Irgendwann bekommt auch eine Organisation wie meine Routine im Wahnsinn", sagte Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), bei einer Diskussionsveranstaltung der "Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft" in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" zur Zukunft der Arbeit. Der "Wahnsinn" bezog sich dabei auf den Corona-bedingten Ausnahmezustand, der seit zwei Jahren am Arbeitsmarkt herrscht. Und der nun durch den Krieg in der Ukraine verschärft werden könnte.

Derzeit sind über 323.000 Menschen beim AMS als jobsuchend gemeldet. Hinzu kommen 43.000 Menschen, die weiterhin in Kurzarbeit sind. Zu Beginn der Pandemie, im Frühling 2020 waren sogar 1,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Gleichzeitig sind derzeit rund 124.000 offene Stellen beim AMS gemeldet, viele davon können wochen- oder monatelang nicht besetzt werden. Viele Betriebe beklagen seit Jahren einen Fachkräftemangel - im IT-Bereich, in der Pflege und zunehmend im Tourismus. Seit Jahren gibt es einen massiven Mismatch am Arbeitsmarkt, der sich zu verschärfen scheint.

Lehre aufwerten

"50 Prozent der Arbeitssuchenden haben nur eine Pflichtschule", sagt Kopf. Evelyn Regner, Vizepräsidentin des EU-Parlaments und Vorstandsmitglied des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB), führt ins Treffen, dass das Arbeitskräfteangebot im Dienstleistungsbereich weltweit sinkt. "Es ist auch immer eine Frage, wie wir Arbeit bewerten", sagt sie.

Um dem Fachkräftemangel ein Stück weit entgegenzuwirken, soll nun deshalb die Lehre attraktiviert und aufgewertet werden. "Ich halte die Lehre nach Matura als ein zukunftsfähiges Modell", sagt Kopf. "Das könnten die Handwerkskarrieren der Zukunft sein." Die Lehrlingsausbildung hat aber unter der Pandemie deutlich gelitten. Berufsorientierungsmessen, Betriebsbesuche und Schnuppertage sind wegen der Corona-Bestimmung weitgehend ausgeblieben.

"Das Thema Sicherheit ist am Lehrstellenmarkt sehr wichtig. Wir sehen auch, dass junge Menschen ein extrem hohes Bedürfnis nach Wertschätzung und Gestaltung haben", sagte Mario Derntl von "Zukunft.Lehre.Österreich". In einer Befragung des Market Instituts im Auftrag der Industriellenvereinigung (IV) gaben 75 Prozent der Befragten Jugendlichen und 72 Prozent der Eltern an, dass sie das Gefühl haben, dass es junge Menschen während der Corona-Jahre schwerer hatten, eine Berufsentscheidung zu treffen, als in den Jahren davor.

Mobilität schwierig

Rolf Gleißner von der Wirtschaftskammer beklagte die mangelnde Mobilität von Jobsuchenden. Auch deswegen hätten Betriebe enorme Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, weil die Jobsuchenden oft nicht dort leben, wo es einen Arbeitskräftemangel gibt. In den USA ist das ganz anders. "Diese Mobilität ist hier Fluch und Segen zugleich", sagte Gerald Jobst vom Holzwerkstoff-Betrieb Egger, der auch in den USA einen Sitz hat. Es sei zwar kein Problem, Personal aus anderen Staaten zu rekrutieren. "Sie sind dann aber auch von einem Tag auf den anderen weg, wenn sie ein besseres Angebot haben", meinte er.


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Zurück zur Lehre: Auch sie könnte mehr Mobilität vertragen, meinte Derntl. Nun ist es schwierig, oft minderjährige Jugendliche zu Ausbildungszwecken zu einem Umzug fernab ihrer Familie zu motivieren. Aber auch hier könnte die vor kurzem gestartete Initiative "Lehre nach Matura" Abhilfe schaffen. Nach der "Lehre mit Matura" richtet sich das Programm an Schulabsolventen, die keine langjährige akademische Ausbildung beginnen wollen. Die Lehrzeit ist dann um jeweils ein Jahr verkürzt.

Mit dem Arbeitsmarkt haben sich jedenfalls auch die Anforderungen der Jobsuchenden stark verändert. Work-Life-Balance, Papamonat und persönliche Erfüllung rücken in den Vordergrund. "Darauf müssen sich die Unternehmen auch einstellen", sagte Regner.(del)