Hightech und Millionenumsätze hinter verblassten Jugendstilmauern: Seit einem Jahr sorgt Österreichs größtes Corona-Diagnostiklabor Lifebrain für hektische Betriebsamkeit auf der Baumgartner Höhe in Wien. Direkt unterhalb der Otto-Wagner-Kirche am Steinhof werden täglich bis zu 350.000 PCR-Proben angekarrt, um Covid-Infektionen frühzeitig auf die Spur zu kommen. "Seit 29. November wird auch auf die Virusmutation Omikron untersucht", sagte Laborleiterin Anna Edermayr zur APA.

Wo einst die Psychiatrie angesiedelt war, werden nun nonstop Tausende von Reagenzgläsern bearbeitet. In Pavillon 16 und 17 arbeitet das Personal im Schichtdienst rund um die Uhr. Im ersten Jahr seines Bestehens ist das Covid-Testlabor an seinem einzigen Inlandsstandort rasant gewachsen. "Mit der Auswertung der angelieferten Gurgelate machen wir heuer einen Umsatz von rund 300 Mio. Euro", schätzte Geschäftsführer und Firmengründer Michael Havel im Gespräch mit der APA. Pro Test werden der Stadt Wien knapp 6 Euro verrechnet. Aktuell wird bei Lifebrain weiter ausgebaut - die nächsten Expansionsschritte werden gerade gesetzt.

Mitarbeiterzahl verzehnfacht

Ende 2020 werkten für Lifebrain 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Logistik und im Labor am Gelände der Klinik Penzing, mittlerweile sind es "mehr als 1.000 aus 48 Nationen mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren", wie Havel ausführte. Zwei Drittel davon arbeiten im Labor, das andere Drittel ist mit Anliefern, Aus- und Umpacken beschäftigt. Ein Stressjob. Binnen 24 Stunden muss das jeweilige Testergebnis vorliegen. Die Beschäftigten sind über eine Leiharbeitsfirma (salexius Personalleasing GmbH) angestellt.

Lifebrain wächst vorerst ungebremst weiter. Derzeit werden die Firmenaktivitäten auf zweieinhalb zusätzliche Pavillons ausgedehnt - die Umbauarbeiten dazu sind im Gange. "Bis Mitte Jänner kommen 600 Mitarbeiter hinzu - 100 in der Logistik und 500 im Labor", kündigte der ausgebildete Herzchirurg Havel an. Die Testkapazität wird zum Jahresstart 2022 auf 750.000 bis 800.000 pro Tag nochmals spürbar nach oben geschraubt. Dafür werden 18 Mio. Euro investiert, nachdem bisher bereits 40 Millionen in das Projekt geflossen sind.

Die Ausbeute für den ganzen Aufwand: Von den 2021 bisher analysierten rund 23 Millionen Gurgelproben waren knapp 356.000 positiv. Das entspricht rund 1,5 Prozent.

Ohne Roboter geht nichts

Das PCR-Test-Labor startete Mitte Dezember 2020 mit einer Testkapazität von 30.000 Proben täglich - an einem stärkeren Tag de facto analysiert wurden anfangs 20.000. Heuer im Sommer hielt das Unternehmen bereits eine Analysekapazität für 500.000 Gurgelate täglich vor. Der bisher intensivste Tag war der 16. November 2021, an dem rund 354.000 Proben zur Untersuchung einlangten.

Die Testkapazität wird zum Jahresstart 2022 auf 750.000 bis 800.000 pro Tag nochmals spürbar nach oben geschraubt. 
- © APA, Hans Punz

Die Testkapazität wird zum Jahresstart 2022 auf 750.000 bis 800.000 pro Tag nochmals spürbar nach oben geschraubt.

- © APA, Hans Punz

Gerührt und geschüttelt wird dort allerdings nicht von Menschenhand - unterstützt wird das Labor-Team von rund 150 Pipettierrobotern sowie von etwa 120 PCR-Maschinen. Weitere 130 Janus-Roboter zu je 80.000 Euro sind bereits beim US-Hersteller PerkinElmer bestellt - die ersten davon sind ab dieser Woche in Wien. "Wir sind der größte Kunde des Konzerns, wir haben die gesamt Produktion bis Jänner aufgekauft", so Havel. Zudem sind zusätzlich 100 PCR-Maschinen aus China geordert.

"Weltweit sind die Analysegeräte und auch das Verbrauchsmaterial extreme Mangelware", strich der Firmenchef hervor. Lifebrain habe international sehr gute Kontakte zu den Lieferfirmen. "Wir haben für 500.000 Tests pro Tag das Material für fünf Wochen." Der Großteil davon liegt in einem Logistiklager in Schwechat.

350 Standorte in Italien

Das Unternehmen betreibt auch 350 Standorte in Italien, wo es als einer der größten medizinisch-diagnostischen Laborbetreiber mit rund 2.500 Mitarbeitern "von klinischer Chemie bis Genetik alles" anbietet. Auch Lebensmittel, Abwasser und Wasser werden dort unter die Lupe genommen. Insgesamt erzielt die Firmengruppe 2021 voraussichtlich einen Umsatz von 700 bis 800 Mio. Euro - fast die Hälfte davon entfällt auf den größten Standort Wien.

