Wieder einmal sind Österreichs Geschäfte in der umsatzstärksten Zeit des Jahres geschlossen. Wieder einmal werden viele Weihnachtseinkäufe online durchgeführt. Dem stationären Handel entgehen dabei etwa 140 Millionen Euro Umsätze pro Tag, wovon ein großer Teil an ausländische Konzerne fließt. Allein auf Amazon entfiel im Vorjahr etwa die Hälfte der gesamten heimischen Online-Umsätze. Dank Pandemie und Lockdowns machte der Versandriese hierzulande 17 Prozent mehr Umsatz als noch 2019.

Es tut sich jedoch noch ein zweites Problemfeld auf: die Retouren. Packerln werden verschickt, retourniert - und dann vernichtet, hat die Umweltorganisation Greenpeace herausgefunden. 2020 wurden rund 139 Millionen Pakete an Privatkunden in Österreich versendet. Jedes dritte Paket wurde wieder zurückgeschickt. Das sind in Summe rund 46 Millionen Rücksendungen, hat die Umweltschutzorganisation anhand von Studien und Paketstatistiken errechnet.

Der österreichische Handelsverband konstatierte jüngst in seiner "E-Commerce-Studie 2021", dass 41 Prozent der heimischen Online-Einkäufer Waren retournieren. Die Rücksendungsquote ist seit Jahren recht konstant. Je jünger die Käufer, desto eher wird retourniert, am häufigsten wird Kleidung zurückgeschickt.

Diese Retouren werden dann jedoch nicht gelagert, sondern zunehmend vernichtet, fand Greenpeace heraus. In einer 2021 veröffentlichten Studie des Instituts für Ökologie und Politik für das Europäische Umweltbüro (EEB) wird geschätzt, dass bei Textilien 10 bis 20 Prozent und bei Elektroartikel 4 bis 10 Prozent der Rücksendungen entsorgt werden.

Das klingt zwar auf den ersten Blick nach nicht viel, rechnet man es auf die gesamten Online-Umsätze um, dann handelt es sich dabei jedoch um Warenwerte im mehrstelligen Millionenbereich. Denn allein 2020 belief sich der Umsatz von Amazon in Deutschland, von wo aus auch der österreichische Markt beliefert wird, auf rund 29,57 Milliarden US-Dollar (26,14 Milliarden Euro), so das Statistikunternehmen Statista.

Impulskäufe mit klimaschädlichen Folgen

Hinzu kommt nun noch die fatale Ökobilanz, werden doch bei der Retouren-Vernichtung Ressourcen sowie Energie gleich mitvernichtet. "Das schmutzige Geschäft mit zerstörten Retouren und Lagerbeständen muss gestoppt werden. Um ein T-Shirt oder einen Fernseher herzustellen, werden Unmengen an Ressourcen verbraucht und klimaschädliches CO2, etwa für den Transport, in die Luft geblasen", sagt Lisa Panhuber, Konsumexpertin bei Greenpeace in Österreich. "Amazon und Co. überschwemmen den Markt mit Billigware und animieren zu Impulskäufen, die immer häufiger zurückgesendet werden. Etwa 1,4 Millionen Pakete aus Österreich, voll mit neuer Kleidung und Elektrogeräten, werden einfach so vernichtet", so Panhuber.

Die Umweltschutzorganisation fordert angesichts der massiv steigenden Einnahmen von Amazon, dass der Versandriese entsprechend zur Verantwortung gezogen wird.

Vernichtung oder "zweites Leben"

Der größte heimische Online-Versandhändler Unito, Teil der Otto-Gruppe, erklärt auf Greenpeace-Nachfrage, dass retournierte Ware nur "im Promillebereich" vernichtet werde. Ähnliches verlautbart sein US-Konkurrent online.

Amazon meint in seinem Unternehmensblog: "Retouren verdienen ein zweites Leben. Denn auch was geöffnet oder gebraucht ist, kann noch funktionstüchtig sein - oder wieder werden. Deshalb durchlaufen alle Retouren bei Amazon zunächst eine strenge Inspektion." Ein Großteil der zurückgesendeten Produkte werde wieder neu gelistet, betont der Konzern. Gebrauchtware würde über "Amazon Warehouse" oder an Restpostenhändler verkauft sowie an soziale Organisationen gespendet.

"Nur wenn wir keine andere Möglichkeit mehr haben (zum Beispiel aus hygienischen Gründen oder weil Waren beschädigt sind), geben wir Artikel zum Recycling oder zur Energierückgewinnung. Dieser Weg ist für uns die letzte und am wenigsten attraktive Option - ökologisch und ökonomisch." Auch Amazon betont, der Anteil jener Produkte, die entsorgt werden müssten, läge im Promillebereich.

Die Greenpeace-Recherchen zeigen allerdings ein ganz anderes Bild der Retouren-Praxis bei Amazon: Mindestens eine LKW-Ladung nicht verkaufter Versandartikel landet allein an einem einzigen Amazon-Standort in Deutschland jede Woche im Müll, hat die Umweltschutzorganisation herausgefunden. Betroffen davon sind nicht nur Retouren, sondern auch völlig intakte Neuwaren von Amazon-Marketplace-Anbietern, die nicht innerhalb einer bestimmten Frist verkauft wurden.

Was kann man nun aber gegen die groß angelegte Vernichtung von Waren tun? In unserem Nachbarland Deutschland gibt es seit dem Jahr 2020 hierzu die sogenannte "Obhutspflicht". Sie hat jedoch Umsetzungsprobleme, fand die Nachrichtensendung "Tagesschau" heraus: "Das Gesetz gilt seit 2020, aber es wird bislang mangels notwendiger Verordnungen nicht umgesetzt." Der deutsche Gesetzgeber tue sich mit dem laut Eigendefinition "juristischen Neuland" schwer. Es fehlten ausreichend Daten über das Ausmaß der Warenvernichtung, argumentiert man gegenüber der "Tagesschau".

"Wir müssen auch in Österreich Ressourcen schützen und dafür sorgen, dass nur das produziert wird, was auch gebraucht wird. Dafür ist ein gesetzlich verankertes Vernichtungsverbot notwendig. Entscheidend ist dabei, dass Verstöße auch sanktioniert werden", fordert Panhuber daher. Auch Initiativen und Berufsgruppen, welche zum Ziel haben, Produkte wiederzuverwenden, etwa Reparatur-Cafés oder Re-Use-Betriebe, müssten gefördert werden.

"Österreichische Onlinehändler – die zu mehr als 99 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen sind - vernichten keine neuen Waren und können sich derartige Geschäftspraktiken allein schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen im Wettbewerb gegen die globalen Online-Anbieter gar nicht leisten", hielt  Martin Sonntag, Obmann des Online-Handels in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) in einer Preseaussendung fest. (mojo)