Die Arbeitslosenzahlen gehen zurück. Der Konsum zieht wieder an. Die Wirtschaftsleistung befindet sich auf Vorkrisenniveau. Österreich geht gestärkt aus der Krise hervor, konstatierte Bundeskanzler Sebastian Kurz Anfang Juli. Nach mehreren Lockdowns und eineinhalb Jahren Pandemie ist dem Land offenbar eine Rückkehr in die wirtschaftliche Normalität geglückt. Doch nicht alle stimmen in den Chor der Jubelmeldungen ein. Manche sind noch weit entfernt vom Vorkrisenniveau. Sie spüren noch nichts vom Aufschwung. Ihr Geschäft ist nachhaltig gestört. Sie kämpfen noch immer um ihre Existenz.

So wie Sonja Thauerböck. Dieselbstständige Fremdenführerin in Oberösterreich lebt vom Tourismus. Wenn die Reisebusse und Kreuzfahrtschiffe die ausländischen Gäste ausspucken, steht Thauerböck bereit, ihnen Geschichte, Kultur und Lebensart näherzubringen. Sie führt die Touristen durch die Altstadt von Linz, zeigt ihnen das Stift St. Göttweig, lässt sie im Mühlviertel Bier verkosten.

Städtetourismus darbt

Das Geschäft könnte brummen. Die Grenzen sind wieder offen, Reisen ist wieder erlaubt. Viele Menschen sind geimpft. Sie wollen ihren Urlaub nachholen. Doch die Gäste von Thauerböck bleiben trotzdem aus. "Es ist frustrierend, wenn man in der Zeitung liest, der Tourismus erhole sich. In den Städten ist es definitiv nicht so", sagt die Fremdenführerin. Der Bustourismus komme nicht in Schwung, Kreuzfahrtschiffe auf der Donau seien kaum ausgelastet. "Sie fahren mit deutlich unter 50 Prozent Belegung", sagt sie. Die Pandemie hat sie bisher zwei Drittel ihres Umsatzes gekostet.

Thauerböck ist seit 24 Jahren Fremdenführerin. Von April bis Dezember macht sie Führungen und finanziert sich damit die restlichen Monate. Normalerweise arbeitet sie in dieser Jahreszeit sechs bis sieben Wochen durch - ohne einen freien Tag. Derzeit hat sie unfreiwillig viel Freizeit. Sie wird nur für Stadtführungen gebucht. Nach zwei Stunden ist ihre Arbeit erledigt. "Der Individualtourist greift zwar auf unser Angebot zu, aber nicht in dem Ausmaß, dass man davon leben könnte", sagt sie. Bleiben die Touristen weiter aus, wird ihr finanzielles Polster für das Frühjahr ziemlich dünn werden.

Vielen der über 330.000 Ein-Personen-Unternehmen (EPU) in Österreich erging es ähnlich wie Thauerböck. Ob Friseure, Physiotherapeuten, Künstler oder Gastronomen: Die Corona-Krise hat sie aus der Bahn geworfen. Aufträge wurden storniert, Kunden sprangen ab, Geschäfte wurden behördlich zugesperrt.

Mitte Mai wurde der letzte Lockdown beendet. Stück für Stück kehrten Aufträge und Kunden wieder zurück, viele konnten ihre Dienstleistungen wieder anbieten. Doch während bei manchen das Geschäft wieder gut angelaufen ist, hängen andere noch in der Luft. Sie warten auf Gäste, Aufträge und Buchungen. Manche Branchen, wie etwa Grafikdesigner und Fotografen, sind von Aufträgen größerer Unternehmen abhängig. "Diese Unternehmen sind oft zögerlicher bei der Auftragsvergabe, die Aufträge sind kleinteiliger", sagt Henrike Brandstötter, EPU-Sprecherin der Neos.

