Österreichs Leistungsbilanz ist 2021, dem ersten Jahr, das zur Gänze von der Coronapandemie geprägt wurde, erstmals seit zwei Jahrzehnten negativ ausgefallen. Nationalbank-Vizegouverneur Gottfried Haber beruhigte zwar, dass das Minus von 2,1 Milliarden Euro nicht allzu hoch sei, sagte bei der Präsentation der Leistungsbilanz aber auch: "Gelinde gesagt werden die Herausforderungen nicht geringer werden." Zu viele geopolitische und pandemische Unsicherheitsfaktoren herrschten.

Viel hängt vom Tourismus ab, der durch den historischen Einbruch im Vorjahr erstmals seit vielen Jahren auch nicht mehr den wichtigsten Dienstleistungsexport ausmachte. Der Bereich Technologie hat den Reiseverkehr überholt. Technologie-Dienstleistungen machten voriges Jahr 17,7 Milliarden Euro aus (nach 15,5 Milliarden Euro 2019). Der Tourismus brach im Vorjahr um 57 Prozent von 20,5 Milliarden Euro auf 8,8 Milliarden Euro ein. Dabei wirkten Reisende aus Deutschland noch stützend.

Wie geht es nun weiter, drohen viele Jahre negativer Leistungsbilanzen? "Es wird viel daran hängen, wie sich der Reiseverkehr entwickelt", sagte Haber. "Der Leistungsbilanzsaldo ist negativ, aber nicht so extrem, dass er nicht auch schnell wieder positiv werden kann." Die Volatilität wesentlicher Einflussfaktoren sei immens. "Alles hängt davon ab, wie sich die geopolitische und pandemische Lage entwickelt."

Hoffnung auf guten Sommer

Haber hofft auf einen guten Tourismussommer, der auch weiter von Reisenden aus Deutschland gestützt werden dürfte. Es sei aber offen, wie sich die Lage ab Herbst und etwa der Kongresstourismus weiterentwickle. Der Städtetourismus dürfte noch lange leiden. Immerhin: "Wenn sich der Tourismus erholt, gibt es gute Chancen, dass das Leistungsbilanzsaldo wieder positiv wird." Neben realen Effekten wie der Reisewirtschaft fielen auch Preise und Bewertungseffekte beim Saldo ins Gewicht, so der Notenbanker.

Er sieht auch "wahrscheinlich weiter steigende Energiepreise". Auch erste Lieferkettenunterbrechungen aufgrund des Ukraine-Konflikts seien bemerkbar, etwa in der Kfz-Industrie, wo Kabelbäume aus der von Russland angegriffenen Ukraine fehlen. Die Märkte könnten aufgrund der Lage noch volatiler werden. So könnten Direktinvestitionen sinken. "Wenn die Welt unsicher ist, überlegt man sich Investitionsentscheidungen drei Mal, damit müssen wir mit großer Wahrscheinlichkeit rechnen", sagte Haber vor Journalisten in Wien. Wie sich die negativen Einflüsse wiederum auf einzelne Länder verteilen, sei offen.

Die Leistungsbilanz gegenüber Russland war von Brennstoff- und Energieimporten geprägt. Diese machten 87 Prozent des gesamten Einfuhrwertes von Gütern aus Russland in der Höhe von 4,1 Mrd. Euro aus. Österreich exportierte Güter im Wert von 1,9 Mrd. Euro nach Russland, aufgrund der Sanktionen dürften beide Werte - abgesehen vom Gasanteil bei den Energieimporten, der hierbei das Gros ausmacht, einbrechen. Der überbordende Anteil der Energieimporte ist auch durch die schon im Vorjahr gestiegenen Energiepreise verursacht, sagte Johannes Turner, Direktor der OeNB-Hauptabteilung Statistik.

Die Energiepreise haben den Außenhandel insgesamt schon voriges Jahr belastet - "merklich und signifikant", so wiederum Haber. "Das ist nicht erst heuer entstanden." (apa)