Das österreichisch-deutsche Handelsvolumen für 2021 wird erstmals weit mehr als 100 Milliarden Euro betragen. Mit diesem Rekord wird zum ersten Mal diese Marke durchbrochen. Michael Scherz, Wirtschaftsdelegierter in Berlin: "Ohne die Pandemie-bedingten Einbrüche im Tourismus und Handel hätten wir eine großartige Leistungsbilanz mit Deutschland erzielt."

Die vorliegenden Zahlen von Jänner bis November 2021 plus den hochgerechneten Dezemberzahlen zeigen, "dass wir ein Rekordjahr hinter uns haben". Österreichs Exporte nach Deutschland betrugen in diesem Zeitraum etwa 50 Milliarden Euro, was einem Plus von rund 13 Prozent entspricht. Die Importe aus Deutschland wuchsen auf rund 60 Milliarden Euro, das bedeutet eine Zunahme von gut 15 Prozent. Damit wird erstmals die 100-Milliarden-Marke im bilateralen Handelsvolumen nicht nur erreicht, sondern sogar deutlich übertroffen.

"Die deutsche Industrie hat unter Corona nie wirklich gelitten", erklärte Scherz. "Und die österreichischen Zulieferer profitieren davon." Nur der Dienstleistungssektor findet sich Corona-bedingt auf der Verliererseite, vor allem der Tourismus.

Der Tourismus sei besonders von der Pandemie betroffen, weil sich Verordnungen und Gesetze sowohl in Deutschland als auch in Österreich ununterbrochen geändert und zum Teil einander widersprochen hätten. Daher seien für die Branche die Saisonen und Auswirkungen sehr schwer abschätzbar und planbar gewesen seien.

"Tourismus bleibt auf der Strecke"

Zu den Widersprüchlichkeiten gehöre beispielsweise, dass zwar die Einreiseregelungen gelockert worden sind, die Hotels jedoch zur Einhaltung von "2G plus" verpflichtet seien und vieles Ähnliches. Hierfür müssten die Regierungen in Berlin und in Wien noch sensibilisiert werden.

Auch auf deutscher Seite seien Einzelregelungen ungeklärt. So müssten Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren nach ihrer Rückkehr aus Österreich in Quarantäne, wogegen alle anderen Länder Lösungen gefunden hätten. "Nur in Deutschland nicht", betonte Scherz. Eine weitere Herausforderung auf deutscher Seite sei, dass Bayern von den deutschlandweit geltenden Regeln oft ausschere, was die Unsicherheit von Österreich-Urlaubern vergrößere.

Selbst spontane Buchungen in den Herbergen österreichischer Skigebiete seien problematisch, da die Betriebe nicht schnell genug ausreichend Personal finden würden. Die Städte leiden, so Scherz, massiv unter dem Ausfall von Kongressen und Kulturveranstaltungen.

"Leider bleibt der Tourismus auf der Strecke. Mit einem normalen Tourismus - wie wir es Jahrzehnte gewohnt waren - hätten wir eine irre Leistungsbilanz", strich Scherz hervor. Die Erwartung richte sich heuer noch auf einen starken März, wo man vor allem mit Winterurlaubern aus Bayern und Baden-Württemberg rechnet. "Hoffen wir, dass wir das letzte Drittel des Winters gut hinkriegen." Der große Nachholbedarf beim Urlauben lässt laut Scherz die Prophezeiung zu: "Einem sehr guten Sommer steht nichts im Wege. Die Menschen haben Geld und buchen wie verrückt."

Die diesjährige Internationale Süßwarenmesse (ISM) in Köln, weltweit größte Messe für Süßwaren und Snacks, habe gezeigt, dass nicht nur die traditionellen Anbieter aus Österreich gefragt seien, sondern auch bei Lifestyle Food die Nachfrage österreichischer Produkte sehr gut sei. Die heimische Landwirtschaft habe seit langem den höchsten Bio-Anteil Europas, daher liegen diese Produkte auf dem deutschen Markt voll im Trend. Die Linie des neuen deutschen Landwirtschaftsministers, des Grünen-Politikers Cem Özdemir, gegen "Billigfleisch" und "Ramschpreise" bei Lebensmitteln könne dabei hilfreich sein.

Die Verwerfungen in der österreichischen Politik des vergangenen Jahres hatten, so Scherz, auf die Geschäfte zwischen Deutschland und Österreich keinerlei Einfluss. Wichtig sei jedoch, "dass es sich um Episoden und keine Dauerzustände handelt, da auf europäischer Ebene viele wichtige Entscheidungen für die Wirtschaft anstehen und Österreich doch immer schon ganz besonders für politische Stabilität gestanden ist und steht." (apa)