Das Regal mit dem Sonnenblumenöl ist leer - das fiel erstmals unmittelbar nach Ausbruch des Ukraine-Krieges in Deutschland auf. Schnell schloss man, dass der Krieg die Ursache dafür sein müsse.

Doch das ist zu kurz gegriffen. Denn vor einem drohenden Engpass in der Lebensmittelversorgung der EU wurde schon im Herbst 2021 gewarnt. Auslöser waren die steigenden Gaspreise, die wiederum eine Düngemittelkrise auslösten, denn 80 Prozent der Kosten für die Herstellung von Stickstoffdünger werden vom Gaspreis diktiert. Auf EU-Ebene beschloss man einen Notfallplan, kippte etwa die Antidumping-Zölle, um mehr Dünger aus Russland importieren zu können.

Düngerkrise als Vorbote

"Es gab viele Düngemittelwerke, die aufgrund der steigenden Energie- und Gaspreise ihre Produktion zumindest teilweise eingestellt hatten. Somit ist Dünger weltweit nach wie vor ein knappes Gut", erläutert der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ), Josef Moosbrugger, auf Nachfrage der "Wiener Zeitung".

Bereits im August 2021 veröffentlichte das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo einen Bericht, in dem es vor Düngermangel warnte. Im WZ-Gespräch meint Wifo-Agrarexperte Franz Sinabell: "Der Düngerabsatz ist zuletzt um 20 Prozent zurückgegangen, dies hat die Gaskrise nochmal verschärft. Solche Preise für Düngemittel habe ich noch nie zuvor gesehen."

Nicht nur Düngermangel verursache hohe Preise am Weltmarkt für Pflanzenöle, erläutert man von Seiten der Landwirtschaftskammer. Schlechte Raps-Ernten und eine Reduktion der Anbauflächen in der EU sowie Ernteausfälle, etwa durch Schädlingsbefall aufgrund fehlender Pflanzenschutzmittel, verknappen das Angebot, was zusätzlich die Preise antreibe. Die hohen Kosten für Dünger, Energie und Sprit, aber auch für Maschinen und Ersatzteile belasten wiederum die Landwirte. Deutlich höhere Produktpreise sind künftig notwendig, weil ihre Betriebsmittel teilweise um das Vier- bis Fünffache teurer als im Vorjahr geworden sind, erklärt LKÖ-Präsident Josef Moosbrugger. Er fordert dringend massive Entlastungsmaßnahmen, damit die Betriebe die Produktion aufrechterhalten können.

Krieg und Logistik

Nun kommen noch die logistischen Probleme aufgrund des Ukraine-Krieges hinzu. Zwar sind die EU-Lager gut gefüllt, aber: "Lager in der Ukraine liefern in normalen Zeiten kontinuierlich Ware, jetzt sind Lkw-Transporte problematisch, Häfen blockiert, Diesel wird für Kriegsgerät gebraucht, Produktionsstätten sind zerstört", beschreibt Franz Sinabell vom Wifo die Situation.

Dennoch, einen Sonnenblumenöl-Mangel gebe es in Österreich nicht, betont er. "Der Selbstversorgungsgrad mit Sonnenblumenöl liegt in Österreich bei 43 Prozent." Lediglich 0,1 Prozent des Rapsöls und 2,9 Prozent des Sonnenblumenöls kommen laut LKÖ direkt aus der Ukraine.

Auch Nicole Berkmann, Sprecherin des Spar-Konzerns beruhigt. "Es gibt in Österreich noch keinen Mangel an Sonnenblumenöl, aber wir merken, dass die Warenströme für ausländisches Sonnenblumenöl gestört sind."

Hinzu komme, dass wichtige Erzeugerländer wie Serbien oder Ungarn zuletzt wegen des drohenden Mangels Exportbeschränkungen verhängt haben, erklärt sie.

Spekulation mit Mangelware

Anfang dieser Woche hat nun auch Indonesien ein Ausfuhrverbot für Palmöl verhängt. Sojaöl ist wegen einer Dürre in Südamerika knapp, Rapsöl aufgrund von Missernten in Kanada rar, Sonnenblumenöl wegen des Ukraine-Kriegs schlecht verfügbar. Öffnet ein derart verknapptes Angebot Spekulanten Tür und Tor? "Davon ist leider auszugehen. Teilweise wurden enorme Preise für Sonnenblumenöl bezahlt, um an Ware zu kommen. Spar ist aufgrund zuverlässiger Partner davon nicht betroffen", beruhigt die Konzernsprecherin. "Gerade bei Sonnenblumenöl haben wir einen hohen Grad an heimischen Lieferanten - rund 86 Prozent - daher ist hier kein Versorgungsproblem gegeben", heißt es vom Rewe-Konzern.

Die LKÖ ortet ebenfalls keine Spekulationen innerhalb Österreichs, verkaufen doch die Landwirte ihre Produkte meist direkt nach der Ernte. Auch aus dem Agrarhandel sei hierzu nichts bekannt, heißt es.

Hamsterkäufe und Hysterie

Was verursacht nun aber tatsächlich die derzeit öfter leeren Regale, wenn es doch eigentlich um die Ernte des letzten Jahres geht, die größtenteils schon eingelagert war? "Sobald sich auf den Märkten eine Knappheit abzeichnet, fangen die Leute an, sich mit dem Lebensnotwendigsten abzusichern. Das ist eine natürliche Reaktion" so Wifo-Ökonom Sinabell.

"Hamsterkäufe stellen uns vor Herausforderungen und tragen zu leeren Regalen bei. Denn sie fordern die Logistikströme sehr stark, auch wenn diese problemlos laufen würden", erklärt Spar-Sprecherin Berkmann.

Sonnenblumenöl ist allerdings auch in anderen Produkten enthalten - von Süßwaren über Gelatinekapseln für Medikamente bis zu Kosmetika. Ein Ausweichen auf andere Zutaten ist möglich, aber nicht einfach, denn dies müsste auf der Verpackung angeführt werden. Im Papiersektor gibt es jedoch auch Preisexplosionen, gibt der Wifo-Experte zu bedenken. Theoretisch findet sich Sonnenblumenöl übrigens sogar im Biosprit. Laut aktuellem Biokraftstoff-Bericht ist es hierzulande derzeit darin jedoch nicht enthalten, erklärt Sinabell.