Aller Voraussicht nach ist die Corona-Pandemie noch nicht überstanden, spätestens im Herbst könnte es ein Déjà-vu geben. Gleichzeitig sorgt der Ukraine-Krieg rund um den Erdball immer wieder für ökonomische Schockwellen. Vor diesem Hintergrund könnten die Herausforderungen für den österreichischen Wirtschaftsstandort nicht größer sein - wobei die Hauptsorge derzeit der Sicherheit der Energieversorgung gilt. Wie eine kürzlich durchgeführte Umfrage der Beratungsfirma Deloitte unter 230 heimischen Top-Managern ergeben hat, befürchten 90 Prozent hier aufgrund des Krieges nachteilige Folgen.

Aber auch für die Lieferketten, die Verfügbarkeit von Rohstoffen und die Transportkosten sei kriegsbedingt mit "schwerwiegenden Auswirkungen" zu rechnen, hieß es am Donnerstag bei der Präsentation des "Deloitte Radars", in dessen Rahmen die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Österreich alljährlich unter die Lupe genommen werden.

In den Betrieben hat sich die Stimmung zuletzt jedenfalls deutlich verschlechtert. War diese noch im vergangenen Spätsommer für 86 Prozent der befragten Führungskräfte positiv, sind mittlerweile nur mehr 52 Prozent dieser Meinung. Ein Fünftel schätzt die Stimmung sogar als (sehr) negativ ein. Ein ähnlich pessimistisches Bild zeigt sich der Deloitte-Studie zufolge in der Belegschaft sowie unter den Kunden und Lieferanten.

"Die Besorgnis hat in den Unternehmen seit Kriegsbeginn spürbar zugenommen", so Deloitte-Österreich-Chef Harald Breit. "Wir laufen Gefahr, dass sich dieser Pessimismus verfestigt und zu einer Abwärtsspirale wird. Es muss möglichst rasch gegengesteuert werden." Der Standort erweise sich derzeit zwar als widerstandsfähig. Dennoch gebe es "dringenden Handlungsbedarf, um ihn nachhaltig zu stärken", sagte Breit unter Hinweis auf eine Reihe von Wünschen der befragten Spitzenmanager. Konkret seien hier neben dem raschen Umbau des Energiesystems in Richtung erneuerbare Energien (92 Prozent) und der Digitalisierung der Verwaltung (85 Prozent) und des Gesundheitssektors (87 Prozent) auch die Senkung der Lohnnebenkosten (87 Prozent) und der Einkommensteuern (78 Prozent) sowie einer verstärkten Forschungsförderung speziell im Bereich Umwelttechnologie (87 Prozent) genannt worden.

Fachkräfte kaum verfügbar

Ebenfalls weit oben auf der Wunschliste der Befragten steht die weitere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes (80 Prozent). Für lediglich 16 Prozent ist dessen aktuelle Flexibilität, die flexible Gestaltung von Arbeitszeit und -ort, "gut" oder "sehr gut". Die Verfügbarkeit von Fachkräften bewerten gar 69 Prozent mit einem "Genügend" oder einem "Nicht genügend", nur 3 Prozent mit einem "Gut".

Einigkeit herrscht indes beim Thema Integration von Geflüchteten: "Beinahe alle befragten Unternehmen fordern hier verstärkte Anstrengungen und Vereinfachungen", berichtete Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich. Hier gebe es auch eine gute Chance, den Mangel an Fachkräften abzufedern.

Bei der viel gelobten Lebensqualität hat Österreich ebenfalls Einbußen zu verzeichnen. Ein Vergleich der Umfrageergebnisse vor der Pandemie mit den aktuellen zeigt, dass die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem und dem sozialen Zusammenhalt in den vergangenen zwei Jahren jeweils um 20 Prozentpunkte gesunken ist. "Dieser Rückgang ist ein Alarmsignal", betonte Aichinger.

Deloitte-Österreich-CEO Breit sieht die Bundesregierung am Zug: "Jetzt ist Leadership gefragt." Als Wirtschaftsstandort sei Österreich nur im Mittelfeld zu finden, in internationalen Rankings belege das Land seit Jahren nur die Plätze 15 bis 20. Im wichtigsten Ranking, dem "World Competitiveness Index", liegt Österreich global auf Platz 19, im Europavergleich auf Platz 11. In Europa belegen die Schweiz, Schweden und Dänemark die ersten drei Ränge. Sie punkten mit einer umfassenden Digitalisierung und einer geringeren Steuerbelastung der Unternehmen. (kle)