Was kostet der Ausbau der Kinderbetreuung in Österreich? Und was bringt er? Diesen Fragen ist das wirtschaftsliberale Forschungsinstitut Eco Austria auf den Grund gegangen. Die öffentlichen Ausgaben für die Kinderbetreuung betragen aktuell etwa 2,9 Milliarden Euro, schätzen die Experten.

Die Betreuungsquote der unter Dreijährigen liegt, gemäß Statistik Austria, in Österreich bei 27,6 Prozent, etwa 5,4 Prozentpunkte unter der sogenannten "Barcelona-Zielmarke" von 33 Prozent.

Zwanzig Jahre Barcelona-Ziel

Diese Barcelona-Zielmarke wurde übrigens bereits 2002 vom Europäischen Rat als Benchmark festgelegt. Im Fokus stand vor mittlerweile immerhin fast zwanzig Jahren, die "Beschäftigungsquote dadurch anzuheben, dass die Beschäftigungsfähigkeit verbessert und Hindernisse und Hemmnisse beseitigt werden, die Menschen davon abhalten, eine Arbeit aufzunehmen oder in einem Beschäftigungsverhältnis zu verbleiben".

Insbesondere sprach sich der Europäische Rat damals dafür aus, dass die Mitgliedstaaten Hemmnisse beseitigen sollten, die Frauen von einer Beteiligung am Erwerbsleben abhalten. Sie sollten daher dafür sorgen, "das Versorgungsangebot bis 2010 für mindestens 90 Prozent der Kinder zwischen drei Jahren und dem Schulpflichtalter und für mindestens 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen".

Rechenbeispiele

Man sieht, die Idee ist nicht wirklich neu, wohl aber die aktuellen Daten. Diese belegen, dass sich solche Ziele auch auszahlen würden. So kommt Eco Austria nach Durchrechnung verschiedener Szenarien, wie etwa der Erhöhung der Betreuungsquote bei unter Dreijährigen um 10 bzw. 20 Prozentpunkte oder der Ausweitung der durchschnittlichen Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen um eine oder zwei Stunden zu dem Ergebnis: Eine Ausweitung der Öffnungszeiten um eine Stunde erhöht die öffentlichen Ausgaben um etwa 180 Millionen Euro von 2,9 Milliarden Euro auf 3,1 Milliarden Euro.

Wird also die Barcelona-Zielmarke mit der Betreuungsquote von 33 Prozent erreicht, kostet das etwa 240 Millionen Euro mehr, als derzeit hierzulande für die Betreuung ausgegeben wird.

Ergebnis: Mehr Einnahmen

Im zweiten Schritt hat das Wirtschaftsforschungsinstitut dann noch eine Analyse der fiskalischen und weiteren Effekte eines Ausbaus der Betreuung beziehungsweise der Ausweitung der Öffnungszeiten vorgenommen.

Und hier sieht das Ergebnis wirklich erfreulich aus: Durch den Ausbau der Betreuung erhöht sich kurzfristig die Beschäftigung sowie durch die Ausweitung der Öffnungszeiten in den Betreuungseinrichtungen auch die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden. Außerdem wird bei beiden Szenarien zusätzliche Kaufkraft generiert, die wiederum hauptsächlich in den Konsum fließt.

"Die Effekte übersteigen unter Berücksichtigung der zusätzlichen Kaufkraft in Summe die Kosten des Ausbaus", folgern die Eco-Austria-Experten. Sie rechnen vor: Die zusätzlichen Einnahmen des Staates belaufen sich durch den Ausbau auf zwischen 153 und 567 Millionen Euro, je nach Szenario des Ausbaus. - 166 Millionen sind es im Szenario mit längeren Öffnungszeiten. - Darüber hinaus steigt der Konsum um 220 bis 815 Millionen Euro.

Mehr Produktivität

Diese kurzfristigen positiven Effekte für die Steuereinnahmen werden aber auch noch von langfristigen, ebenso positiven, Nebenwirkungen garniert. So ist einerseits eine bessere Wirtschaftsleistung die Folge. Denn es ist mit höheren Bildungsabschlüssen zu rechnen - und infolgedessen auch mit einem Anstieg der Produktivität in Österreich.

Nicht zuletzt würde sich der Ausbau der Betreuung auch auf die Fertilität positiv auswirken. Das soll heißen, es kommen wieder mehr Kinder in Österreich auf die Welt - was sich wiederum auf die Überalterung und deren Folgen für die öffentlichen Finanzen, also das Pensionssystem, auswirkt - und zwar positiv.

Vorsicht vor halben Lösungen

Kinderbetreuung wirke sich nicht nur positiv auf Arbeitsmarktbeteiligung und Löhne der Frauen aus, sondern habe auch positive Effekten für die betreuten Kinder im späteren Erwachsenenleben, erklärt Eco-Austria-Direktorin Monika Köppl-Turyna. "Dies gilt sowohl in Bezug auf den Bildungserfolg und die Erwerbsbeteiligung als auch in Bezug auf Leistungen der sozialen Mindestsicherung."

Sie warnt vor halben Lösungen, denn: Solange Kinderbetreuung nicht auf Vollzeitbasis verfügbar sei, könne es zu einem statistischen Paradox kommen, einem höheren Gender Gap in den Arbeitseinkommen. Dies entstehe dadurch, dass für Frauen nur Teilzeit- statt Vollzeitbeschäftigungen möglich seien. "Genau das ist in den letzten 50 Jahren zu beobachten: Praktisch der gesamte Anstieg in der Kinderbetreuung ist auf den Vormittagsbesuch zurückzuführen, während die Anzahl der Kinder, die Kindergärten ganztags besuchen, seit dem Jahr 1972 fast gleich geblieben ist."

Wiederholt wurde ganztägige Kinderbetreuung in Österreich diskutiert. Zuletzt erschien 2020 ein Positionspapier von Sozialpartnern und Industriellenvereinigung, worin der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem zweiten Geburtstag ab 2023 und ab dem ersten Geburtstag ab 2025 sowie der Ausbau und die Ausweitung der Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen gefordert wurde.

Wenn aber - wie in den letzten Tagen bekannt wurde - aufgrund politischer Eitelkeiten die landesweite ganztägige Kinderbetreuung verhindert wird, hat das massive Auswirkungen, nicht nur auf viele Menschen. Es hat auch für den Staat finanziell negative Folgen: weniger Steuereinnahmen, weniger Fachkräfte, weniger hohe Bildungsabschlüsse, weniger Konsum, weniger Geburten und damit auch mehr Probleme im Pensionssystem.(mojo)