Im Hotel Penzinghof ist das Licht aus. Das Frühstücksbuffet ist mit weißen Leintüchern verhängt. Das Restaurant leer, das Stiegenhaus kühl. Im 3. Stock steht ein 18 Meter langer Swimmingpool, in dem keiner schwimmt. Betreiber und Mitarbeiterinnen des 4-Sterne-Hotels in Oberndorf bei St. Johann in Tirol standen in den Startlöchern. Nach einem pandemiebedingt ohnehin schwierigen Jahr war für die nahende Wintersaison alles vorbereitet. Am 19. November verkündete die Regierung einen erneuten Lockdown. "Da bricht zunächst eine Welt zusammen", sagt Georg Lindner, Ex-Ski-Profi und Bruder von Inhaberin Christine Lindner.

Sonntag, 21. November. Am Tag vor Lockdown Nummer 4 mehren sich im Zentrum von St. Johann die Anzeichen für das Bevorstehende. Am Hauptplatz tummeln sich noch ein paar Männer um einen provisorisch errichteten Weihnachtsmarkt. "Letztes Abendmahl: Schweinsbraten und Augustiner-Bier" heißt es auf einer Tafel vorm Gasthaus Dampfl. Im Hotel "Sonne" klingelt das Telefon. Die Gespräche verlaufen jedes Mal nahezu wortgleich: Ja, sie hätten geöffnet, aber nur in Ausnahmefällen. Nein, man könne da kein Auge zudrücken. Stornieren? Okay.

Für einen Sonntag sei auf den Straßen noch ungewöhnlich viel los, sagt ein Einheimischer. Das gilt auch für das Turmstüberl der Brauerei Huber. Das Wirtshaus ist bis auf den letzten Platz gefüllt, Wirtinnen und Wirte zwängen sich zwischen Gästen hindurch. Im Dunstgemisch aus Bier, Schweinsbraten und ungarischem Saftgulasch liegen die Gedanken an einen Lockdown fern.

"Bitte kein Komplettausfall"

St. Johann in Tirol, im Leukental im Bezirk Kitzbühel gelegen, ist wie viele vergleichbare Tiroler Gemeinden ein Tourismushotspot. Und damit wirtschaftlich angewiesen auf das Florieren einer Branche, die seit Pandemiebeginn besonders gebeutelt ist. 530.000 Nächtigungen jährlich verzeichnet der 9.600-Einwohner-Ort für gewöhnlich, in vorpandemischen Zeiten. Im Jahr 2020 waren es rund 130.000 Übernachtungen weniger. Die Zahl der Arbeitslosen im Bezirk verdoppelte sich.

Montag, 22. November. Tag 1 von Lockdown Nummer 4 fühlt sich an wie ein Sonntag. Der Punschstand am Hauptplatz hat seine Fronten verbarrikadiert, geöffnet haben nur mehr Geschäfte des täglichen Bedarfs. Vor der Apotheke stehen die Leute Schlange. Die Gruppe Jugendlicher, die durch die Gassen streunt, wirkt seltsam verdächtig. Im Schaufenster eines Juwelierladens klebt ein Hinweis, der sich wie ein Hilferuf liest: "Videotelefonie. Schaufenstershopping. Reparaturen. Abholung. Lieferung/Versand. Bei Bedarf BITTE LÄUTEN!" Im Hotel Sonne sitzen sechs Personen an drei Tischen im Frühstückssaal. Sie teilen sich 30 Semmeln und eine Käseplatte.

"Bitte kein Komplettausfall", hofft Martina Foidl. Lange hatte die stellvertretende Geschäftsführerin des Tourismusverbands St. Johann gehofft, ein erneuter Lockdown könne sich verhindern lassen. Überrascht war sie letztlich nicht. Das habe sich abgezeichnet, sagt sie. Die Unsicherheit in der hiesigen Gastronomie und Hotellerie sei dementsprechend groß, "nicht nur wegen der Gäste, auch was die Mitarbeiter anbelangt". Viele sehen sich derzeit in anderen Branchen um - "und die kommen vermutlich nicht mehr zurück in den Tourismus".

Seit einigen Monaten ist in Österreich viel vom "Vorkrisenniveau" zu hören. Der Tenor: Das Schlimmste sei überstanden. "Licht am Ende des Tunnels" quasi. In Sachen Arbeitslosigkeit habe man das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht, in Sachen Wirtschaftsleistung nähere man sich an, verkündeten Politikerinnen und Politiker aller Couleurs. Anfang Dezember, bei der Präsentation der Arbeitslosenstatistik für den vorherigen Monat, war das Wort verschwunden.

Ende November waren österreichweit 363.494 Menschen arbeitslos oder in Schulungen, knapp 14.600 mehr als vor Lockdownbeginn. Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) geht davon aus, dass 350.000 bis 400.000 in Kurzarbeit gehen werden. Im Bereich Beherbergung und Gastronomie stieg die Arbeitslosenzahl von 42.600 im Oktober auf gut 55.000 im November. In St. Johann geht die Sorge um, bei Unternehmerinnen wie Lohnabhängigen, dass nun alles wieder von vorne losgeht.

Drohende Personalflucht

Tourismussprecherin Foidl versucht, auch die positiven Seiten zu sehen. "Lieber jetzt als später", lieber Anfang Dezember als über Weihnachten und Neujahr. Wenn es am 13. Dezember wirklich wie angekündigt wieder losgeht, halte sich der Schaden in Grenzen. Von der Regierung fordert sie nun konkrete Verordnungen und einen verlässlichen Zeitplan. Sollte der Lockdown über Weihnachten verlängert werden, befürchtet
Foidl, dass Angestellte und Saisonarbeiter erst recht in andere Berufe abwandern.

Nach dem Betriebsurlaub sollten am 3. Dezember im Penzinghof die ersten Gäste einchecken. "Hätten wir das mal vorher gewusst . . .", sagt Georg Lindner, ohne den Satz zu beenden. Seiner Meinung nach kam die Lockdown-Ankündigung der Bundesregierung viel zu kurzfristig. Alles war vorbereitet. Lindner spricht von einem "Rattenschwanz" und "unglaublichem Mehraufwand": Buchungen müssen storniert oder umgebucht, Alternativen gefunden werden.

Der erneute Lockdown sei nicht nur für die Inhaberinnen eine enorme wirtschaftliche Herausforderung, sondern auch für die Mitarbeiter. Diese waren schon in der Vergangenheit über Monate in Kurzarbeit, ein Großteil konnte so gehalten werden. Bei einer Verlängerung des Lockdowns drohe auch dieses Mal ein ähnliches Szenario. "Die Gefahr, dass sich Einzelne umorientieren, ist groß", sagt Lindner. Und gutes Personal sei mittlerweile rar geworden. "Gemeinsam", betont er, wolle man am 16. Dezember wieder öffnen, zumindest das Weihnachtsgeschäft noch gut mitnehmen. Gästen "empfehlen wir eine Reiserücktrittsversicherung", heißt es auf der Website des Hotels.

Der Text erscheint zeitgleich auch im Magazin "Arbeit&Wirtschaft" (www.arbeit-wirtschaft.at).