Das Feilschen um die Löhne hat begonnen: Nach der Forderungsübergabe durch die Gewerkschaften in der Vorwoche trafen sich am Mittwoch Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter der Metallindustrie zur ersten Verhandlungsrunde. Annäherung gab es noch keine. Arbeitgeber-Obmann Christian Knill ortete in einer Aussendung noch "viel weiteren Gesprächsbedarf". Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 11. Oktober angesetzt.

Die Gewerkschaften stiegen wie berichtet mit 4,5 Prozent in den Ring - ein Prozentsatz, den sie schon in der Herbstlohnrunde 2019 gefordert hatten. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich damals auf eine durchschnittliche Erhöhung der Löhne und Gehälter je nach Beschäftigungsgruppe zwischen 2,6 Prozent und 2,8 Prozent. Im Vorjahr gab es - bedingt durch die Corona-Krise - nur 1,45 Prozent, bei einer Jahresinflationsrate von 1,4 Prozent.

Die Höhe der heurigen Forderung sei "absolut erwartbar und auch nachvollziehbar" gewesen, sagt Benjamin Bittschi, Experte für Arbeitsmarkt und Einkommen beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Der Abschluss 2020 habe dazu geführt, dass es 2021 Reallohnverluste gegeben habe. Wifo und IHS erwarten für heuer eine Inflationsrate von 2,2 Prozent, nach 1,4 Prozent im Vorjahr. Die Gewerkschaften müssten daher heuer versuchen, für die Arbeitnehmer einen realen Zuwachs zu erreichen, so der Ökonom. Rainer Wimmer von der Gewerkschaft Pro-Ge hatte zuletzt auf die "horrende Inflation" und die Notwendigkeit eines außergewöhnlichen Reallohnzuwachses hingewiesen.

Gegenseitiges Aufschaukeln von Preisen und Löhnen

Das forsche Auftreten der Gewerkschafter schürt aber Ängste vor einer Lohn-Preis-Spirale. Es ist ein gegenseitiges Aufschaukeln: Wenn die Preise steigen, fordern die Arbeitnehmer höhere Löhne. Die Unternehmen rechnen die gestiegenen Lohnkosten in die Preise ein, was wiederum zu Preiserhöhungen führt. Und so dreht sich die Spirale immer weiter nach oben. In naher Zukunft sei diese Entwicklung in Österreich nicht zu befürchten, sagt Bittschi. Es gebe etliche Gründe, die dagegensprechen.

Zunächst gehe es jetzt einmal nur um die Metaller. Die Branche habe eine Exportquote von 80 Prozent, Preiserhöhung würden daher in erster Linie das Ausland betreffen. Außerdem: "Wir haben in der Inflation hauptsächlich Basiseffekte. Es ist eigentlich schon absehbar, dass die Inflation wieder zurückgehen wird. Vielleicht noch nicht 2022, aber 2023." Eine Hyperinflation werde es nicht geben. Auch die sehr starke Produktivitätsentwicklung spreche gegen eine Lohn-Preis-Spirale.

Robert Holzmann, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, hatte zuletzt ebenfalls betont, dass die Inflation in Österreich nur vorübergehend hoch sein werde und dass er keine Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale sehe. Die Sozialpartner auf beiden Seiten würden wissen, wo die Grenze sei.

Der Spruch, dass nichts so heiß gegessen wird wie gekocht, hat sich auch bei den KV-Gesprächen der Metaller bis jetzt noch immer bewahrheitet. "Es werden sicher nicht 4,5 Prozent sein können", sagte der designierte Wifo-Chef Gabriel Felbermayr am Dienstagabend im ORF-Fernsehen. Aber ein Dreier vorn sei möglich. Die Jahresinflationsrate der vergangenen zwölf Monate, die neben dem Produktivitätszuwachs die Verhandlungsbasis für den jährlichen Kollektivvertrag bildet, lag bei 1,89 Prozent.

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Aktuell beträgt die Teuerungsrate 3,2 Prozent. Wenn die Löhne steigen, erhöhe das die Kaufkraft. "Man kann nur hoffen, dass der Aufschwung selbsttragend sein wird, wenn die höheren Einkommen in den Konsum gehen", so der Ökonom.

Die Gewerkschaften fordern heuer neben einem kräftigen Reallohnplus auch Zulagen für die 2. und 3. Schicht beziehungsweise für die Nachtarbeit. Diese sollen künftig verdreifacht (auf 1,50 Euro pro Stunde) beziehungsweise verdoppelt (auf 5 Euro pro Stunde) werden. Gleitzeitguthaben sollen selbstbestimmt in ganzen Tagen konsumiert werden dürfen. Außerdem sollen die Lehrlingseinkommen überdurchschnittlich erhöht werden. Derzeit befinden sich rund 8.000 Lehrlinge in der Metallindustrie in Ausbildung. Ein Lehrling im ersten Jahr erhält bisher 749 Euro, künftig sollen es 1.000 Euro sein. Für die Arbeitnehmervertreter sind die Forderungen weit überzogen. "Die Gewerkschaften agieren, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Dabei müssen wir bedenken, dass wir erst seit wenigen Monaten eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte hatten, mit einem enormen Einbruch in der Produktion von fast elf Prozent", rechnete Arbeitgebervertreter Christian Knill vor.

Die Branche sei sehr heterogen, meint Ökonom Bittschi. Es gebe in der Metallindustrie große Unternehmen mit einem hohen Produktivitätswachstum, die Lohnerhöhungen leicht stemmen könnten, aber auch viele kleinere, bei denen das nicht so sei. Nachdem die Arbeitgebervertreter in der Wirtschaftskammer für alle verhandeln, würden sie natürlich ein besonderes Augenmerk auf ihre schwächeren Mitglieder richten.

"Österreich kommt etwas schneller aus der Kurve"

Die gute Wirtschaftslage würde die kräftigen Lohnerhöhungen zulassen, so die Gewerkschaften. Tatsächlich dürften Wifo und IHS bei ihren nächsten Konjunkturprognosen ihre Wachstumserwartungen nach oben revidieren. "Es gibt Grund für Optimismus, das zweite Quartal ist in Österreich sehr gut gelaufen", sagte Felbermayr bei einer Diskussionsveranstaltung. "Österreich kommt etwas schneller aus der Kurve" als etwa Deutschland, so der Ökonom.(ede)