Geht es um den Verkauf von Waren, ist Großbritannien aus österreichischer Sicht der neuntgrößte Markt. Trotz Brexit und Corona lief der Exportmotor zuletzt zwar wieder einigermaßen rund, er brummt jedoch noch nicht, wie einem Gespräch mit Christian Kesberg zu entnehmen ist. Kesberg vertritt die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) als Delegierter in London.

Im Pandemiejahr 2020 schrumpften die heimischen Ausfuhren in das Vereinigte Königreich um nahezu ein Zehntel - bedingt durch einen starken Nachfrageeinbruch wegen Covid, lange Betriebsschließungen im Frühjahr und befürchtete Konsequenzen des EU-Austritts der Briten zum Jahreswechsel. "In der Gesamtbilanz hat der britische Zielmarkt - trotz Corona-Brexit-Doppelkeule - aber nicht schlechter abgeschnitten als die USA, Frankreich oder Italien", merkt Kesberg dazu an.

Die britische Flagge auf dem britischen Parlament - © apa / afp / Tolga Akmen

Für Österreichs Außenhandel mit Großbritannien setzte es 2020 die "Corona-Brexit-Doppelkeule". Von diesem Schlag haben sich die heimischen Exporteure mittlerweile erholt, aber noch nicht ganz. Der Brexit erschwert vieles.

- © apa / afp / Tolga Akmen

Da gegen Jahresende 2020 in massivem Ausmaß Lieferungen vorgezogen worden seien, um den zum Jahreswechsel befürchteten Logistik-Kollaps an der neuen Zollgrenze zur EU zu vermeiden, habe es in weiterer Folge - im ersten Quartal 2021 - ein "statistisches" Minus von 8,9 Prozent im Jahresabstand gegeben. Dank eines starken zweiten Quartals lagen Österreichs Exporte dann - zur Jahresmitte 2021 - mit plus 15,3 Prozent über dem Vorjahresniveau, laut Kesberg aber "noch immer beträchtlich unter dem Vorkrisenvolumen".

Was der Brexit erschwert

Was den Außenhandel mit den nunmehr außerhalb des EU-Binnenmarktes stehenden Briten alles andere als vereinfacht, ist ein neues Handelsregime, das mehrere Problemzonen parat hält. So kommen jetzt im Warenverkehr bei Aus- und Einfuhr förmliche Zollverfahren zur Anwendung. Handelsklauseln verpflichten österreichische Lieferanten häufig zur Einfuhrverzollung im Vereinigten Königreich. "Wer keine Niederlassung hat, muss sich dafür eines Zollspediteurs bedienen", so Kesberg. "Da die plötzliche Nachfrage nach dieser Dienstleistung das Angebot stark übersteigt, fallen dafür aber teils prohibitiv hohe Kosten an."

Erheblich komplexer gestaltet sich nach dem Brexit auch die steuerliche Behandlung im Waren- und Dienstleistungsverkehr. Laut Kesberg trifft dies vor allem Versandhändler, die sich in Großbritannien auch bei Kleinumsätzen steuerlich registrieren und zur Abgabe von Steuererklärungen einen Fiskalvertreter bzw. Steuerberater nominieren müssen.

Indes gelten für den Personenverkehr die neuen britischen Einwanderungsgesetze. "Während Geschäftsreisen zu Vertragsverhandlungen und -abschlüssen, Messen oder Kongressen nach wie vor problemlos möglich sind, ist die Entsendung von Mitarbeitern zur Erbringung von Montageleistungen eingeschränkt worden", sagt Kesberg. Eine visafreie Entsendung sei nur noch dann möglich, wenn zwischen Hersteller und Kunde ein Kauf-, Liefer- oder Leasingvertrag zum Gegenstand der Montage bestehe. Leistungen müssten generell mit eigenem Personal erbracht werden. Die häufig übliche Vergabe der Montageleistung an Subunternehmen sei stark eingeschränkt und auch die längerfristige Entsendung von Personal an Niederlassungen erheblich erschwert worden, berichtet Kesberg.

Abkommen "wenig konstruktiv"

An dem im Vorjahr in letzter Minute vereinbarten Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Großbritannien lässt der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte kein gutes Haar. Es bewege sich innerhalb enger roter Linien der Vertragspartner und sei daher "wenig ambitioniert und konstruktiv". Nachsatz: "Aber besser als nichts." Aus Kesbergs Sicht schweigt das Brexit-Abkommen zu wichtigen Punkten wie zum Beispiel Steuern, Dienstleistungen, Produkt- und Qualitätsstandards, Konformitätszeugnissen und der Anerkennung von Berufsqualifikationen.

Für Österreichs Exporteure dürfte der britische Markt dennoch schon aufgrund seiner Größe (siehe Grafik) interessant bleiben. Doch wo haben Exporteure besonders gute Chancen zu punkten? Mit Hinweis auf "hoch dotierte Beschaffungsinitiativen", die Großbritanniens Konjunktur ankurbeln sollen, nennt Kesberg Geschäftsmöglichkeiten im Bereich Infrastruktur (Straße, Schiene, Kommunikation, Schulen), im Gesundheitssektor sowie im Bereich Energie und Klimaschutz.

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Bei Maschinen und Anlagen sei für das heurige und das kommende Jahr ein "Nachrüstungsschub" vor allem bei Lösungen für Industrie 4.0 - dabei geht es um eine umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion - zu erwarten. "Auch bei Lebensmitteln, im IT-Sektor, bei Versorgungsunternehmen, Banken, Versicherungen und im Bereich Logistik sind die Lieferchancen vielfach intakt", sagt Kesberg.

Den größten Anteil an den österreichischen Warenexporten ins Vereinigte Königreich hatten 2020 wie in den Jahren davor mit etwas mehr als der Hälfte (2,1 Milliarden Euro) Maschinen und Fahrzeuge. Detail am Rande: Die Kfz-Exporte, die nach dem Start der Lohnfertigung für britische Hersteller bei Magna Steyr in Graz seit 2018 auf Hochtouren laufen, lagen im Vorjahr um 11,5 Prozent unter dem Liefervolumen vor der Corona-Krise - bedingt durch den fast 30-prozentigen Rückgang bei Neuzulassungen. Zuletzt hat das Liefervolumen in dieser Produktgruppe jedoch wieder deutlich zugelegt.

Keine Sprit-Engpässe mehr

Die jüngsten Treibstoff-Engpässe im Inselreich sieht Kesberg unterdessen beendet: "Die Verteilungsprobleme bei Benzin sind vorüber und haben nur wenige Spuren hinterlassen." Auf die britischen Produktionsstandorte österreichischer Firmen hätten die Probleme jedenfalls "keine markant negativen Auswirkungen" gehabt, so der Wirtschaftsdelegierte. "Schwerer wiegen aktuell die stark gestiegenen Frachtkosten und die weltweiten Lieferengpässe für bestimmte Produktgruppen", erklärt Kesberg weiter. Zum Teil seien davon auch österreichische Niederlassungen im Vereinigten Königreich betroffen.