Martin Kocher lebte in den vergangenen Monaten den Traum eines jeden Politikers. Wöchentlich konnte der Arbeitsminister Pressekonferenzen veranstalten und dabei auch noch stets Frohbotschaften verkünden. Woche für Woche sanken die Arbeitslosenzahlen, bis sie sogar niedriger waren als im Vorkrisenjahr 2019. Vor einer Woche hatten 344.420 Personen hierzulande keinen Job – um 16.750 Personen weniger als vor zwei Jahren.

Doch mit den Frohbotschaften ist es nun vorbei. Bei der Pressekonferenz am Dienstag musste Kocher schlechte Nachrichten verkünden. Bereits einen Tag nach Beginn des Lockdowns am Montag sind die Zahlen wieder gestiegen. Das Arbeitsmarktservice (AMS) meldete am Dienstag 350.668 arbeitslose Menschen, ein Plus von 6.248.

Kocher versucht, Ruhe zu bewahren: "Ich bin optimistischer als im November 2020, was die Lage am Arbeitsmarkt betrifft", sagt er. Auch damals verordnete die Regierung einen Lockdown. Die Arbeitslosenzahlen schnellten auf 530.000 Menschen.

Dieses Szenario soll sich laut Kocher aber nicht wiederholen. In Richtung der Unternehmen sagt er: "Ich möchte beruhigen, wir lassen in dieser Situation niemanden alleine. Die Corona-Hilfen stehen für alle bereit und können mit einer Frist von zwei Wochen auch rückwirkend beantragt werden." Kocher hofft, dass die Kurzarbeit das Mittel der Wahl für die Betriebe ist und damit ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert werden kann. Mit bis zu 400.000 Menschen in Kurzarbeit rechnet der Arbeitsminister in den kommenden Wochen, derzeit sind 77.989 Personen zur Kurzarbeit angemeldet.

Alle Branchen betroffen

Welche Branchen mehr betroffen sein werden, könne Kocher nicht sagen. "Das wird sich querbeet abspielen", sagt er. Körpernahe Dienstleistungen, Gastronomie, Hotelerie und Handel. Die Kurzarbeit werde in allen jenen Bereichen steigen, die vom Lockdown betroffen sind.

Für die Kurzarbeit setzt sich auch Gabriel Felbermayr ein. "Die Unternehmen haben gesehen, dass es schwierig ist, Personen wieder zurückzubekommen, die arbeitslos wurden", sagt der Direktor des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) auf der Pressekonferenz. 800 Millionen Euro pro Woche an Wirtschaftsleistung werde der aktuelle Lockdown kosten, sagt Felbermayr.

Bei einem längeren Lockdown über den Jahreswechsel hinaus würden die Kosten sogar auf bis zu 1,2 Milliarden Euro wöchentlich steigen. Je länger der Lockdown dauert, desto mehr schrumpft die Wirtschaft.

Zudem seien Industrie und Baugewerbe dieses Mal keine großen Stützen. Die Ursache liege in den Lieferengpässen und Materialmängeln, sagt der Ökonom. "Die große Stabilität dieser Sektoren für den Arbeitsmarkt und für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist aktuell nicht mehr so stark", erklärt er.
Die aktuelle Pandemie-Entwicklung werde sich auch auf die Prognose zur österreichischen Jahreswachstumsrate auswirken. "Die prognostizierten 5,0 Prozent für das Jahr 2022 werden nicht möglich sein, sondern im Bereich 4 Prozent liegen", sagt er.

Viele offene Jobs

Für 2021 werde sich hingegen nicht mehr viel verändern. Die Jahreswachstumsrate für dieses Jahr sieht Felbermayr bei 4,4 Prozent, "sofern die Infektionsentwicklung nicht vollkommen aus dem Ruder läuft". Es sei nun wichtig, die Test- und Impfinfrastruktur zu verstärken.

"Wir dürfen den Grundoptimismus nicht verlieren", sagt Kocher. "Wir haben im vergangenen Sommer gesehen, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt auch schnell wieder verbessern kann." Die Sanktionen beim AMS wird er während des Lockdowns jedenfalls nicht aussetzen. Trotz steigender Arbeitslosenzahlen gibt es viele Jobs auf dem Arbeitsmarkt. "Wir haben immer noch eine Rekordzahl an offenen Stellen, die ja auch besetzt werden müssen", sagt der Arbeitsminister.

Und das sind ja dann doch noch gute Nachrichten.