Die stark gestiegenen Energie- und Agrarrohstoffpreise aufgrund des Ukraine-Kriegs setzten die heimische Lebensmittelindustrie unter Druck. Es gebe "eine historische Kostenwelle", sagte die Geschäftsführerin des WKÖ-Fachverbands der Lebensmittelindustrie, Katharina Koßdorff, am Freitag bei einer Pressekonferenz. Für die heimische Agrarwirtschaft und Lebensmittelindustrie war 2021 ein erfolgreiches Exportjahr: Die Ausfuhren stiegen um 9,4 Prozent auf 13,9 Milliarden Euro.

Wie stark die Lebensmittelpreise für Konsumenten im laufenden Jahr noch steigen werden, wollte Koßdorff nicht kommentieren. "Das kann man seriöserweise nicht sagen." Die einzelnen Lebensmittelhersteller müssten "scharf kalkulieren" und mit ihren Kunden "partnerschaftliche Gespräche führen, um diese Situation gemeinsam zu schultern", so die Branchenvertreterin.

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke verteuerten sich laut Statistik Austria im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat im Schnitt um 4,3 Prozent und damit etwas weniger als im Jänner, als der Anstieg noch 4,9 Prozent betrug. Fleisch verteuerte sich für die Endverbraucher um 3 Prozent. Die Preise für Brot und Getreideerzeugnisse stiegen um 5,9 Prozent, jene für Gemüse um 6,8 Prozent. Milch, Käse und Eier insgesamt kosteten um 3 Prozent mehr und Öle und Fette um 12,9 Prozent. Limonaden wurden um fast 10 Prozent teurer, Kaffee um 6 Prozent. Einen starken Preisanstieg gab es mit fast 22 Prozent bei Butter. Auch Fruchtjoghurt (+16,4 Prozent), Vollmilchschokolade (+15,8 Prozent) sowie Flaschenbier (+12,4 Prozent) haben sich im Februar im Vergleich zu 2021 überdurchschnittlich stark verteuert.

Keine Vorräte "hamstern"

Die Lebensmittelindustrie-Vertreterin bittet Konsumenten aufgrund des Ukraine-Kriegs nicht Vorräte zu "hamstern". "Die Versorgung Österreichs mit Lebensmitteln, Futtermitteln und Getränken ist gesichert." Auch die Versorgung mit Sonnenblumenöl sei sichergestellt. "Es braucht sich keiner Sorgen machen."

Die Preise unter anderem für Treibstoff, Gas, Strom, Getreide, Rind- und Schweinefleisch und Speiseöle sind seit Beginn des Ukraine-Kriegs stark gestiegen. Bereits durch die Coronapandemie und schlechte Ernten habe es einen "exorbitanten Preisschub" für die Unternehmen geben, sagte Koßdorff. "Das hat sich durch den Ukraine-Krieg massiv verschärft." Die Kosten für Energie, Rohstoffe, Logistik und Verpackung hätten "noch eine immense Dynamik bekommen".

Österreichs Agrar- und Lebensmittelimporte aus Russland und der Ukraine sind vergleichsweise nicht hoch. Aber die beiden Länder würden als große Agrarexporteure, etwa bei Getreide, Obst, Ölsaaten und Soja die Preisbildung in Europa mitbestimmen, sagte die WKÖ-Vertreterin Koßdorff. Russland habe auch indirekt große Bedeutung für die heimische Lebensmittelindustrie, weil Österreich von Erdgas aus Russland sehr stark abhängig sei.

