Drei Wochen zusperren. Zum vierten Mal. Das ist für viele Unternehmen derzeit die Realität. Und kaum einer glaubt daran, dass sie danach auch wieder aufsperren dürfen. Zu hoch sind die Neuansteckungen mit dem Coronavirus, zu sehr steigt die Zahl der belegten Intensivbetten in den heimischen Spitälern.

Doch wie gehen die einzelnen Unternehmen mit dieser Situation um? Die "Wiener Zeitung" hat sich umgesehen und dabei so manche Überraschung erlebt:

  • Lokal "Wohnküche": Kochen am Rande des Abgrunds
"Ich glaube nicht, dass wir heuer noch einmal aufsperren dürfen", sagt Andreas Brunner. 
- © Wohnküche

"Ich glaube nicht, dass wir heuer noch einmal aufsperren dürfen", sagt Andreas Brunner.

- © Wohnküche

Andreas Brunner hat es schon Mitte voriger Woche geahnt. Er muss wieder zusperren. Vorigen Sonntag lud er in sein Lokal "Wohnküche" in Wien-Brigittenau zum Resterl-Essen ein, bevor seine Küche für längere Zeit wieder kalt bleiben wird. "Es ist ärgerlich, wenn man erst seit etwas mehr als zwei Jahren ein Lokal betreibt und einem dann zum zweiten Mal die Vorweihnachtszeit genommen wird", sagt Brunner. Der heurige November war sein bisher bester Monatsumsatz. Nun heißt es wieder auf das Lockdown-Ende warten. Allzu optimistisch ist der Gastronom nicht, er stellt sich auf eine längere Schließzeit ein. "Ich glaube nicht, dass wir heuer noch einmal aufsperren dürfen."

Bisher hat Brunner mit seinem Lokal die Pandemie halbwegs gut überstanden. Nach dem Ende des letzten Lockdowns Mitte Mai erholte sich das Geschäft rasch. Die Gäste kamen zurück, sein Gasthaus wurde bekannter, Brunner stockte Personal auf und bildet sogar zwei Lehrlinge aus. Es sei wie ein Deja-vu jetzt, sagt er.

Zu verdanken habe man das alles der Politik, sagt Brunner. "Man hat die Lawine kommen sehen. Die Regierung hat zu lange mit Maßnahmen gewartet", sagt der Wirt. Lange ausruhen auf seinem finanziellen Polster kann sich Brunner nicht. Das Magistrat verlangt eine neue Lüftung, er muss in neue Kühlschränke investieren. "Miete, Versicherung, Strom, Gas: Das Polster wird relativ schnell klein werden, wenn nichts hereinkommt", sagt Brunner.

  • Bioladen "Liola": Auf ein Schwätzchen mit Biogemüse
"Was ich mir in fünf Jahren vorgenommen habe, habe ich jetzt in vier Jahren geschafft", sagt Bayram Senel. 
- © Bayram Senel

"Was ich mir in fünf Jahren vorgenommen habe, habe ich jetzt in vier Jahren geschafft", sagt Bayram Senel.

- © Bayram Senel

Auf halbem Weg vom Wallensteinplatz zum Augarten befindet sich der Bioladen "Naturkost Liola" von Bayram Senel. Als er im Dezember 2017 aufsperrte, glaubte kaum jemand daran, dass sein Geschäftsmodell, das besser in hippere Stadtviertel passen würde, hier im 20. Bezirk funktionieren könnte. Heute ist der "Liola" das Wohnzimmer des Wallensteinviertels. Mittagsmenüs und Kaffee mit Hafermilch werden angeboten, genauso wie Waren aus der Umgebung und sogar aus dem Bezirk. Und Senel ist immer für ein Schwätzchen zu haben. Über Biogemüse, Veränderungen im Grätzel und natürlich über Gott und die Welt.

Doch nun ist wieder Lockdown, zum vierten Mal. Für Senel ist das aber kein Grund zu Verzweifeln. Im Gegenteil: "Der Laden ist immer langsam gewachsen. Seit den Lockdowns ist das Tempo jedoch gestiegen. Was ich mir in fünf Jahren vorgenommen habe, habe ich jetzt in vier Jahren geschafft", sagt Senel.

Aufgrund der hohen Nachfrage hat er sein Sortiment vergrößert und sein Team aufgestockt. Denn seit der Pandemie hätten viele Menschen ihr Einkaufsverhalten verändert. "Das Bewusstsein für Gesundes, Umwelt und Nachhaltigkeit ist gestiegen", sagt er. "Auch Regionalität ist wichtiger geworden."

