Die Abhängigkeit von russischem Gas, der Streit um die Pipeline Nord Stream 2 und die hohen Energiepreise haben eine sichere Energieversorgung wieder stärker in den Fokus gerückt. Doch künftig reicht es nicht, wenn die Energie nur gesichert ist. Sie muss auch klimafreundlich sein. Windräder, Solarmodule und Wasserkraftwerke sollen die fossilen Energieträger ablösen und CO2-Emissionen einsparen.

Mit erneuerbaren Energien alleine wird die Klimaneutralität allerdings nicht zu schaffen sein. Wirtschaft und Politik setzen deshalb schon länger auch auf ein zweites Pferd: Wasserstoff. Schon heute wird das Gas in Raffinerien oder der Düngemittelproduktion verwendet. Die EU-Industrie verbraucht 7,5 Millionen Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Dieser wird allerdings noch mithilfe fossiler Energieträger gewonnen. Ein Kilogramm dieses "grauen" Wasserstoffs verursacht 11 Kilogramm CO2.

Doch es geht auch "grün". Wird Wasserstoff durch erneuerbare Energien gewonnen, ist das Gas umweltfreundlich. Es soll vor allem in Bereichen zum Einsatz kommen, die nicht oder nur schwer elektrifiziert werden können. Die Stahl- und Chemieindustrie wird sehr viel "grünen" Wasserstoff brauchen, um klimaneutral zu werden. Aber auch in der Mobilität werden dem Gas Chancen eingeräumt. Der Flugzeugkonzern Airbus plant, ab 2035 Wasserstoff-Flugzeuge in Serie zu produzieren. Darüber hinaus könnte Wasserstoff in der Sektorkopplung eine entscheidende Rolle spielen. Überschüssige Wind- und Sonnenenergie könnte in Wasserstoff umgewandelt und anschließend unterirdisch gespeichert werden. Im Winter holt man das Gas und wandelt es in Strom und Wärme um.

Könnte. Denn noch gibt es zahlreiche Hürden. Bisher werden nur sehr geringe Mengen "grüner" Wasserstoff produziert. Das Gas ist teuer. Um die Produktion zu steigern, braucht es ausreichend sauberen Strom. Es fehlt an Infrastruktur, um den Wasserstoff zu transportieren. Und schließlich sind für den Aufbau einer globalen Wasserstoffwirtschaft Milliarden notwendig. Bis zum Markthochlauf werden also noch einige Jahre vergehen.

Wasserstoff-Plan fast fertig

Die EU setzt jedenfalls auf "grünen" Wasserstoff. Die Elektrolyse-Leistung soll bis 2024 auf 6 Gigawatt (GW) Leitung und bis 2030 auf 30 GW Leistung ausgebaut werden. EU-Energiekommissarin Kadri Simson schätzt, dass Wasserstoff 2050 13 bis 14 Prozent im EU-Energiemix ausmachen wird. Deutschland, Frankreich und Japan haben bereits eigene Wasserstoff-Strategien verabschiedet. Österreich hinkt hingegen hinterher. Ursprünglich wurde 2020 eine Wasserstoff-Strategie in Aussicht gestellt. Nach langem Warten soll sie nun kommen.

Derzeit finden letzte Abstimmungsrunden statt, heißt es aus dem Klimaschutzministerium (BMK). Gefördert werden sollen vor allem industrielle Anwendungen (Chemieindustrie, Stahl, Zement) oder Spezialanwendungen im Schwerverkehr. "Die gegenständliche Förderrichtlinie ist in Ausarbeitung", teilt das BMK mit. Insgesamt gibt es 125 Millionen Euro für ein bereits laufendes EU-Förderregime (IPCEI) für Wasserstoff. Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz sieht jährlich 40 Millionen Euro Förderung für Elektrolyse in geeigneten Sektoren vor. Mehr Förderungen sind nach jetzigem Stand nicht vorgesehen.

