Start-ups — tech-basierte, auf starkes Wachstum und Investitionen ausgerichtete Jungunternehmen — werden in Österreich ein immer größerer Wirtschaftsfaktor. 2800 Start-ups schufen in den vergangenen Jahren 25.000 Jobs. Für Schlagzeilen sorgen Finanzierungsrunden in Milliardenhöhe in so genannte Unicorns. Doch Österreich gilt gemeinhin nicht als Start-up-freundlich. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" fordert Lisa-Marie Fassl, Start-up-Beauftragte des Wirtschaftsministeriums und selbst Gründerin, Verbesserung von Rahmenbedingungen für Start-ups.

"Wiener Zeitung": Eine aktuelle Frage vorweg: Wie  trifft der russische Krieg in der Ukraine die heimischen Start-ups, etwa in Hinblick auf Mitarbeiter und Preissteigerungen?

Lisa-Marie Fassl: Er trifft sie in zweierlei Hinsicht: Die, die ihre Teams in der Ukraine haben — wenn es um Tech-Talente geht, sind diese eben eher in Osteuropa zu Hause und arbeiten von dort remote — berichten, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr ihren Tätigkeiten nachgehen können. Entweder, weil sie am Flüchten sind, oder weil sie anderes zu tun haben als Software zu programmieren. Die andere Komponente ist, dass Start-ups ukrainisches und auch teilweise russisches Talent in Wien haben. Es macht viel mit der Teamkultur, wenn Teile des Teams persönlich vom Krieg betroffen sind, und es brauchte auch einen Moderationsprozess, um keine Konflikte aufkommen zu lassen. Wie sich die Preissteigerungen auswirken, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

Lisa-Marie Fassl setzt sich für mehr Inklusion bei der Gründung von Unternehmen ein. 
- © FemaleFounders

Lisa-Marie Fassl setzt sich für mehr Inklusion bei der Gründung von Unternehmen ein.

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Sie sind seit Mai 2021 Start-up-Beauftragte der Regierung. Das ist ein ehrenamtliches Engagement, neben der Geschäftsführung der Female Founders, eines Unternehmens, das Unternehmerinnen fördert. Was ist ihr Resümee nach einem Jahr an der Schnittstelle zwischen Start-ups und Ministerien?

Es gibt eine schöne Parallele zwischen der Start-up-Welt und der Politik: Es ist alles viel mühsamer als gedacht und es dauert alles viel länger. Aus der Starup-Welt ist man das gewohnt, aber im politischen Kontext ist alles um einen krassen Faktor langsamer, was natürlich mit den Entscheidungsprozessen zusammenhängt und den unterschiedlichen Interessen. Es gibt in der Politik viele Entscheidungen, die nicht sehr zukunftsorientiert sind und die versuchen, den Status quo zu erhalten, was aber nicht zeitgemäß ist. Es gibt viel Basis-Arbeit, um die Dynamiken und Logiken der Szene verständlicher zu machen, das war auch meine Haupttätigkeit in den letzten Monaten.

Start-ups haben offensichtlich eine große Anziehungskraft: Den heurigen Start-up Monitor haben gleich zwei Ministerinnen und ein Minister präsentiert. Warum folgen den vielen Worten so wenige Taten seitens der Politik?

Das zeigt, wie komplex das Thema Start-up ist, und dass es enorm viele Anknüpfungspunkte zu jedem Ministerium gibt. Woran es scheitert, wenn es um die Umsetzung geht, ist die Abstimmung und das Commitment zu diesem Bereich, der per se Veränderung bedeutet. Ich glaube aber, dass man ohne Veränderung stehen bleibt und viele Möglichkeiten verpasst.

Start-ups haben im Monitor zahlreiche Forderungen an die Politik formuliert. Diese sind unter anderem bessere Anreize für Risikokapital, Senkung von Lohnnebenkosten und Mitarbeiterbeteiligung. Was ist beim Thema Risikokapital die Herausforderung?

Spannend ist, dass die Forderung von Start-ups kommt, weil wir in Österreich in Wirklichkeit ein Finanzierungsproblem haben. Wir haben einerseits ein stark ausgeprägtes Fördersystem, das durch Steuergelder finanziert ist. Auf der anderen Seite haben wir enorm viel privates Kapital, das in Stiftungen, auf Bankkonten, auf Bausparkonten liegt und sich de facto nicht vermehrt und keinen Zwecken zugefügt wird, die produktiv wären, im Sinne von gesellschaftlich und wirtschaftlich produktiv für eine größere Gruppe. Das ist ein Missverhältnis: Das Steuergeld pumpt man in die innovative Szene, aber das private Kapital, das da wäre und mit dem man etwas Sinnvolles machen könnte, liegt brach. Es gibt wunderbare Vergleichsmodelle, zum Beispiel in Großbritannien. Dort hat man gesehen, welche Hebelwirkung so ein Beteiligungsinstrument haben kann. Da sprechen wir nicht von Millionen Steuergutschriften, die vermögende Milliardäre in Österreich dann bekommen, sondern da geht’s um Beträge, die sich auch Menschen mit weniger Vermögen in Österreich leisten könnten. Es geht darum, eine Maßnahme zu setzen, um dieses Kapital tatsächlich zu aktivieren.

