Das Ergebnis der Metaller-Marathonsitzung vom vergangenen Wochenende ist eine Steilvorlage für andere Branchen. Die kollektivvertraglichen Löhne und Gehälter der Metaller steigen demnach um drei Prozent, ihr Realeinkommen um 3,55 Prozent. Der Mindestlohn legt auf 2.089,87 Euro brutto zu. Bei den Lehrlingen gibt es ein Plus von bis zu 6,74 Prozent, bei den Zulagen von 3,55 Prozent. Die Aufwandsentschädigung wird um 2,5 Prozent erhöht.

Die Warnstreiks hatten den Druck auf die Arbeitgeberseite so erhöht, dass sie nicht wie sonst nur die Teuerungsrate der letzten zwölf Monate, sondern auch die Prognosen einer heuer weiter steigenden Inflation berücksichtigte. Während sich die Gewerkschafter zufrieden über das "sehr gute Gesamtpaket" zeigen, geben die Arbeitgeber zu bedenken, dass das Resultat "für viele Betriebe an der Schmerzgrenze" liege. Ursprünglich gingen die Arbeitnehmer mit einer Forderung von 4,5 Prozent Gehaltsplus in die Verhandlungen, die Arbeitgeber boten anfangs 2,2 Prozent. Über den Daumen gepeilt traf man sich ziemlich genau in der Mitte.

Staat profitiert am meisten

Von den Wirtschaftsforschern gibt es nun teils recht kritische Reaktionen zum Metaller-Ergebnis. So urteilt der wirtschaftsliberale Thinktank Agenda Austria, dass von dieser Lohnerhöhung nicht die Arbeitnehmer, sondern der Staat am meisten profitieren werde. Man rechnet vor: Angestellte in der Branche werden zwar im Schnitt um 1.146 Euro mehr Netto-Jahreseinkommen haben, aber auch 1.727 Euro mehr Abgaben zahlen müssen. Bei Arbeitern beträgt das Verhältnis 835 zu 1.183 Euro. Arbeiter werden somit um 2,8 Prozent oder knapp 70 Euro mehr netto pro Monat auf dem Gehaltszettel sehen, haben die Experten kalkuliert. Die Steuer- und Abgabenleistung werde sich allerdings um 4,4 Prozent oder knapp 100 Euro monatlich erhöhen. Das Nettoentgelt der Angestellten steige um 95 Euro, hier werde der Staat jedoch monatlich 144 Euro mehr kassieren.

Wegen schleichender Steuererhöhung nehme die Steuerbelastung auch für jene Lohnerhöhungen zu, die nur die Inflation abdecken, warnte Agenda-Austria-Direktor Franz Schellhorn via Aussendung. Auch wer real nicht mehr verdiene, zahle immer höhere Steuern. Eine solche "kalte Progression" wäre in der Schweiz oder in Schweden undenkbar, dort würden die Beträge, ab denen die jeweiligen Steuersätze greifen, mit der Inflation mitwachsen, "so wie sich das für zivilisierte Volkswirtschaften gehört".

Auch der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Gabriel Felbermayr, sieht den Lohnabschluss der Metaller kritisch. Indem man sich an der zu erwartenden Inflationsrate orientiert hätte, könnten sich temporäre Inflationsspitzen verfestigen und Inflationserwartungen selbsterfüllend werden, gibt er zu bedenken.

Lohn-Preis-Spirale befeuert

"Das ist der Kern der Lohn-Preis-Spirale, die für dauerhaft höhere Inflationsraten sorgen könnte", sagte Felbermayr im "Standard" (Montagausgabe). Auch hinsichtlich der hohen Preise für Energie und Vorprodukte sei der "verhältnismäßig hohe Abschluss" für die Industrie eine Herausforderung.

Da sich die Metaller-Ergebnisse traditionell auf andere Branchen auswirken, blickt man nun gespannt auf weitere KV-Verhandlungen, etwa im Handel.

Dort steht die nächste Runde für die mit etwa 520.000 Mitarbeitern größte Branche des Landes am 11. 11. an. Die Gewerkschafter fordern ein kräftiges Gehaltsplus, genaue Zahlen wurden bislang nicht kommuniziert. Allerdings kämpft der Handel stärker mit Pandemie-Einschränkungen und kann die höheren Personalkosten weniger leicht über Preiserhöhungen abfedern als die Industrie, der der Bauboom heuer zur Hilfe kommt, gibt Helmut Hofer, Ökonom beim Institut für Höhere Studien (IHS), gegenüber orf.at zu bedenken.

Er erwartet, dass die KV-Abschlüsse anderer Branchen heuer weiter als sonst hinter jenen der Metaller zurückfallen. Eine Kompromissmöglichkeit sieht Hofer in Lösungen auf Betriebsebene, womit etwa im Lebensmittelhandel, bessere Abschlüsse möglich wären. Die Gefahr einer "Lohn-Preis-Spirale" schätzt Hofer als "relativ gering" ein.

Das Metaller-Ergebnis inspiriert jedenfalls auch die Spitalsbediensteten. Laut Bundeskurie der angestellten Ärzte der Österreichischen Ärztekammer fordern sie eine Gehaltsanpassung von mindestens fünf Prozent. Man kämpfe nun seit knapp zwei Jahren gegen die Pandemie. Es fehle es an motivierenden Faktoren, um das Personal zu halten zu können, hieß es dazu.(red.)