben. Ich persönlich glaube, dass es nur einen Weg nach vorne gibt und man die Geschäftsmodelle deutlich in Richtung Nachhaltigkeit adaptieren muss.

Grüne Anlageformen boomen. Welchen Anteil machen nachhaltige Investments in Ihrem Portfolio mittlerweile aus?

Vor zwei Jahren fing es verstärkt an, dass unsere Kunden diese nachhaltigen Veranlagungen mehr nachgefragt haben. In den letzten Jahren ist ein sehr breiter Markt an strukturierten Anlageprodukten entstanden, die Nachhaltigkeitsindices abbilden. Wobei nachhaltig nicht nur klimafreundlich, sondern auch sozial bedeutet. Also auch Firmen abbildet, die einen hohen Diversity-Index haben. Und wir beobachten, dass die Performance dieser Papiere, die ja für Anleger wichtig ist, anderen Anlagen nicht nachhängt. Derzeit haben wir circa 1,9 Milliarden Euro an nachhaltigen Fonds, das entspricht etwa 15 Prozent des gesamten Fondsvolumens.

Banken und Versicherungen wollen zunehmend keine Kohlekraftwerke finanzieren, Pensionsversicherungen nehmen Ölfirmen aus ihren Portfolios. Welche Rolle spielt der Finanzmarkt beim Kampf gegen den Klimawandel?

Bei Kohlekraftwerken zum Beispiel hat sich die Finanzbranche in Europa darauf geeinigt, dass das kein Geschäftsmodell für die Zukunft ist, das unterstützt wird. Unicredit hat vor Jahren beschlossen, dass man Kohlekraftwerke nur mehr in der Exit-Phase begleiten wird. Und ich sehe auch in Zukunft noch mehr Druck auf Banken zukommen, mehr Transparenz hinsichtlich der Nachhaltigkeit in ihren Portfolios zu gewährleisten.

Wird Gewissen zur neuen Rendite?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube es nicht, es ist ein Teil des Ganzen. Dazu müsste man die unterschiedlichen Generationen befragen. Ich denke, dass jüngere Menschen mehr darüber nachdenken und bereit sind, mehr dafür zu bezahlen. Es geht ja auch nicht um Verzicht bei der Debatte, sondern darum, was man bekommt.

Wenn mir zum Beispiel ein Kreditkartenunternehmen verspricht, dass bei jeder Zahlung ab 100 Euro ein Baum im Amazonas gepflanzt wird, kann ich das als Konsumentin doch niemals überprüfen. Wie geht man mit der zunehmenden Gefahr von Green Washing um?

Ich würde mir wünschen, dass es möglichst wenig Green Washing in der Branche gibt. Jetzt muss man zur Kenntnis nehmen, dass das Thema Nachhaltigkeit noch ein grünes Pflänzchen ist, das erst in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Es haben sich hier aber noch keine Standards durchgesetzt. Wir erwarten uns Ende dieses Jahres von der EU-Kommission Klarheit, was und in welcher Ausprägung als nachhaltig anerkannt wird, damit es eben nicht zu Green Washing kommt. Und wir müssen auch in unseren Investmentausschüssen und Kreditvergabekriterien darauf bestehen, dass, wenn wir etwas als grüne Veranlagung ausweisen, auch mit unabhängigen Rating-Agenturen arbeiten. Ich bin überzeugt, in den nächsten zwei bis drei Jahren werden sich hier noch klarere Standards herauskristallisieren und zusätzliche Instrumente, wie man die versprochene CO2-Reduktion auch misst. Ich bin positiv eingestellt, es gibt nur einen Weg nach vorne.

Ende des Jahres soll Basel 4 kommen, die Kreditvergabe-Bestimmungen auf EU-Ebene werden reformiert. Was erwarten Sie, eine "grüne" Komponente?

Ich persönlich glaube, dass man nicht weniger Eigenkapital unterlegen sollte für nachhaltige Produkte. Das könnte zu einer Verzerrung des eigentlich Gewollten führen. Es sollte am Ende nicht der Preis das Maßgebliche sein, um in nachhaltige Produkte zu investieren, sondern der Inhalt, das Ziel, CO2 zu reduzieren. Es geht jetzt vor allem darum, Klarheit zu erlangen.

Um die EU-Klimaziele zu erfüllen, braucht es Investitionen von bis zu 500 Milliarden Euro jährlich. Banken sind einerseits vor allem in Europa wichtige Kreditgeber für Firmen. Anderseits herrschen seit der Finanzkrise 2008 strenge Vorgaben bei der Kreditvergabe, die viele innovative, kleine Unternehmen nicht erfüllen. Müssen die Vergabekriterien bei nachhaltigen, klimaneutralen Projekten gelockert werden?

Das ist in der Tat eine Herausforderung, die aber nicht neu ist. Die Kreditvergabekriterien haben sich vielleicht kurz nach der Finanzkrise verschärft, aber in den letzten Jahren auch nicht mehr. Wir haben auf der einen Seite die Geschäftsmodelle, die wir alle kennen und die erprobt sind. Und dann gibt es eben neue Geschäftsmodelle - aus der Digitalisierung oder Nachhaltigkeit heraus. Und wir Banken müssen uns intensiver damit auseinandersetzen, wie wir das in unsere jetzigen Kreditvergabekriterien integrieren. Mit Northvolt haben wir uns zum Beispiel an der Finanzierung einer Fabrik für Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos beteiligt. Das ist so ein neues Geschäftsmodell, das wir jetzt begleiten.

Muss man eine grüne Blase befürchten?

Nein.