Die Ukraine-Krise dürfte den wirtschaftlichen Aufschwung in Österreich heuer hemmen und die Inflation weiter ansteigen lassen. Beim realen Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwartet die Nationalbank (OeNB) derzeit ein Plus von 3,5 Prozent, die Inflationserwartung liegt bei 5,3 Prozent - jedoch unter der Annahme eines zeitnahen Endes des Krieges. Sollte sich die Lage noch verschärfen, drohen deutlich stärkere Einbußen beim BIP und ein stärkerer Inflationsanstieg.

Unter dieser Annahme sieht die OeNB für heuer nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent, die Inflation würde dagegen bis auf 9 Prozent klettern. Eine Verschärfung der Situation würde in dem von der OeNB berechneten Szenario länger anhaltende Kämpfe und eine Intensivierung der Sanktionen inklusive eines möglichen Gaslieferstopps bedeuten. "Die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist durch diesen Krieg und seine Folgen wesentlich beeinflusst und markiert einen Wendepunkt", sagte OeNB-Gouverneur Robert Holzmann am Mittwoch laut Aussendung.

In ihrer Prognose vom Dezember war die Nationalbank für heuer noch von einem Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent und einer Inflationsrate von 3,2 Prozent ausgegangen. Die Auswirkungen des Kriegens seien im Basisszenario (also bei baldigem Ende der kriegerischen Auseinandersetzung) für rund die Hälfte der BIP-Abwärtsrevision und für rund ein Viertel der Inflations-Aufwärtsrevision verantwortlich gewesen. 2021 war die österreichische Wirtschaft um 4,5 Prozent gewachsen.

Schwächere Inflation erwartet

Für die kommenden Jahre rechnet die OeNB aber wieder mit einer klaren Abschwächung der Inflation. Für 2023 und 2024 rechnet die OeNB mit einer Inflationsrate von 2,9 bzw. 2,3 Prozent. Auch für das BIP-Wachstum wird eine weitere Abschwächung in den kommenden beiden Jahren auf 2,2 bzw. 2,0 Prozent erwartet.

Im Kampf gegen die hohe Inflation sei auch einen Zinserhöhung seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) im Spätsommer laut Holzmann durchaus denkbar. "Wenn es im Juli keine neuen Wertpapierkäufe mehr geben wird, könnte man im September den ersten Zinsschritt setzen", sagte er am Mittwoch in Wien. Bereits am gestrigen Dienstag sprach sich der Gouverneur gegenüber der deutschen "Börsen-Zeitung" für eine Abschaffung der Strafzinsen für Banken bis zum Jahresende aus.

Der Österreichische Bankensektor sei jedenfalls widerstandsfähig, betonte Vize-Gouverneur Gottfried Haber - auch im Hinblick auf mögliche Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Branche. Die vorausschauenden aufsichtlichen Maßnahmen seit der Finanzkrise 2008 und die Bemühungen der Banken um ein nachhaltiges Geschäftsmodell hätten die Finanzstabilität gestärkt. Die harte Kernkapitalquote der Banken habe sich seit 2008 auf 15,8 Prozent nahezu verdoppelt. Auch die Liquiditätsausstattung sei hoch.

CEE-Geschäft regional divers

Die Geschäftsmodelle in Osteruropa (CESEE) seien zudem regional diversifiziert und die Tochterbanken sehr stark lokal refinanziert. Gemessen nach Bilanzsumme betrage das Exposure der Österreichischen Tochterbanken in Russland nur 7 Prozent, das der Ukraine und Belarus jeweils nur ein Prozent. Gemessen nach Gewinn sei das Russland-Exposure mit 16 Prozent etwas höher, der Anteil der Ukraine liegt bei 4 Prozent und der Anteil von Belarus bei einem Prozent.

Insgesamt beliefen sich die Auslandsforderungen der heimischen Banken laut Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gegenüber Russland auf 15,1 Milliarden Euro, gegenüber Ukraine auf 3,6 Mrd. Euro und gegenüber Belarus auf 1,6 Milliarden Euro.

Was die Bilanz betrifft, hat die OeNB für heuer 57 Millionen Euro an den Bund ausgeschüttet. Das ist deutlich mehr als im Vorjahr - damals waren es 8 Millionen Euro - aber sehr viel weniger als noch vor einigen Jahren. Im Jahr 2019 waren mehr als 200 Millionen an den Bund gegangen. Zusätzlich zu den 57 Mio. werden 24 Millionen Euro an Körperschaftssteuer (Köst) an den Bund abgeführt. Die Pandemie und die daraus resultierenden Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) belasteten das Ergebnis. Insgesamt erzielte die OeNB ein geschäftliches Ergebnis von 94 Mio. Euro.

Bilanzsumme gestiegen

Die von der EZB für Banken zur Verfügung gestellten, gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte, sogenannten TLTROs, blähten die Bilanzsumme der OeNB auf 275 Milliarden Euro auf und sorgten für hohe Zinsaufwendungen von insgesamt 798 Millionen Euro. Das Nettozinsergebnis ging in Folge deutlich von 374 Millionen Euro im Jahr 2020 auf 90 Millionen Euro zurück.

"Die vom EZB-Rat in Reaktion auf die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 beschlossenen und im Jahr 2021 fortgeführten Maßnahmen im Bereich der Geldpolitik haben sich in der Bilanz und im geschäftlichen Ergebnis der OeNB auch im Geschäftsjahr 2021 deutlich ausgewirkt", sagte Direktor Thomas Steiner laut Aussendung vom Mittwoch.

Die EZB will im dritten Quartal ihre milliardenschweren Anleihenkäufe beenden, sofern es die Inflationsaussichten erlauben. Das Abschalten dieses Programms gilt als Vorstufe einer Zinserhöhung. (apa)