Die Situation, dass am Ende des Geldes noch viel zu viel Monat übrig ist, kennen abertausende Haushalte in Österreich nur allzu gut. Viele müssen aufgrund der jüngsten Teuerungswelle, vor allem bei Energie, Treibstoffen und Mieten, den Gürtel noch enger schnallen. Denn so wohlhabend Österreich auch ist: Rund 1,22 Millionen Menschen – knapp 14 Prozent der Bevölkerung – sind hierzulande armutsgefährdet. 2,7 Prozent (233.000 Menschen) gelten als "erheblich materiell depriviert", das heißt, sie können sich wesentliche Güter wie etwa ein Auto oder eine Waschmaschine, einmal im Jahr eine Urlaubsreise oder eine ausreichende Beheizung der eigenen vier Wände nicht leisten.

Dass jetzt die Verbraucherpreise so rasant steigen, wirkt sich auf ärmere Bevölkerungsschichten gleich mehrfach negativ aus, schreiben Experten des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) in einem Research Brief. Preissteigerungen würden direkte Konsumeinschränkungen und damit Wohlfahrtsverluste bedeuten, denn ärmere Haushalte hätten schon bisher ihr gesamtes Einkommen für Konsumgüter ausgegeben. Die aktuelle Preisentwicklung werde zu einem Anstieg der materiellen Deprivation führen, so das Wifo.

Die steigenden Preise könnten zudem bei ärmeren Haushalten zu einer höheren Konsumverschuldung beziehungsweise zu einer stärkeren Abhängigkeit von innerfamiliären Transfers führen. Weiters seien mit dem Anstieg der Preise auch gesundheitliche Aspekte verbunden, wenn beispielsweise hochwertige Lebensmittel durch billigere, weniger hochwertige ersetzt werden oder wenn Wohnungsreparaturen oder -verbesserungen (etwa bei Schimmelbefall) ausbleiben müssen.

Wohlhabende Haushalte können Lebensstandard beibehalten

Laut Daten der Statistik Austria für 2019 und 2020 sind die Konsumausgaben ärmerer Haushalte im Durchschnitt höher als ihre verfügbaren Einkommen. In den 10 Prozent der Haushalte mit den niedrigsten verfügbaren Haushaltsäquivalenzeinkommen (1. Dezil) reichte das Haushaltseinkommen nur zur Finanzierung von 68 Prozent der Ausgaben aus. "Den Rest müssen diese Haushalte über Ersparnisse oder über Verschuldung finanzieren. Erst ab dem 4. Einkommensdezil deckt das Einkommen die Konsumausgaben", geht aus dem Wifo-Bericht hervor.

Bei den wohlhabendsten 10 Prozent der Haushalte werde das verfügbare Einkommen zu 60 Prozent für die Konsumfinanzierung ausgegeben, 40 Prozent der Einkommen konnten gespart werden. Steigende Preise bedeuten in ärmeren Haushalten tatsächlichen Konsumverzicht bzw. steigende Konsumverschuldung. Haushalte mit höheren Einkommen könnten auch bei Preisanstiegen ihren Lebensstandard aufrechterhalten. Steigende Preise gehen hier zulasten ihrer Ersparnisbildung.

Die Struktur der Konsumausgaben ist sehr heterogen: In Haushalten im untersten Einkommensdezil machen die Aufwendungen für Ernährung und Wohnen mit 45 Prozent einen deutlich höheren Ausgabenanteil aus als im obersten Einkommensdezil mit knapp 23 Prozent. Innerhalb der Ausgaben für das Wohnen haben in den unteren Einkommensdezilen die Anteile für Miet- und Energieausgaben ein deutlich größeres Gewicht als in den oberen Dezilen, wo Wohnungseigentum stärker verbreitet ist. Anders ist es im Bereich Verkehr (Kfz-Anschaffungen, Reparatur, Treibstoffe, öffentlicher Verkehr). Dafür verwenden Haushalte im ersten Dezil 8,2 Prozent ihrer Konsumausgaben, im zehnten Dezil sind es 16,8 Prozent.

Temporäre Erhöhung der Wohnbeihilfe

In der aktuellen Situation bräuchten armutsgefährdete Haushalte kurzfristige Unterstützungen, so das Wifo. Das sei zwar beim Teuerungsausgleich von 150 Euro der Fall, der Energiekostenausgleich werde jedoch erst gegen Jahresende wirksam. Einmalzahlungen würden bei steigenden Preisen außerdem rasch an Kaufkraft verlieren. Kurzfristig brauche es deshalb zum Beispiel eine temporäre Erhöhung der Wohnbeihilfe um die Teuerung abzufedern.

Das Wifo schlägt eine Transferleistung an alle Haushalte vor, die die inflationsbedingten Zusatzkosten des Warenkorbs eines repräsentativen Haushalts im Jahr 2022 annähernd abdeckt. Ab einer bestimmten Höhe des Haushaltseinkommens soll dieser Transfer als Abgabe zurückgezahlt werden. Die dafür notwendige administrative Infrastruktur könne auch zukünftig genutzt werden, um einkommensarme Haushalte und Haushalte, die besonders von Krisen betroffen sind, rasch zu entlasten, so das Wifo.

Am Dienstag hatte ein Teuerungsgipfel im Finanzministerium kein Ergebnis gebracht. Weil die Inflation bis auf weiteres hoch bleiben wird, will Finanzminister Magnus Brunner strukturelle Änderungen auf den Weg bringen. So will er etwa von Experten prüfen lassen, welche Auswirkungen die Abschaffung der kalten Progression hätte.

Die Opposition warf der Regierung unterdessen einmal mehr Untätigkeit vor. FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl forderte Soforthilfen gegen die Teuerung durch Steuersenkungen auf Energie, Heizen und Treibstoffe. Die SPÖ sprach sich zusätzlich für die Senkung der Steuern auf Arbeit, die Erhöhung der Pensionen und ein höheres Arbeitslosengeld aus. (ede)