Bei den nächste Woche startenden Kollektivvertragsverhandlungen für die rund 415.000 Angestellten und 15.000 Lehrlinge im Handel fordert die Gewerkschaft ein kräftiges Gehaltsplus. "Nach dem Krisendeal im Vorjahr braucht es jetzt einen Zukunftsdeal", sagte die gewerkschaftliche Chefverhandlerin Anita Palkovich von der GPA am Donnerstagabend bei einem Pressegespräch. Man müsse vor allem "die Arbeitsbedingungen für Frauen verbessern und Perspektiven für Junge schaffen".

Die Sozialpartner blicken zu Beginn der KV-Verhandlungen immer auf den Verbraucherpreisindex. Die durchschnittliche Inflationsrate der vergangenen 12 Monate belief sich hierzulande auf 2,1 Prozent. Seit Mai ist die Teuerung aber deutlich gestiegen und lag zwischen 2,8 und 3,2 Prozent. In der Metallindustrie ist die Gewerkschaft kürzlich mit einer Gehaltsplus-Forderung von 4,5 Prozent in die Herbstlohnrunde gestartet. Die GPA wollte sich vor der ersten Handels-KV-Runde nicht in die Karten blicken lassen und blieb vage. "Die Gehaltserhöhung kann nicht hoch genug ausfallen", so die gewerkschaftliche Chefverhandlerin.

Vergangenen Herbst einigten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft bereits in der ersten Verhandlungsrunde auf einen neuen Handels-KV. Die Gehälter und Lehrlingsentschädigungen stiegen per 1. Jänner 2021 um 1,5 Prozent. Dies entsprach zum Zeitpunkt der Einigung der durchschnittlichen Teuerung der vergangenen 12 Monate.

Corona-Prämie kein Thema

Eine freiwillige Corona-Prämie in der Handelsbranche ist heuer für die Gewerkschaft kein Thema. Sie will lieber Verbesserungen im Rahmenrecht erreichen. Die GPA fordert bei den diesjährigen KV-Verhandlungen für die Handelsangestellten - wie schon in den Vorjahren - eine leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche. Neu sind die Forderungen nach einer besseren Abgeltung bei Mehr- und Nachtarbeit, unter anderem ein Nachtzuschlag von 50 Prozent zwischen 21.00 und 6.00 Uhr, Zuschläge ab der ersten Stunde Mehrarbeit und die Fälligkeit des Mehrarbeitszuschlages schon im Folgemonat in Zeit oder Geld. Nachtarbeit nimmt laut den Gewerkschaftsvertretern vor allem im Lebensmittelhandel immer mehr zu.

Für Lehrlinge wünscht sich die Gewerkschaft einen Digitalisierungsbonus in Höhe von 250 Euro, weil die Bundesregierung nur Schüler mit Laptops und Tablets ausstattet. Außerdem drängen die Arbeitnehmervertreter auf ein Recht auf Stundenerhöhung, wenn mehr als drei Monate lang regelmäßig Mehrstunden geleistet werden. Aufgrund der hohen Frauenquote im Handel - vor allem im Lebensmitteleinzelhandel - würden die Verbesserungen der Rahmenbedingungen besonders viele Frauen helfen, so die GPA-Wirtschaftsbereichssekretärin.

Knapp zwei Drittel der Angestellten im Handel in Österreich sind Frauen, im Einzelhandel liegt der Frauenanteil noch etwas höher. Über die Hälfte der Frauen im Handel arbeitet Teilzeit, bei Männern liegt die Teilzeitquote nur bei rund 10 Prozent. Das kollektivvertragliche Mindestgehalt für Vollzeitangestellte beläuft sich im neuen KV auf 1.740 Euro brutto (1.400 Euro netto). Bis 1. Jänner 2022 müssen alle Betriebe in den neuen Handels-KV wechseln, die Übergangsfrist läuft seit Dezember 2017. Palkovich schätzt, dass rund 70 Prozent der Betriebe schon den neuen Handels-Kollektivvertrag anwenden.

Corona hat Handel unterschiedlich getroffen

Die Coronapandemie inklusive Lockdowns hat die Handelsbranche höchst unterschiedlich getroffen. Während der Lebensmittelhandel, Online-Shops, Elektronikketten, Baumärkte und Einrichtungshäuser deutliche Umsatzzuwächse verzeichneten, gingen die Erlöse im Textil und Schuhhandel deutlich zurück. "Wir wollen nicht wegwischen, dass es Betriebe gibt, die eine schwierige Situation haben", sagte die Gewerkschaftsvertreterin. In Summe gebe es aber "genügend Betriebe, die eine sehr gute Ausgangssituation" mit "sehr guten Umsätzen" hätten.

Zuletzt beklagte der Handelsverband einen Arbeitskräftemangel im Handel in Österreich. Es gebe rund 15.000 offenen Stellen im Einzelhandel und mehr als 5.000 im Großhandel. "Wenn man so dringend Personal sucht, muss man die Bezahlung erhöhen und die Arbeitsbedingungen besser gestalten", sagte der gewerkschaftliche Verhandler Martin Müllauer. Er ist Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Handel in der GPA und Betriebsratsvorsitzender der Morawa Buch- und Medien GmbH. "Hohe Arbeitsbelastung und schlechte Arbeitszeitbedingungen sind für viele der neue Alltag geworden", so Müllauer. Unter anderem sei "das Arbeiten mit Maske superanstrengend".

Diesmal werden die KV-Verhandlungen im Handel wohl länger dauern. "Ich stelle mich auf sehr lange und schwierige Verhandlungen ein", erwartet Gewerkschafter Müllauer. Man sei "nicht bereit" für einen schnellen Abschluss wie vergangenes Jahr. WKÖ-Handelsobmann Rainer Trefelik hatte bereits Mitte September von "herausfordernden" KV-Verhandlungen gesprochen. Bisher haben Gewerkschaft und Wirtschaftskammer drei Verhandlungstermine fixiert: Die KV-Verhandlungen starten mit der traditionellen Forderungsübergabe am 21. Oktober, als weitere mögliche Verhandlungstermine stehen vorerst noch der 3. November und 11. November zur Verfügung. (apa)