Recycling ist nicht nur ein ökonomisches oder ökologisches Thema, sondern hat auch psychosoziale Komponenten", schickt Clemens Holzer, Professor am Institut für Kunststoffverarbeitung der Montanuniversität Leoben, beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung" voraus.

"Die Sauerei im Meer oder in der Natur hat nichts mit dem Kunststoff zu tun. Dass er nicht abbaubar ist, ist ja nicht Schuld des Kunststoffes", verteidigt der Professor sein Spezialgebiet.

Er sei "nur ein Techniker" und "böses Plastik" gebe es nicht für ihn, betont Holzer und meint: "Unser modernes Leben wäre ohne Kunststoff-Verarbeitung gar nicht möglich."

Immerhin sei mittlerweile auch erwiesen, dass Ersatzstoffe für Kunststoff mehr CO2 und Energie benötigen - Papiersackerl statt Plastiksackerl mache also keinen Sinn. - "Das wird in der Öffentlichkeit immer wieder übersehen, Papier ist nicht ökologischer als Kunststoff!"

Die Recycling-Kaskade

Wichtig ist Holzer allerdings der korrekte Umgang mit Kunststoffen, von der Verarbeitung bis zum Recycling. Und beim Recycling selbst müsse man auch stärker differenzieren: Es gebe da kein Gut oder Schlecht, sondern eine Abstufung, die Holzer "Kaskadisierung" nennt.

Die nachhaltigste Lösung sei PET-to-PET-Recycling, also wenn aus Flaschen wieder Flaschen werden. An zweite Stelle reiht der Professor stoffliches Recycling, wenn etwa aus Kunststoff wieder Kunststoff wird. "Das rechnet sich immer noch, weil man sich die Rohstoff-Förderung und den Transport erspart."

Als schon problematischer stuft Holzer chemisches Recycling ein, wenn in aufwendigen Verfahren Kohlenstoff und Wasserstoff, oder gar wieder Erdöl als Endprodukt, zurückgewonnen werden. "Der Vorteil dabei, ist, dass man alles ohne Einschränkung wieder verwenden kann. Man braucht dafür zwar viele Ressourcen, aber immer noch weniger als für eine Neuproduktion mit Rohöl."

Thermische Verwertung, vulgo Müllverbrennung, habe auch ihre Daseinsberechtigung, entstehen dabei doch Strom oder Wärme, die ansonsten mit anderen Brennstoffen hergestellt werden müssten. Am besten sei natürlich der Müll, der erst gar nicht entsteht, betont Holzer.

Wenig hält der Kunststoff-Experte übrigens vom hierzulande so beliebten Tetrapak, einem Kunststoff-Verbund aus unterschiedlichen Materialien. Dieser sei sehr schwierig zu recyceln, denn zunächst müssten die unterschiedlichen Materialien wieder getrennt und gesäubert werden.

Quoten und Verordnungen

Was in Sachen Recycling mehr oder weniger sinnvoll sei, ergibt sich aus einem Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren. Der aktuelle Kunststoffpreis am Weltmarkt sei nur einer davon, betont Holzer. Hinzu kommen noch der Rohölpreis sowie das Einkaufsverhalten der Großkonzerne in diesem Bereich. Auch der Recycling-Markt sei einem Spiel von Angebot und Nachfrage unterworfen. Viel wichtiger als alle anderen Faktoren seien laut Holzer jedoch politische Vorgaben. So habe sich etwa jüngst die Lieferketten-Problematik verschärft. Der Import von Rohstoffen von außerhalb Europas ist schwieriger geworden.

Das hat die EU dazu bewegt, mittels vorgegebener Recyclingquoten die Abhängigkeit von Rohstoff-Einfuhren zu reduzieren.

Die "EU-Abfallhierarchie" erklärt der Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG (ARA), Harald Hauke, auf Nachfrage als eine Reihung von Vermeidung, Vorbereitung zur Wiederverwendung und Recycling bis Verwertung und Entsorgung. Hauke: "Die EU gibt erhöhte Recyclingquoten vor. Es wird über verpflichtende Einsatzquoten von Kunststoff-Rezyklaten bei neuen Produkten diskutiert." Für Kunststoffflaschen gebe es diese Quoten bereits, der ARA-Vorstand erläutert: "Ab 2025 müssen sie zu mindestens 25 Prozent aus Rezyklat bestehen, ab 2030 bereits zu 30 Prozent."

