Auch der jüngste Corona-Lockdown kommt Österreich teuer zu stehen. Nach Schätzungen des Wifo gehen dem Land infolge der erneuten Schließungen circa vier Milliarden Euro an Wertschöpfung verloren. Im noch laufenden vierten Quartal wird die Wirtschaftsleistung damit nach zwei sehr guten Quartalen wohl um 4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal nach unten rutschen. "Österreich schrumpft", sagte Wifo-Chef Gabriel Felbermayr am Mittwoch bei der Präsentation der neuesten Konjunkturprognose. "Das Virus hat uns immer noch im Griff."

Grund, Trübsal zu blasen, sollte es dennoch keinen geben. Für das kommende Jahr rechnet Felbermayr mit einem "deutlichen Rebound", der das Wirtschaftswachstum auf 5,2 Prozent hebeln sollte - nach einem erwarteten Plus von 4,1 Prozent im heurigen Jahr. Schon in der Vergangenheit habe man gesehen, dass nach den Lockdowns sehr rasch Nachholeffekte eingesetzt hätten, von denen die heimische Wirtschaft profitiert habe. Und das sollte aus Felbermayrs Sicht auch diesmal so sein. Viele Menschen haben während des Lockdowns nur in eingeschränktem Maß Geld ausgegeben. Deshalb sieht Felbermayr auch den privaten Konsum 2022 als "zentralen Treiber des Wirtschaftswachstums".

Ebenso zuversichtlich für die weitere Entwicklung der Konjunktur ist das Institut für Höhere Studien (IHS). "Der Aufschwung setzt sich fort - trotz Inflation und Corona-Risiken", sagte der Chefökonom des IHS, Michael Reiter, in einer gemeinsam mit dem Wifo abgehaltenen Online-Pressekonferenz. Die Konjunktur sei derzeit "wie ein künstlich gedrosselter Motor, der schnell wieder brummt, wenn man ihn laufen lässt".

Trotz des heftigen Dämpfers zum Jahresausklang rechnet das IHS für 2021 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 4,3 Prozent. Damit ist es zwar um eine Spur optimistischer als das Wifo. Anders als dieses geht das IHS für 2022 aber "nur" von einem Wachstum von 4,2 Prozent aus (siehe Grafik).

Positive BIP-Effekte durch die Steuerreform

Weitere Lockdowns haben Wifo und IHS bei ihren Prognosen für nächstes Jahr nicht auf der Rechnung. Klar ist allerdings, dass ein fünfter Lockdown den Konjunkturaufschwung bremsen würde. Falls es eine Entwicklung wie im heurigen ersten Quartal gäbe, so Reiter, würde das Wachstum wohl einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, also bei 3,2 Prozent liegen. Doch das könnte im Folgejahr 2023 wieder wettgemacht werden.

Gleichzeitig gab Reiter zu bedenken, dass die am Mittwoch vom Parlament beschlossene Steuerreform, die bereits Anfang Jänner in Kraft tritt, zwei Jahre hintereinander je 0,3 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum beitragen werde, da sie die Beschäftigten real entlaste und positive Effekte für den Arbeitsmarkt habe.

Dennoch stellt die Pandemie weiterhin das größte Abwärtsrisiko für Österreichs Wirtschaft dar. Durch die neue Coronavirus-Variante Omikron habe sich die Prognose-Unsicherheit "nochmals deutlich erhöht", betonten beide Wirtschaftsforschungsinstitute. Was etwa den für das Land so wichtigen Wintertourismus betrifft, rechnen Wifo und IHS aber noch mit einer weitgehend intakten Saison.

Entspannung an Preisfront erst für 2023 zu erwarten

Als "recht robust" bezeichnete Wifo-Chef Felbermayr den Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft könne jetzt davon ausgehen, dass nicht gleich wieder der nächste Lockdown komme, gab er als Hauptgrund an. Nach dem Rezessionsjahr 2020, in dem die Arbeitslosenrate auf 9,9 Prozent hochschoss, dürfte die Quote heuer aus Sicht von Wifo und IHS zunächst auf etwa acht Prozent sinken - und 2022 dann auf einen Wert von etwas mehr als sieben Prozent.

Indes dürfte die Inflationsrate, die beide Institute für 2021 bei 2,8 Prozent sehen (weit über dem mittelfristigen EZB-Ziel von zwei Prozent), auch im kommenden Jahr relativ hoch bleiben. Felbermayr und Reiter rechnen vor allem mit Blick auf die stark zulegenden Rohstoffpreise erst für 2023 mit einer Entspannung beim Anstieg der Verbraucherpreise. Der Wifo-Chef glaubt sogar, dass die Inflation 2022 auf 3,3 Prozent springen wird - insbesondere auch wegen der hohen Erzeugerpreise. Da diese von den Unternehmen bezahlt würden, sei damit zu rechnen, dass die höheren Kosten in absehbarer Zeit den Konsumenten weiterverrechnet werden.

Reiter, der die Teuerung 2022 im Gegensatz zu Felbermayr bei 2,8 Prozent verharren sieht, sprach im Zusammenhang mit der erhöhten Inflation von einer "temporären Erscheinung". Es handle sich dabei großteils um eine importierte Inflation durch Energie, Transportkosten und Probleme in den Lieferketten. Hier sollte es jedoch bis 2023 eine deutliche Entspannung geben. Sobald sich die Lieferengpässe auflösen, sollte auch der zuletzt schwächere Welthandel wieder an Fahrt gewinnen, was der österreichischen Exportwirtschaft zugutekäme, so Felbermayr.

Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, hervorgerufen durch die erhöhte Inflation, sehen die Experten von Wifo und IHS derzeit zwar noch nicht. Ein Verteilungskampf könnte eine solche Spirale aber in Gang bringen, warnte Reiter. Vor diesem Hintergrund appellierte Felbermayr an die Sozialpartner, sie mögen sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

Zur Verlängerung der staatlichen Corona-Hilfen sagte Reiter, dass man künftig mehr auf Treffsicherheit achten und keine falschen Anreize setzen sollte. Ein falscher Anreiz könnte etwa die 40-Prozent-Schwelle beim Umsatzersatz sein, weil sie dazu verleitet, darunter zu bleiben.