"Wiener Zeitung": Frau Schramböck, die Corona-Krise fühlt sich an wie eine schwere Niederlage. Die Wirtschaft ist eingebrochen, viele Menschen haben ihren Job verloren. Doch aus Niederlagen lernt man. Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Krise?

Margarete Schramböck: Ich bezeichne die Corona-Krise nicht als Niederlage, sondern als Premiere. Es war zwar nicht die erste Gesundheitskrise, wenn wir an die Spanische Grippe denken. Aber wir konnten ihr erstmals mit unserem Wissen über Innovation, Technik und Forschung begegnen. Auf Europa sind die Impfstoffe zurückzuführen. Wir brachten die Patente heraus und wir entwickelten rasch die Impfstoffe, die jetzt weltweit zum Einsatz kommen. Die Märkte müssen jedoch resilienter und krisenfester werden, das haben wir gelernt. Gelernt haben wir auch, dass Digitalisierung nicht unser Feind ist, sondern uns hilft. Wir konnten damit etwa den Bildungsbereich aufrechterhalten oder in der Produktion weiterarbeiten.

Österreich soll unter die zehn innovativsten Länder weltweit aufsteigen, sagten Sie zuletzt. Wo steht Österreich derzeit?

Da gibt es unterschiedliche Rankings. Im WEF Global Competitiveness belegen wir Platz 21 von 141 Ländern. Bei den Forschungs- und Entwicklungsausgaben sind wir europaweit hinter Schweden sogar auf Platz 2. Uns fehlt jedoch der Transfer, tun uns schwer, die Erkenntnisse aus der Forschung in reale Geschäftsmodelle umzuwandeln.

Die Top-Ten soll Österreich durch die Standortstrategie bis 2040 erreichen. Was sind die drei wichtigsten Eckpunkte?

Technologieführerschaft und Digitalisierung, nachhaltige Energien und grüne Wertschöpfungskette, ein innovatives und hochwertiges Gesundheitssystem. In diesen Bereichen sind wir bereits sehr stark. Wir wollen aber noch stärker und Weltmarktführer werden.

150 Unternehmen sind in dem Prozess eingebunden. Wie wurden sie ausgewählt?

Es sind Unternehmen, Wissenschaft, Organisationen, aber auch Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund eingebunden, von Burgenland bis Vorarlberg. Diese Vielfalt war mir bei der Auswahl wichtig. Einige Organisationen haben sich beim Ministerium gemeldet, andere wurden ausgewählt.

Auch Bürgerinnen und Bürger sollen sich beteiligen. In welcher Form?

Wir nutzen dafür eine digitale Plattform, den Cogni Streamer, der von Ernst & Young entwickelt wurde. Der Streamer wird üblicherweise von Unternehmen verwendet, um die Bedürfnisse ihrer Kunden abzufragen.

Die Corona-Krise hat die Digitalisierung beschleunigt. Für Schüler und viele Menschen im Arbeitsleben ist Homeoffice, Laptop und virtuelle Treffen auf der Mattscheibe zur Normalität geworden. Knapp 150.000 Menschen waren während dieser Zeit jedoch durchgehend arbeitslos. Sie haben diese Entwicklung nicht miterlebt. Wie kann verhindert werden, dass diese Menschen abgehängt werden?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir stellen für Umschulungen und Weiterbildung 700 Millionen Euro zur Verfügung. Interessierte Arbeitslose müssen sich dafür beim Arbeitsmarktservice (AMS) melden. Wir haben aber auch einen Fach- und Arbeitskräftemangel in allen Branchen und in allen Regionen. Es gibt mehr Arbeitsplätze, für die wir keine Menschen finden.

Ein Beispiel aus der Corona-Krise zeigt, dass die Angebote zur Weiterbildung nur selten genutzt werden. Es gab in dieser Zeit 1,3 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit, in AMS-Schulungen waren hingegen nur 7.140 Personen. Wie lässt sich das erklären?

Wir können davon ausgehen, dass viele Kurzarbeiter betriebsintern weitergebildet wurden. Das scheint beim AMS nicht auf. Grundlegend sollte man vor einer Weiterbildung aber wissen, wo man überhaupt steht. Für digitale Bildung haben wir einen Kompetenz-Check eingeführt, den man auf der Plattform www.fit4internet.at machen kann. Jede Österreicherin und jeder Österreicher haben Zugang. Das empfehle ich sehr, ich habe den Test auch gemacht. Nach Abschluss des Tests bekommt man Vorschläge, in welche Richtungen die Ausbildungen gehen sollten. Auf der Plattform werden auch Institute und Direktkurse angeboten. Alles beginnt immer mit der ehrlichen Einschätzung von sich selbst.

Österreich will sich digital und nachhaltig aus der Krise herauswirtschaften. Das heißt aber auch, dass digitale Kompetenzen gefragt sind und Roboter einfache Tätigkeiten übernehmen. Werden wir mehr Arbeitslose erleben?

Nein, im Gegenteil. Je mehr Roboter, desto weniger Arbeitslose. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele. Zum einen das mittelständische, Tiroler Unternehmen Giesswein, das durch den Einsatz von Robotern seinen Gewinn steigern konnte. Das Geld wurde investiert in mehr Mitarbeiter, das Unternehmen wuchs. Giesswein war früher ein kleiner Familienbetrieb, der Hausschuhe aus Woll-Filz erzeugte. Heute flitzen kleine Roboter durch die Gegend, 12.000 Sneaker pro Tag werden verkauft. 85 Prozent ihres Umsatzes machen sie heute über das Internet. Auch Speck Handl ist ein gutes Beispiel. Das Unternehmen, ebenso in Tirol, baute das digitalste Speckwerk der Welt und schuf damit 80 Arbeitsplätze.

Digitalisierung heißt ja auch mit persönlichen Daten arbeiten. Da fehlt es jedoch an Vertrauen in der österreichischen Bevölkerung. Wie soll dieses Vertrauen hergestellt werden?

Die Datenschutzrichtlinien sind in Österreich sehr streng. Das ist gut so, wir werden sie einhalten. Gleichzeitig sind die Daten der Schatz unseres heutigen Lebens. VW-Chef Herbert Diess sagt zu Recht, dass die Sicherheit beim Autonomen Fahren nur mit genügend Daten gewährleistet werden kann. Das heißt: Wir werden in Europa Wege finden müssen, wie wir anonymisiert an Daten kommen. Das ist möglich und das müssen wir machen, sonst werden wir zurückfallen.

Mehr Digitalisierung führt zu einem höheren Energieverbrauch, der auch nachhaltig sein soll. Kann Österreich seine erneuerbaren Energien alleine produzieren?

Den gesamten Bedarf von erneuerbarer Energie werden wir nicht alleine aufbringen können. Bereits heute importieren wir 30 Prozent unserer Energie aus dem Ausland. Künftig wird unser Energiebedarf sogar steigen, vor allem im Bereich der Produktionen. Die Industrie 5.0 wächst, es wird viele Investitionen in den Bereichen menschenzentrierte Künstliche Intelligenz oder Quantencomputing geben. Wenn wir hier erfolgreich sein wollen, dann werden wir mehr Energie brauchen. Österreich braucht daher strategische Energiepartnerschaften mit Ländern, die auch erneuerbare Energie erzeugen. Die Ukraine hat da eine Zielsetzung, vor allem in der Windkraft. Vielleicht gibt es auch eine Partnerschaft mit afrikanischen Ländern für die Nutzung von Sonnenenergie.