Um die heimische Wirtschaft zu unterstützen, füllte die Regierung während der Pandemie eine Reihe von Hilfstöpfen. Vom Härtefallfonds über den Umsatzersatz bis hin zu staatlichen Kreditgarantien. Der Härtefallfonds war speziell auf die Kleinstunternehmer zugeschnitten. 2,06 Milliarden Euro wurden bisher ausbezahlt. 1200 Euro erhielten die Antragsteller im Schnitt. Das hat viele EPU über Wasser gehalten. Die jetzige Phase läuft bis Ende Oktober. Ob der Topf verlängert wird, ist unklar.

Ganz gleich wie es weitergeht, viele EPU müssen bereits Kreditraten, Mieten und Stundungen zurückzahlen. "Für viele EPU ist jetzt eine Phase des bösen Erwachens", sagt Sonja Lauterbach, Gründerin des EPU-Forums auf Facebook. Denn jetzt werden nicht nur die gestundeten Beträge fällig, sondern auch die offenen Beträge aus der Zeit vor der Krise.

Probleme aufgeschoben

Als Selbstständige sind EPU bei der "Sozialversicherung der Selbstständigen" (SVS) versichert. Die SVS führt die Kleinstunternehmen aber nicht gesondert in ihrer Statistik. Die 2020 gestundeten Beträge können mithilfe von individuell festgelegten Ratenzahlungen zurückgezahlt werden, teilt die SVS mit. 30.300 Versicherte haben mit Stand Ende Juni solche Ratenzahlungen vereinbart. Die Summe der Stundungen beläuft sich auf knapp 123 Millionen Euro. Die Tendenz sei rückläufig, heißt es.

Lauterbach kritisiert die Praxis der Stundungen. Denn das Problem werde nur in die Zukunft geschoben. Im Dienstleistungsbereich könne man die Produktivität nicht aus dem Boden stampfen. Ein Friseur etwa kann in einer gewissen Zeit nur einer bestimmten Anzahl von Kunden die Haare schneiden. Sie hält den Großteil der Hilfen für EPU für nicht geeignet. "Keiner befasst sich mit den Fakten und der Lebensrealität derer, für die man die Hilfen macht."

Martina Marcik hat alles versucht, ihre Yoga-Kurse wieder zum Laufen zu bringen. Sie hat Flyer verteilt, Newsletter verschickt, auf Facebook geworben. Doch es hat kaum etwas gebracht. Sie hängt in der Luft. "Kommende Woche habe ich zwei Grundkurse. Dafür habe ich drei Anmeldungen statt normal 20", erzählt die selbstständige Yoga-Lehrerin. Von 16 Monaten musste sie ihr Studio für neun Monate zusperren. Dabei lief es zunächst nicht schlecht. Nach dem ersten Lockdown seien viele Kunden zurückgekommen. Im zweiten Lockdown hielt sie ihre Übungen via Zoom ab. Doch nur zehn Prozent ihrer Kunden konnte sie vom digitalen Angebot überzeugen. "Beim Yoga braucht es den menschlichen Kontakt", sagt Marcik.

Kunden sind zögerlich

Mit ihren Kursen generiert sie derzeit nur ein Drittel ihres regulären Umsatzes. Firmenkunden fehlen. "Viele sind noch nicht ins Büro zurückgekehrt", sagt die Yoga-Lehrerin. Seit eineinhalb Jahren ist ihr Betrieb immer wieder unterbrochen. Die steigenden Infektionszahlen würden nun viele abschrecken, obwohl Kurse wieder erlaubt sind. Die Menschen sind zögerlich. "Niemand weiß, wann wir wieder zusperren müssen. Niemand mag sich verbindlich anmelden", sagt Marcik. Ein geplantes Yoga-Retreat musste sie absagen.

Was die kommende Zeit für die EPU bringt, ist ungewiss. Die Zukunft zu planen, ist wegen der Pandemie schwierig. Der Herbst könnte angesichts steigender Zahlen in den Corona-Statistiken wieder starke Einschränkungen mit sich bringen. "Viele Ein-Personen-Unternehmen haben Angst, dass der Herbst noch heftiger wird als 2020", sagt EPU-Vertreterin Lauterbach.