Die Kunden würden zudem mehr Wert auf stressfreies Einkaufen legen. Dass hier jemand nach "Zweite Kassa bitte" schreit, ist undenkbar. "Warten ist normal geworden", sagt Senel. "Die Leute bleiben automatisch draußen, wenn sie sehen, dass die maximale Anzahl der Kunden im Laden ist." Sein Geschäftsmodell hat sich als krisenfest erwiesen. Auf Förderungen ist er nicht angewiesen.

  • Vinylshop "Substance": Laptop statt Plattenspieler
Wir machen solange weiter, wie es geht", sagt Thomas Gebhart. 
- © Substance Records

Wir machen solange weiter, wie es geht", sagt Thomas Gebhart.

- © Substance Records

Still ist es auch jetzt während des Lockdowns nicht im Substance Records. Der Plattenladen in der Westbahnstraße in Wien-Neubau ist eine fixe Adresse für Vinyl-Liebhaber abseits des Mainstreams. "Wir haben Glück, dass es uns so lange gibt. Wir bekommen viele Bestellungen aus anderen Ländern", sagt Thomas Gebhart am Telefon, während im Hintergrund Indie-Musik läuft. Er und Mitinhaber Konstantin Drobil sind genervt vom vierten Lockdown. "Es ist zermürbend", sagt Gebhart. Vor Weihnachten sei der Umsatz gut, sie haben viele neue Platten auf Lager. Denn die Pandemie hinterlässt auch in der Musikbranche ihre Spuren. Konzerte und Tourneen wurden abgesagt. "Viele Bands haben daheim ein neues Album aufgenommen. Darum werden wir jetzt von neuen Veröffentlichungen überschwemmt", sagt Gebhart.

Doch es werden auch viele Rechnungen fällig. In den vorherigen Lockdowns kam ihnen der Vermieter mit der Miete entgegen. Irgendwie wird es auch jetzt gehen, sagt er. Generell sei der Umsatz nicht das Allerwichtigste. "Wir machen das als Passion, uns liegt viel an der Musik und den Tonträgern. Da geht es nicht um Zahlen und Prozente. Wir machen solange weiter, wie es geht", sagt Gebhart.

Kunden können derzeit zwar keine Platten im Laden anhören, aber zumindest online bestellen. 14.000 Titel hat der Online-Shop des Substance gelistet. "Mit Click & Collect konnten wir einen Teil der entgangenen Verkäufe abfedern", sagt er. An normalen Tagen stöberten rund 30 bis 40 Kunden pro Tag in den Plattenregalen, die von Hip-Hop über Jazz und Soul bis Country ein breites Spektrum abdecken. Derzeit seien es eher drei bis vier, die sich online bestellte Platten im Geschäft abholen. Die Atmosphäre im Laden ist eben schwer durch Klicks am Laptop daheim zu ersetzen.

  • Club "U4": Hey, Mr. DJ, turn the music down!
Die Pandemie wird auch nächsten Sommer nicht vorbei sein. Corona wird bleiben", sagt Michael Gröss. 
- © U4

Die Pandemie wird auch nächsten Sommer nicht vorbei sein. Corona wird bleiben", sagt Michael Gröss.

- © U4

So lange so still war es im Wiener Kult-Club U4 noch nie. Pandemie und dicht gedrängte, verschwitzte Menschen, die ausgelassen tanzen, vertragen sich eben nicht gut. In den vergangenen 20 Monaten seit Pandemie-Beginn hatte der Club gerade einmal vier Monate offen. "Im Sommer, als wir wieder öffnen durften, waren wir täglich voll. Es kamen 18-, 19-jährige Teenager, die noch nie vorher in einem Club waren und überwältigt waren. Das war schon rührend", erzählt der Geschäftsführer des U4, Michael Gröss. "Unser Geschäftsmodell funktioniert halt auch nur analog", sagt er und schmunzelt.

Er fragt sich, wie es schon wieder so weit kommen konnte. "Wien hat zum Glück von Beginn an strenge Maßnahmen gesetzt. Die 2G-Plus-Kontrollen (geimpft plus PCR-getestet) haben super funktioniert. Die Menschen möchten ja auch sicher feiern können", meint Gröss. Querschüsse und Kritik von manchen Branchenvertretern an den strengen Maßnahmen kann er nicht nachvollziehen. Alles ist besser als Lockdown.