Ohne staatliche Förderungen sind Wasserstoff-Vorhaben nicht zu stemmen. Das größte erneuerbare Wasserstoff-Projekt Österreichs steht seit 2019 in Linz bei der Voestalpine. Ein Elektrolyseur verwandelt dort grünen Strom in sauberen Wasserstoff. Damit soll künftig "grüner" Stahl produziert werden. Die Voestalpine und der Energiekonzern Verbund haben jeweils zwei Millionen Euro in die Anlage investiert. Die EU hat den Löwenanteil der Kosten von 18 Millionen Euro getragen. Ende 2021 ist die erste Testphase ausgelaufen. Seit Inbetriebnahme Ende 2019 wurden laut Voestalpine mehr als 500 Tonnen "grüner" Wasserstoff erzeugt.


"Es bedarf neben der inländischen Produktion einer umfassenden Importstrategie aus Regionen, in denen Wasserstoff mit sehr billigem Strom produziert werden kann."

Georg Knill, Präsident Industriellenvereinigung

Die Voestalpine braucht allerdings ganz andere Mengen. Der Bedarf liegt zwischen 400 und 500.000 Tonnen. Wie das Prestigeprojekt weiter finanziert wird, ist noch unklar. "Die H2FUTURE-Anlage wird weitergeführt, die konkreten neuen Forschungsprojekte werden derzeit jedoch noch evaluiert", so eine Voestalpine-Sprecherin. Auch der Joint-Venture-Partner Verbund forscht seit mehreren Jahren an Wasserstoff. 2019 wurde das Projekt "Green Hydrogen @ Blue Danube" ins Leben gerufen. Die Donau soll als Korridor für den Transport von "grünem" Wasserstoff aus Südosteuropa genutzt werden. 80.000 Tonnen "grüner" Wasserstoff sollen einmal produziert werden. Doch auch hier wird abgewartet. "Wir befinden uns gerade in der Evaluierung, mit welchen Projekten es wie und wann weitergeht", sagt Verbund-Sprecherin Ingun Metelko.

Blick in die Anlage "H2FUTURE" bei der Voestalpine in Linz. 
- © Voestalpine, Fotostudio Eder

Blick in die Anlage "H2FUTURE" bei der Voestalpine in Linz.

- © Voestalpine, Fotostudio Eder

Chance in Chile

Den Bedarf an "grünem" Wasserstoff wird die EU nicht im Inland produzieren können. "Es bedarf neben der inländischen Produktion einer umfassenden Importstrategie aus Regionen, in denen Wasserstoff mit sehr billigem Strom produziert werden kann", sagt IV-Präsident Georg Knill gegenüber der "Wiener Zeitung".

Die beiden heimischen Unternehmen AustriaEnergy und Ökowind wittern ihre Chance in Chile. Ihren Plänen zufolge soll dort auf 35.000 Hektar Fläche (Wien: 41.500 Hektar) ein gigantischer Windpark entstehen. Der saubere Strom wird in der Folge in "grünen" Wasserstoff und "grünen" Ammoniak umgewandelt und per Schiff, das ebenso mit "grünem" Ammoniak angetrieben wird, nach Europa transportiert. "Europa hat zu wenig Flächen und Energieressourcen. Ich sehe keine Alternativen außer Wasserstoff-Importe", sagt Helmut Kantner, Geschäftsführer von AustriaEnergy, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". 1,4 Millionen Tonnen "grüner" Ammoniak sollen ab 2027 produziert werden.

Um die Finanzierung für das Projekt zu sichern, wurde ein dänischer Investmentfonds (CIP) ins Boot geholt. "Die Entwicklungskosten von 50 Millionen Euro tragen wir drei Joint-Venture-Partner gemeinsam", erläutert Kantner. Das Gesamtinvestment liegt zwischen 3 und 4 Milliarden US-Dollar. Vorverträge mit potenziellen Abnehmern wurden bereits unterschrieben.