Sie haben es schon gesagt, Steuererleichterungen sind ein Teil davon. Welche anderen Anreize wären sinnvoll?

Steuererleichterungen, beziehungsweise ein Freibetrag, wären das pragmatischste und einfachste Mittel. Eine zweite Möglichkeit wäre eine Verlustverrechnung, weil Investments in Start-ups risikobehaftet sind. Deswegen heißt es auch Risikokapital, weil die Wahrscheinlichkeit, dass das Investment abzuschreiben ist, sehr hoch ist. Die Chance, dass ein Unicorn rauskommt, ist extrem gering. Da immer viele Menschen aufschreien, wenn sie Steuererleichterungen und Incentives hören: Das kostet de facto nichts. Das sind keine Verluste für das Finanzministerium, sondern, das Geld wird direkt reinvestiert – in Arbeitsplätze, in Innovation, in digitale Leitbetriebe von morgen.

Sie sagen, es ist ein großes Risiko in Start-ups zu investieren. Was bringt dann eine Mitarbeiterbeteiligung, wenn das Unternehmen nach zwei, drei Jahren scheitert?

Das ist ein Case, der passieren kann und es bringt nichts zu sagen, das Start-up ist toll, funktioniert und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden reich. Das ist jedem in einem Start-up bewusst und sie entscheiden sich, glaube ich, nicht dafür in einem Start-up zu arbeiten, weil sie dieses finanzielle Upside sehen. Vor allem in der frühen Phase eines Start-ups gehen die Leute hin, weil sie etwas sinnvolles mit ihrer Zeit machen möchten, weil sie an innovativen Produkten arbeiten wollen und in Organisationsstrukturen arbeiten wollen, die sie als Person fördern und challengen und wo sie sehen, sie haben einen Impact und sind nicht in einem Unternehmen "gefangen", wo man als Einzelperson nichts zu sagen hat und keine Entscheidungen und keine Verantwortung übernehmen kann. Hier sieht man, wie sich derzeit das Mindset der jungen Menschen verändert und was ihnen wichtig ist. Das sind Themen wie Mitbestimmung, Balance zu haben und die Frage, wie setze ich meine Zeit sinnvoll ein.

Lohnnebenkosten, die speziell auf Start-ups zugeschnitten werden sollen, was ist hier die konkrete Forderung?

Beim Thema Lohnnebenkosten sind wir nicht nur bei einem Start-up-Thema, sondern einem gesamtwirtschaftlichen Thema. Durch die Preissteigerungen und enormen Kosten, die auf die jungen Unternehmen zukommen, sind wir in einer Situation, in der man wahnsinnig viele Abgaben hat, das Geld aber in zusätzliche Arbeitsplätze investieren könnte. Vor allem in der Anfangszeit eines Unternehmens wäre die Forderung die Lohnnebenkosten zu senken, damit man mehr Ressourcen in das Team investieren kann, höhere Gehälter zahlen kann, um Top-Talente in das Unternehmen zu bekommen. Was ist das Essentiellste an einem Start-up? Die Menschen, die es machen, nicht die Idee, und es geht darum, sie zu inzentiveren und motivieren ins Unternehmen zu kommen und da zu bleiben.

Es gibt in Österreich eine gleichbleibende Zahl von etwa 300 Neugründungen jährlich. Was würde die neue Rechtsform, die sogenannte Flexible Kapitalgesellschaft (FlexKap) daran ändern? Wird die Zahl der Neugründungen steigen, wenn es leichter ist, zu gründen?

Wenn das Ziel ist, das Thema Gründung leichter und kosteneffizienter zu machen, und gleichzeitig dazu beizutragen, dass wir international als Land wahrgenommen werden, in dem es leicht und kosteneffizient ist, ein Start-up zu gründen, dann haben wir das Ziel noch nicht erreicht. Man bekommt oft zu hören, dass es in Österreich eh nicht so schlecht ist. Wenn das in anderen Ländern einen, zwei oder drei Tage dauert, und in Österreich zwei bis drei Wochen, dann dauert die Gründung in Österreich schon verhältnismäßig lang. Wir befinden uns in einem Standortwettbewerb. Es heißt auch immer wieder: Es ist ja nicht so teuer ein Unternehmen zu gründen und die 10 bis 15.000 Euro Gründungskosten plus Stammkapital kann man sich doch leisten. Ja, das kann sich sicher ein guter Teil leisten, und viele gleichzeitig nicht. Es hat diesen riesen Inklusionsaspekt. Hier stellt sich die Frage, wer ein Unternehmen gründen darf und will ich es bei dieser exklusiven Gruppe belassen, oder versuche ich, die Gründung inklusiver und kostengünstiger zu machen.

Woran hakt es, dass die FlexKap nicht beschlossen und umgesetzt wird?

