Jahrelang war Russland als größter Einzelmarkt in Osteuropa die Cashcow für die Raiffeisen Bank International (RBI). Allein im Vorjahr steuerte die dortige Tochterbank etwa ein Drittel zum Konzerngewinn von 1,4 Milliarden Euro bei. Mit dem Angriffskrieg Moskaus gegen die Ukraine und den Sanktionen des Westens scheinen diese Zeiten nun jedoch vorbei zu sein. Ein Schlussstrich unter das Kapitel Russland ist inzwischen sehr wahrscheinlich geworden, aber noch nicht beschlossen. "Wir treiben die Evaluierung unserer strategischen Optionen, die auch einen geordneten Rückzug beinhalten, konsequent voran", sagte Bankchef Johann Strobl am Mittwoch.

Das Neugeschäft in Russland ist jedoch seit Kriegsbeginn (24. Februar) bereits "weitgehend eingestellt". Geld verdiente die RBI im ersten Quartal in Europas größtem Land dennoch - trotz erschwerter Bedingungen rund 96 Millionen Euro. Gleichzeitig fielen aber auch teure Abschreibungen von 209 Millionen Euro an.

Bei ihrem Kreditvolumen in Russland verbuchte die Wiener Großbank einen Rückgang von 11,6 Milliarden Euro (Ultimo 2021) auf zuletzt 10,6 Milliarden. Dieser Betrag könnte allerdings durch die jüngst erfolgte Stabilisierung des Rubels wieder gestiegen sein, wie es hieß.

Verlust in der Ukraine

Unterdessen ist die RBI nach wie vor bestrebt, den Bankbetrieb in der Ukraine trotz des Krieges aufrecht zu erhalten. "Unsere Bank in der Ukraine hat trotz der äußerst schwierigen Rahmenbedingungen ihren operativen Betrieb nie unterbrechen müssen", berichtete RBI-Chef Strobl. "Als Marktführerin im Agrarsektor hat sie die für das Land so wichtige Getreideaussaat maßgeblich finanziert." Anders als in Russland war Raiffeisen in der Ukraine im ersten Quartal jedoch mit einem Verlust von 41 Millionen Euro konfrontiert (während das Geschäft im benachbarten Weißrussland einen Gewinn von 23 Millionen Euro einbrachte).

Alles in allem hat die RBI-Gruppe, die neben Österreich in ganz Osteuropa tätig ist und über rund 1.800 Filialen, gut 18 Millionen Kunden und etwa 47.000 Mitarbeiter verfügt, ihr Ergebnis in den drei Monaten bis Ende März allerdings kräftig steigern können. So fiel der Nettogewinn mit 442 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch aus wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum - dank Zuwächsen beim Zins- und Provisionsüberschuss sowie beim Handelsergebnis. "Die RBI ist aus einer Position der Stärke in diese Krise gegangen", erklärte Strobl zum Ergebnis.

Dennoch war die Bank gezwungen, primär aufgrund des Ukraine-Krieges hohe Risikovorsorgen (Wertminderungen auf finanzielle Vermögenswerte) zu bilden. In Summe mussten diese von 76 auf 319 Millionen Euro mehr als vervierfacht werden. Das hat die harte Kernkapitalquote, die bei Bankaufsehern als wichtigster Gradmesser für die Ausstattung mit Eigenkapital gilt, nach unten gedrückt - im Vorjahresvergleich von 13,1 auf 12,3 Prozent. Strobl hielt dazu jedoch fest: "Wir gehen davon aus, dass sie sich im Jahresverlauf wieder stärken und gegen Jahresende sehr nahe bei unserer Zielquote von rund 13 Prozent liegen wird."

Sberbank Europe kratzt Kurve

Die Kapitalrentabilität seines Hauses, den sogenannten Return on Equity, sieht der RBI-Chef heuer trotz steigender Risikokosten in der Bandbreite von 8 bis 10 Prozent. Aufgrund des Krieges ist der Ausblick für das Gesamtjahr aber angepasst worden.

Weitere Nachrichten aus dem Bankensektor gab es am Mittwoch auch zu einer früheren RBI-Konkurrentin, der Sberbank Europe. Die mit österreichischer Lizenz von Wien aus tätige Europa-Tochter der Sberbank, des größten russischen Geldhauses, das nun im Rahmen neuer Sanktionen vom globalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen werden soll, hat die Insolvenz doch noch abwenden können. Demnach ist jetzt eine "geordnete Abwicklung der Bank" möglich, wie die Finanzmarktaufsicht (FMA) am Mittwoch mitteilte. "Die österreichische Einlagensicherung, die bereits 926 Millionen Euro an gesicherten Einlagen ausgezahlt hat, bekommt damit umgehend die gesamten Gelder zurück." Laut FMA können auch alle anderen Gläubiger fristgerecht gemäß dem Sanktionen-Regime bedient werden. Letztlich aus der Affäre ziehen konnte sich die Sberbank Europe durch den Verkauf von Kreditforderungen an andere Finanzinstitute - darunter vor allem Bawag, Deniz Bank, Kommunalkredit Austria und Anadi Bank.

Nach derzeitiger Planung soll die Abwicklung der Bankgeschäfte bis Jahresende abgeschlossen werden, so die FMA. Der Sicherungsfall der Sberbank Europe betraf vor allem deutsche Kunden: Rund 34.800 Privatkunden in Deutschland hatten Geld bei der Online-Tochter "Sberbank Direct" liegen (für die Sicherung der Guthaben spielt die Staatsbürgerschaft keine Rolle). In Österreich waren lediglich rund 120 Kunden betroffen.

Bank Run nach Invasion

In Schieflage geraten war die Sberbank Europe durch starke Geldabflüsse nach Beginn des Ukraine-Krieges und den folgenden Sanktionen gegen Russland. Am 1. März untersagten die Aufsichtsbehörden den Geschäftsbetrieb, was den Einlagensicherungsfall auslöste. Laut FMA ist die Sberbank Europe, die mit 3.800 Mitarbeitern, acht Tochterbanken und 187 Zweigstellen in Osteuropa rund 775.000 Kunden betreute und eine Bilanzsumme von 13,6 Milliarden Euro hatte, der "bisher komplexeste Fall" einer Bankabwicklung in der EU.