16 Monate machte das U4 kaum Umsatz. Ohne Corona-Hilfen und Kurzarbeit wäre die Krise wirtschaftlich nicht zu stemmen gewesen. "Wir brauchen aber ein solides Krisenmanagement mit einer langfristigen Sicherheitsstrategie. Die Pandemie wird auch nächsten Sommer nicht vorbei sein. Corona wird bleiben", sagt Gröss. Die Türsteher haben sich jedenfalls daran gewöhnt, nach dem Alter und dem G-Status zu fragen.

  • Frisör "Moses": Mit jedem Lockdown weniger Kunden
"Bei jedem Lockdown muss ich meine Mitarbeiter kündigen", sagt Moses Güner. 
- © Moses Güner

"Bei jedem Lockdown muss ich meine Mitarbeiter kündigen", sagt Moses Güner.

- © Moses Güner

Schließen musste auch Moses Güner seinen Friseurladen im 2. Bezirk, wenige Minuten vom Wurstelprater entfernt. Zum Spaßen ist Güner aber nicht aufgelegt. "Bei jedem Lockdown muss ich meine Mitarbeiter kündigen", sagt er. "Denn ohne Einnahmen bin ich darauf angewiesen, meine Ausgaben zu reduzieren." Sein Steuerberater würde sich zwar um Förderungen kümmern, doch Güner habe nach jedem Lockdown nur einen Bruchteil seines normalen Umsatzes zurückbekommen.

"Moses" eröffnete vor vier Jahren. Die Kundschaft ist seither gewachsen. Die unkomplizierte Art von Güner, die Atmosphäre mit gemütlicher Couch zum Abhängen und die Qualität der Haarschnitte kommen gut an. Nach dem ersten Lockdown war er tagelang ausgebucht.

Doch mit jedem weiteren Lockdown ist die Nachfrage ein wenig gesunken. "Viele Frisöre schneiden im Lockdown privat, denn sie müssen ja Geld verdienen", sagt Güner. "Wenn dem Kunden der Stil aber gefällt, ist er weg."

  • Buchhandlung "Stuwerbuch": Lesen gegen die Krise
"Die Leute hatten den Eindruck, mehr Zeit fürs Lesen zu haben", sagt Alban Knoll. 
- © David Visnjic

"Die Leute hatten den Eindruck, mehr Zeit fürs Lesen zu haben", sagt Alban Knoll.

- © David Visnjic

Eine Gasse weiter befindet sich die Buchhandlung "Stuwerbuch" von Alban Knoll. Auch er musste sein Geschäft schließen, niemand darf hinein. Die Arbeit ist für ihn aber nicht weniger geworden. Im Gegenteil. Vor allem im ersten Lockdown gab es einen Hype um Bücher. "Die Leute hatten den Eindruck, mehr Zeit fürs Lesen zu haben", sagt Knoll. Er hat sich dann schnell als Lieferdienst angeboten und ist auf dem Fahrrad die Kunden abgefahren. "Die Kunden haben es geschätzt, dass wir zu ihnen kommen", sagt er.

Knoll eröffnete mit einem Freund die Buchhandlung "Stuwerbuch" vor sechs Jahren, nachdem er eine Buchhändlerlehre abgeschlossen hatte und in vielen Buchläden arbeitete. Sein Geschäftspartner ist in der Zwischenzeit nach Berlin ausgewandert, das Geschäft führt Knoll nun alleine. Auf zwei Räumen aufgeteilt, gibt es Bücher von Dostojewski bis zu den Ariol-Comics von Guibert und Boutavant. Und wer nicht weiß, was er lesen soll, findet in Knoll ein unerschöpfliches Bücherlexikon.

Neben dem Geschäftsführer arbeitet ein Mitarbeiter an zwei Tagen mit. Das ist auch dringend notwendig: "Es braucht in den Lockdowns kreative Lösungen. Ich arbeite mehr, als zu regulären Zeiten", sagt Knoll.

Das machte sich bezahlt. Der Umsatz stieg seit dem ersten Lockdown, auf Förderungen ist er nicht angewiesen. Die bestellten Bücher können von seinem Laden auch abgeholt werden. "Die Kunden klopfen bei der Türe an und holen sich die Ware ab." Auch, wenn er von der Coronakrise profitiert, freut er sich schon, wenn er wieder öffnen kann. "Ich habe keine Buchhandlung eröffnet, um geschlossen zu halten."