Sorge um Versorgung mit Erdgas

Die Lebensmittelhersteller sorgen sich aufgrund des Ukraine-Kriegs und den Russland-Sanktionen um eine gesicherte Versorgung mit Erdgas. Die Lebensmittelindustrie benötigt rund 3,5 Terawattstunden (TWh) Gas pro Jahr, das sind rund 10 Prozent des jährlichen Gasbedarfs der gesamten Industrie. Laut Gas Infrastructure Europe (GIE) sind die heimischen Gasspeicher derzeit nur mehr zu 13,4 Prozent gefüllt. Bei einer großen Gas-Knappheit werden die privaten Haushalte vorrangig mit Gas beliefert und die Industrie muss die Produktion verringern. "Der Branche und ihren Partnern sowie Zulieferern in der Wertschöpfungskette sind in der staatlichen Energielenkung die nötigen Gas Mengen zu gewähren, um die Versorgung mit Lebens und Futtermitteln in gewohnter Menge und Qualität sicherzustellen", forderte die Branchenvertreterin. Oberste Priorität müsse "jetzt die Vorbereitung und Umsetzung einer nachhaltigen Versorgung mit Erdgas haben".

Österreichs Außenhandelsbilanz mit Agrarwaren und Lebensmittel war nach 2020 im Vorjahr zum zweiten Mal seit dem EU-Beitritt fast ausgeglichen. Importe in Höhe von 13,954 Milliarden Euro (+9,3 Prozent) standen Exporte von 13,947 (+9,4 Prozent) gegenüber. "Sonderfaktoren wegen der Pandemie spielen eine Rolle. Österreich ist aber auf dem Weg auf dem Weg zum Nettoexporteur bei Agrarwaren und Lebensmittel", sagte AMA-Marketing-Chef Michael Blass. Wichtige heimische Exportprodukte sind Getränke - etwa Red Bull - Milchprodukte, veredeltes Obst und Gemüse, Wurst-, Schinken-und Speckwaren, Tierfutter sowie Backwaren. 

AMA: Plus 25 Prozent bei Weizen

Der Ukraine-Krieg hat die Weizenpreise auf ein Rekordhoch schnellen lassen. In den vergangenen Tagen sanken die Preise aber wieder etwas. Die Weizennotierung an der Warenterminbörse Euronext in Paris liegt aber immer noch 25 Prozent über dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg, geht aus einem aktuellen Marktbericht der Agrarmarkt Austria (AMA) hervor.

Der temporäre Wegfall der Weizenexporte Russlands und der Ukraine für den Weltmarkt habe "ein Kursfeuerwerk für Weizen" verursacht, so die AMA. Der Pariser Weizenkontrakt stieg von 287 Euro je Tonne am 23. Februar auf das Allzeithoch von 396 Euro und sank dann wieder auf 360 Euro. In der EU wird viel mehr Weizen angebaut als verbraucht. Die EU ist der größte Weizenexporteur der Welt, vor Russland, Australien und der Ukraine.

In den nächsten Wochen und Monaten wird auch die sichere Maisversorgung in der Europäischen Union ein Thema sein. 52 Prozent der Maisimporte der EU stammen laut AMA normalerweise aus der Ukraine. Die Maiskurse stiegen in Paris ebenfalls um 25 Prozent durch die Lieferunfähigkeit der Ukraine von 267 Euro je Tonne am 23. Februar auf 335 Euro am 16. März. Am Wiener Kassamarkt kletterte der Maispreis sogar um 30 Prozent auf 325 Euro (9. März). Zusätzlich zur Ukraine-Krise ließen die Exportbeschränkungen Ungarns, dem Hauptlieferanten für die Maisimporte Österreichs, die Preise steigen.

Der Pariser Rapskurs kletterte seit Beginn des Ukraine-Kriegs um 25 Prozent auf das Allzeithoch von 928,50 Euro je Tonne (17. März). Die Ukraine spiele im Hinblick auf Sonnenblumenöl- und Rapslieferungen in die EU eine bedeutende Rolle und die gestiegenen Rohölpreise hätten ebenfalls unterstützend für die Ölsaaten gewirkt, heißt es im AMA-Marktbericht.

Auch bei den Düngemittelpreisen gab es laut AMA "kräftige Kurssprünge", weil Russland ein bedeutender Düngemittellieferant für den Weltmarkt ist und die russischen Gaslieferungen in die EU für die ansässige Kalkammonsalpeterherstellung Bedeutung haben. Unter anderem gab es bei den Preisen für Kalkammonsalpeter und Harnstoff ein Allzeithoch. (apa)