Energiearmut ist als Thema weniger knackig als Spritpreise. Während Treibstoffe - leicht erkennbar an den Zapfsäulen - erheblich teurer geworden sind, ist es bei der Leistbarkeit von Energie zum Wohnen schwieriger, deren Tragweite abzuschätzen. Derzeit sind diese Kosten zudem noch nicht in vollem Ausmaß bei den Menschen angekommen. Ein schwieriger Herbst steht insbesondere Haushalten mit niedrigem Einkommen bevor.

Betroffen sind hunderttausende Haushalte in Österreich, aktuelle Daten dazu fehlen allerdings, denn die jüngsten Erkenntnisse stammen aus dem Jahr 2018 - also von vor der Pandemie, vor Lockdowns, Kurzarbeit, Arbeitslosen-Rekorden und Ukraine-Krieg. Damals waren schon rund 115.500 Haushalte (3,0 Prozent) in Österreich von Energiearmut betroffen. Der zweite Aspekt, sich das Heizen nicht ausreichend leisten zu können, traf rund 94.000 Haushalten (2,4 Prozent). "Die Statistik hinkt hier hinten nach, das ist ein Kernproblem", meint Sandra Matzinger, Energieexpertin von der Arbeiterkammer Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Besonders schwer erfassbar sei, wie viele Menschen sich laufend einschränken müssen, um ihre Strom-, Gas- oder Heizungsrechnung bezahlen zu können, gibt sie zu bedenken.

Niedrige Einkommen wenden mehr für Energie auf

In Haushalten mit niedrigem Einkommen muss zudem ein größerer Teil des Einkommens für Energie investiert werden. "Energiearme Haushalte wenden 20,3 Prozent ihres Einkommens für Energie für Wohnen auf. Durchschnittlich wenden Haushalte 4,5 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Energiekosten für Wohnen auf", heißt es im Statistik-Austria-Bericht (2021) dazu. Zum Vergleich: Besserverdiener müssen nur 3,1 Prozent ihres Einkommens für Energie aufwenden. Desolate Wohnverhältnisse verschärfen die Situation für energiearme Haushalte. "Mit einem niedrigen Einkommen haben die Menschen aber schon bei durchschnittlichen Energiepreisen Schwierigkeiten die Kosten zu bewältigen. Nun kommen jedoch ordentliche Preiserhöhungen auf uns zu, die in den nächsten Wochen und Monaten schlagend werden", meint Matzinger und warnt: "Im Herbst wird es dann richtig spannend!" Die Politik sei gefordert, der massiv ansteigenden Energiearmut entgegenzuwirken. Der bereits beschlossene Energiezuschuss brauche jedoch zu lange, bis er bei den Betroffenen ankomme, kritisiert die Energieexpertin. Auch die Energieversorger sieht sie in der Pflicht. Immerhin profitieren diese aufgrund hoher Energiepreise aktuell mit Mehreinnahmen, hätten sie doch noch zu niedrigeren Preisen eingekauft.

Initiativen wie der Stromhilfefonds von Verbund und Caritas seien laut Matzinger zwar löblich. "Jeder Euro ist wichtig, aber da ist noch viel Luft nach oben", gibt sie zu bedenken. Soforthilfe, Energieberatungen und Tauschgeräte werden mittels des Fonds finanziert, der laut Verbund-Chef Michael Strugl heuer um weitere 266.000 Euro verdoppelt wird.

Bereits vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine war der Unterstützungsbedarf beim Thema Energie im Land enorm angestiegen, und zwar um 61 Prozent in den letzten vier Jahren, gab die Caritas bekannt. Kein anderes Thema beschäftige die Menschen derzeit in den Sozialberatungsstellen österreichweit so stark. Die Energiefrage sei für von Energiearmut Betroffene eine Existenzfrage, erklärte Caritas Präsident Michael Landau.

Auch Wirtschaftswissenschafter sprachen sich für zielgerichtete Hilfen gegen Energiearmut aus. "Die heimische Politik muss sich um eine faire Verteilung des Kaufkraftschwundes kümmern, um die Bekämpfung absoluter Armut", meinte etwa Wifo-Chef Gabriel Felbermayr. Entlastungsmaßnahmen müssten sich auf vulnerable Gruppen konzentrieren und könnten mit den zusätzlichen Einnahmen aus der Mehrwertsteuer finanziert werden, analysiert sein Institut dazu.