Die 3G-Regel (geimpft, genesen oder getestet) am Arbeitsplatz, die in Österreich seit November per Verordnung gilt, verleiht dem Business sicher einen zusätzlichen Schub. In Österreich ist derzeit noch fast ein Drittel der Bevölkerung ungeimpft, muss also regelmäßig testen gehen.

Lifebrain-Geschäftsführer und Firmengründer Michael Havel will 2022 weiter expandieren. 
- © APA, Hans Punz

Lifebrain-Geschäftsführer und Firmengründer Michael Havel will 2022 weiter expandieren.

- © APA, Hans Punz

Das Geschäft wird auch ungeachtet der von der Regierung geplanten Corona-Impfpflicht ab Februar 2022 nicht abreißen. Wer sich in der Gesellschaft während der Pandemie frei bewegen will, muss künftig in immer mehr Lebensbereichen die 2G-Plus-Regel erfüllen, also geimpft oder höchstens sechs Monate lang genesen und zusätzlich PCR-getestet sein. "Die einzige Lösung, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, ist 2G-Plus", ist Havel überzeugt. "Das wäre das einzig medizinisch Sinnvolle, das so zu machen", meinte der Arzt und Geschäftsmann.

Die bereits 2013 von Havel als CEO und Bernhard Auer als Finanzchef gegründete Laborgruppe Lifebrain ist seit heuer unter anderem Partner der Aktion "Alles gurgelt" der Stadt Wien. Das bedeutet, dass in der Bundeshauptstadt bei Billa, Billa Plus, Bipa, Penny oder bei Tankstellen abgegebene Gurgeltests zur Auswertung auf die Baumgartner Höhe müssen. Auch Testungen der städtischen "Gurgelboxen" und Pensionistenheime sowie der Wiener Schulen, die ab der fünften Schulstufe zwei- bis dreimal wöchentlich von der öffentlichen Hand bezahlt werden, kommen dorthin.

"Bei der ersten Ausschreibung der BBG (Bundesbeschaffung GmbH, Anm.) waren wird Best- und Billigstbieter", erklärte der bekennende Rote Havel. Hinzu kommen die Aufträge von etwa 80 Apotheken in Niederösterreich und von Teststraßen des Roten Kreuzes in Salzburg. Im Moment laufe eine neue Ausschreibung der Stadt Wien. "Ich hoffe, diese wieder zu gewinnen."

Günstig ist die Firma mit den verrechneten fast 6 Euro für einen PCR-Test allemal - der Preis versteht sich inklusive Logistik, Testkit und Call-Center-Kosten. Die reinen Materialkosten beliefen sich auf 3 Euro. "Bevor wir kamen, war der Durchschnittspreis für einen PCR-Test 150 bis 180 Euro - wir haben dazu beigetragen, das auf einen vertretbaren Kostenlevel zu bringen", ist der Firmenchef eigenen Angaben zufolge stolz.

Die davor hohen Preise hätten ihn geärgert. "Das ist in der Pandemie ein Skandal." Es sei "indiskutabel", wenn die Pandemie dafür benutzt werde, "die Leute auszurauben". "Wir haben gesehen, dass in Wien viel zu wenig PCR-Kapazitäten vorhanden waren und wir wussten aus Italien, wie hoch die Kosten tatsächlich sind." Nun sei das Testangebot "extrem niederschwellig und günstig".

Standort Wien soll länger bleiben

Ähnlich billig, aber den Angaben zufolge wesentlich kleiner, ist das Salzburger Labor Novogenia. Weitere Anbieter sind die COVID Fighters oder das Salzburger Unternehmen Procomcure.

Lifebrain ist längst nicht mehr in österreichischer Hand. Vor drei Jahren wurde das Unternehmen um rund 700 Mio. Euro an den größten italienischen Private-Equity-Fonds Investindustrial veräußert. Diese Beteiligungsgesellschaft verkaufte die Firma heuer im Sommer um 1,2 Mrd. Euro an den französischen Diagnostik-Spezialisten Cerba HealthCare weiter. Das ist eine der größten Laborketten, die wiederum dem schwedischen Finanzinvestor EQT gehört.

Den Standort in Wien soll es noch länger geben. "Wir sind gekommen, um zu bleiben", hielt Havel fest. "Wenn diese Pandemie vorbei ist, werden wir natürlich das Spektrum verändern - wir werden dann Infektionsdiagnostik machen." Doch bis nicht 90 oder 95 Prozent der Bevölkerung geimpft seien, werde diese Pandemie wohl nicht vorbei sein. Und nicht auszuschließen sei die Gefahr, dass die nächste Corona-Mutation "so bösartig ist, dass die Impfung überhaupt nicht wirkt". "Das weiß derzeit niemand so genau." (apa)