Was derzeit allerdings noch fehlt, ist eine Rezyklat-Quote für Lebensmittel-Verpackungen, moniert wiederum Holzer. "Wir Ingenieure können alles machen, für die wirtschaftliche Umsetzung brauchen wir aber klare politische Rahmenbedingungen. Auch Hauke fordert: "Hindernisse bei der Zulassung von Rezyklaten für den Einsatz in Lebensmittelverpackungen müssen gelöst werden. Aktuell ist das nur bei PET-Getränkeflaschen geregelt."

Rezyklat-Mangel

Aufgrund der jüngsten EU-Vorgaben ist jedoch die Rezyklat-Nachfrage gestiegen, der Markt kann sie derzeit nicht ausreichend bedienen. Es gibt zu wenig Rezyklat, hat Holzer beobachtet. "Generell zeigt sich, dass die Nachfrage an Rezyklaten aus Kunststoffen derzeit steigt, und damit auch die dafür erzielten Preise", bestätigt auch Hauke.

Hinzu komme laut dem Kunststoff-Experten Holzer, dass die EU-Abfallverbringungsverordnung es verarbeitenden Betrieben verbiete, ohne eine eigene Lizenz als Müllverarbeiter, Kunststoffabfälle zu importieren. Rezyklate würden aber, jedenfalls derzeit noch, als Kunststoffabfall gelten.

ARA-Chef Hauke erklärt, dass das Recycling der von seinem Unternehmen gesammelten Kunststoffverpackungen ausschließlich in Europa stattfindet. Der überwiegende Teil lande bei österreichischen Verwertungsbetrieben, die daraus Rezyklate herstellen. Die so produzierten Sekundärrohstoffe würden dann an Produktionsunternehmen im In- und Ausland verkauft.

Ausblick

Wo wir derzeit stehen und wie es weitergehen soll, skizziert Hauke so: "Die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen beträgt in Österreich derzeit nach neuer, von der EU verschärfter Messmethode rund 25 Prozent. Diese Quoten müssen wir bis 2025 auf 50 Prozent verdoppeln, bis 2030 auf 55 Prozent erhöhen. Bei Verpackungen aus Glas, Metall und Papier haben wir die EU-Vorgaben ab 2030 bereits heute erreicht."

Um diese Ziele nicht zu verfehlen, seien umfangreiche Maßnahmen bei Sammlung, Sortierung und Verwertung sowie eine Erhöhung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen erforderlich. Eine Schlüsselrolle für den Kunststoffkreislauf spielen laut Hauke künftig High-Tech-Sortieranlagen.

Abfälle um jeden Preis zu recyceln, mache jedenfalls keinen Sinn, meint der ARA-Chef, er erklärt: "In manchen Fällen wäre ein Recycling so aufwendig, dass die dabei entstehenden Emissionen höher wären als eine energetische oder thermische Verwertung, wie bei der Fernwärme oder in der Zementindustrie." - Für diese Fälle hätte auch die EU-Kommission ein Abweichen von der Abfallhierarchie eingeräumt.

Weltmarktführer

Nachhaltigkeit an sich schädige jedenfalls nicht den Wirtschaftsstandort, betont "Kunststoffprofessor" Holzer abschließend noch und nennt als Beispiel dafür das Deponieverbot für Kunststoff. Dieses gäbe es in Österreich seit 2004. Seither hätten sich heimische Firmen auf Kunststoff-Recycling spezialisiert, seien Weltmarktführer in diesem Bereich und exportieren ihre Maschinen bis in die USA.

Als besonders interessant bewertet der Leobener Professor übrigens das Re-Oil-Projekt des heimischen Mineralölkonzerns OMV. Mittels patentierter chemischer Recyclingtechnologie werden dabei Kunststoffabfälle unter moderatem Druck und normalen Raffinerie-Betriebstemperaturen in synthetischen Rohstoff umgewandelt. Aus diesem können sodann wieder hochwertige Kunststoffe hergestellt werden.

Eine Re-Oil-Pilotanlage gibt es seit 2018 in der Raffinerie Schwechat, bis zum Jahr 2026 soll schließlich eine großtechnische Anlage in Betrieb gehen.