An der Abstimmung. Bei diesem Thema gibt es verschiedene Interessen, die aufeinanderprallen. Hier geht es um die Erhaltung von Geschäftsmodellen, etwa bei Notarinnen und Notaren (Notariats-Akt soll in der FlexKap fallen, Anm.). Es gibt aber auch Bedenken bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich die Frage stellen, was es für sie bedeutet, wenn sie am Unternehmen beteiligt sind. Die Frage ist, was wichtiger ist: Branchen und Geschäftsmodelle zu erhalten oder zu sagen: Wir setzen ein Zeichen für die Zukunft und wollen diese digitalen Leitbetriebe von morgen in Österreich haben und nicht waonders.

Wird die neue Kapitalgesellschaft, so sie denn kommt, exklusiv Start-ups vorbehalten bleiben? Oder könnte jedes Unternehmen statt als GmbH als FlexKap gegründet werden?

Eine Diskussion, die wir sehr intensiv führen. Es ist schwierig, das nur auf die Start-up-Szene zu beschränken. Im aktuellen Entwurf ist die Form der Gesellschaft allen Unternehmen offen.

Wird damit die GmbH abgeschafft?

Die Frage ist, welche Rechtsform und Gesellschaftsform ist passend für das jeweilige Unternehmen? Man könnte streiten, ob es all die unterschiedlichen Formen braucht, die es jetzt schon gibt. Mit der FlexKap werden die Themen adressiert, die wir besprochen haben: Wenn es um Kapitalerhöhungen geht, wenn es um die schnellere und günstigere Gründungsprozesse geht und wenn es um die Frage der Beteiligungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Es wird immer Unternehmen geben, für die diese Rechtsform und die Möglichkeiten, die dadurch geboten werden, keinen Sinn machen, weil das Unternehmen per se nicht so aufgestellt sind.

Eine Zahl, die in den vergangenen Jahren ebenfalls gleichgeblieben ist, ist die Zahl der Gründerinnen, die mit 17 Prozent im unteren Teil stagniert. Liegt es im Jahr 2022 tatsächlich noch immer am Thema Kinderbetreuung, weswegen so wenige Frauen ein Start-up gründen?

Die Zahl ist zum Heulen, ist aber nicht ganz überraschend. Ja, das Thema Kinderbetreuung ist im Jahr 2022 noch immer ein Thema, wenn man Wien ausklammert. Die Frage nach: Wie teile ich meine Zeit ein und weiß, dass es meinen Kindern gut geht und treffe die Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen. Dann ist die Entscheidung oft aus pragmatischen Gründen ein Nein. Es ist die Frage, ob man sich endlich einmal traut, das Thema Karenz anzugreifen und Männer in die Verantwortung zu nehmen. Weil, ja!, Care-Tätigkeiten könnten gleichberechtigt verteilt sein. Die Realität zeigt aber, dass diese Arbeit noch immer mehr Frauen erledigen. Auch da gibt es Workarounds, wo Frauen ihre Kinder in Meetings mitnehmen. Die gesellschaftliche Akzeptanz, das auch zu tun, ist in Österreich nicht hoch, und deswegen braucht es eine politische Intervention. Gleichzeitig ist die Frage, was studieren Frauen und aus welchen Bereichen kommen sie und ist das Thema Unternehmensgründung überhaupt attraktiv? Hier sind wir beim Thema Entrepreneural eduction. Wenn Menschen generell, aber vor allem Frauen, dazu erzogen werden, keine Fehler zu machen und kein Risiko zu nehmen, ist es nicht naheliegend, ein Unternehmen zu gründen.

Was kann sich Österreich hinsichtlich Start-ups von anderen Ländern abschauen?

Es hat die große Hoffnung gegeben, dass durch Corona und die zunehmende Digitalisierung das Erschließen von Finanzierungsrunden einen massiven Boom mit sich bringt, und die Start-up-Szene aufblüht und international relevanter wird. Nach meinen ersten Reisen im europäischen Ausland war ich relativ schockiert, weil es null positiven Impact hatte. Es interessiert sich niemand für den Standort Österreich. Die Leute kennen Bitpanda und GoStudent (erfolgreiche, milliardenschwere Start-ups, Anm.), aber große internationale Kapitalgeber und Top-Leute nach Österreich zu bringen ist unmöglich, weil sie es einfach nicht am Radar haben. Andere Standorte wie Portugal zeigen, dass es anders geht. Portugal hatte nach der Finanzkrise viele ökonomische und finanzielle Challanges, und dann kam das Bekenntnis: Wir müssen etwas anders machen, weil wir uns sonst als Standort abschaffen. Sie haben die größte Start-up-Konferenz Europas, den Websummit, geholt. Sie haben auch viel Geld in das Thema privates Risikokapital gesteckt, Businessangels-Netzwerke gefördert und dadurch ein Ökosystem aufgebaut, das sich kennt, zusammenarbeitet und internationales Talent anzieht. Wir haben top Talente an unseren Unis, Menschen, die etwas bewegen wollen, ein stabiles politisches System, meistens, und einen an sich attraktiven Standort. Da so wenig daraus zu machen, ist schmerzhaft.