"Es ist ein Wahnsinn." Angesprochen auf die derzeitige Situation zeigt sich Lehrer Niklas Hack sehr emotional. Das Problem ist wie folgt: Die HTL Mödling betreibt ein Kolleg. Bei einem Kolleg handelt es sich um eine Möglichkeit, sich beruflich umzuorientieren. In vier bzw. sechs Semestern bekommt man eine Vertiefung in einem Fachbereich, in dem man später beruflich einsteigen kann.

In Mödling ist dieser Fachbereich Informatik-Systemtechnik. Insgesamt 36 Ausbildungsplätze sind dort zu vergeben. Derzeit gibt es jedoch noch 20 freie Plätze für den schon begonnen Lehrgang. "Jede Firma in dieser Branche schreit nach Arbeitsplätzen", sagt er. Durch die Corona-Krise hat sich gezeigt, dass IT-Jobs einen hohen Stellenwert haben und in Zukunft weiterhin haben werden.

Arbeitslosenzahl sinkt

Wer suchet, der findet, heißt ein bekanntes Sprichwort. Das Finden ist für die österreichischen Unternehmen derzeit gar nicht so einfach. Nicht nur in der IT, sondern in vielzähligen anderen Bereichen werden derzeit Fachkräfte gesucht. Insgesamt sind in Österreich rund 120.000 freie Stellen ausgeschrieben - mit regionalen Unterschieden. Auf der anderen Seite stehen die Arbeitslosenzahlen, die sich schon wieder auf Vorkrisenniveau bewegen. Laut den neuesten Arbeitsmarktzahlen sind 338.514 Menschen arbeitslos oder befinden sich aktuell in Schulungen.

Nicht nur das regionale Problem, sondern auch die Langzeitarbeitslosigkeit trübt die derzeitige Stimmung am Arbeitsmarkt. Um dem entgegenzuwirken, haben Bundeskanzler Sebastian Kurz und Arbeitsminister Martin Kocher angekündigt, sich vermehrt auf Qualifizierungsmaßnahmen und folglich auch auf die Reduktion der Langzeitarbeitslosigkeit konzentrieren zu wollen.

In Mödling hätte man eine Lösung für das Problem. "Das AMS weiß Bescheid, dass wir eine gute Ausbildung anbieten. Ich weiß nicht, warum wir dadurch niemanden bekommen", sagt Niklas Hack. An der Ausbildung selbst liege es nicht, so Hack. Rund die Hälfte der diesjährigen Absolventen hat schon eine fixe Zusage für einen Job nach dem Kolleg. "Es ist wirklich schade, dass so viel Geld für die Ausbildung ausgegeben wird und niemand etwas davon hat", sagt er.

Förderung nicht möglich

Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" stellt das AMS den Sachverhalt klar. Laut §34 Absatz 6 des Arbeitsmarktservicegesetzes wird ausgeschlossen, dass das AMS für Hochschul- und Schulausbildung aufkommt. Die AMS-Mittel werden grundsätzlich dafür eingesetzt, um eine Person durch Qualifizierungen wieder in Beschäftigung zu bringen, die berufliche Ausbildung übernimmt das AMS jedoch nicht.

Mit Ende August 2021 befanden sich 61.000 Personen in Schulungen. Davon waren 30.100 in berufsfachlichen Qualifizierungen, 17.500 in Basisqualifizierungen und rund 7.700 in Berufsorientierungsmaßnahmen. Was die Umschulungen und Weiterbildungen betrifft, "muss zunächst bei Menschen, die lange nicht im Erstbildungssystem waren, darauf geachtet werden, dass das Lernen wieder gelernt wird", so das AMS.

Außerdem bestehe bei längeren Schulungen die Schwierigkeit, dass das Arbeitslosengeld über längere Zeit als Lebensgrundlage dienen muss. In Österreich beträgt das Arbeitslosengeld derzeit 55 Prozent des Nettoeinkommens.

Wie schon zuvor erwähnt, handelt es sich beim Kolleg in Mödling um eine zwei- bis dreijährige Ausbildung, die ganztägig abgehalten wird. Für Eltern, die im Berufsleben stehen und kleine Kinder haben, wäre diese Art der Ausbildung vermutlich schwer zu stemmen.

Das Bildungskonto

Das Kolleg der HTL Mödling bietet Ausbildungsplätze an, das AMS darf Arbeitslose bei diesem Angebot jedoch nicht direkt unterstützen. Für den derzeitigen Fachkräftemangel scheint dieses Szenario nicht sehr förderlich zu sein. Man muss es jedoch differenziert betrachten, sagt die Arbeitsmarktexpertin der Arbeiterkammer (AK), Silvia Hofbauer. Das AMS sei nicht primär für die Ausbildung an sich verantwortlich. Außerdem gebe es einige Programme, die bei einer Umschulung finanzielle Unterstützung anbieten. Trotzdem sind die Möglichkeiten zur beruflichen Umorientierung beschränkt.

Eine Möglichkeit, dieses Problem zu beseitigen, sei aus Arbeiterkammer-Sicht ein Qualifizierungsgeld. Dadurch sollen arbeitende Menschen, die sich beruflich umorientieren möchten, finanzielle Unterstützung bekommen. "Dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, sich selbst die Umschulung auszusuchen", sagt Hofbauer.

Das Qualifizierungsgeld war auch schon bei den letzten Regierungsverhandlungen ein Thema. Im Regierungsprogramm der türkis-grünen Regierung hat das Kind einen anderen Namen. Statt Qualifizierungsgeld wird dort der Begriff Bildungskonto verwendet. Das Konzept ist dasselbe: Das Bildungskonto soll für die "berufliche Umorientierung" eingesetzt werden. Dadurch wäre man im Zuge der "Aus- und Weiterbildung sozial abgesichert". Laut dem Regierungsprogramm ist die Basis dafür, eine Einigung zwischen den Sozialpartnern. Für diese Einigung wird es diesbezüglich einen Dialog geben. "Wir haben für Herbst Gespräche zwischen den Sozialpartnern zum Bildungskonto anberaumt", sagt Hofbauer.