Der erste Start ging in die Hose. Dabei hatten die Triebwerke alle langwierigen Tests bestanden. Die Bauteile waren bereit, die extreme Hitze und den hohen Druck durch den gezündeten Treibstoff auszuhalten. Doch wenige Minuten nach dem Start vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guyana kam die 60 Meter lange Trägerrakete Vega von ihrem Kurs ab. Statt die beiden Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen, brach sie entzwei und stürzte hinunter auf die Erde.

Ein paar Zeitzonen weiter östlich und 8000 Kilometer Luftlinie entfernt, schlägt Dieter Grebner die Hände über den Kopf zusammen. Hier im oberösterreichischen Holzhausen im Bezirk Wels-Land ist es 2 Uhr in der Früh. Es war die Feuertaufe für ihn und die Mitarbeiter seines Unternehmens Peak Technology. Mehr als sechs Jahre haben sie auf diesen Moment hingearbeitet und ein Hitzeschutzschild für die Rakete entwickelt. War die gesamte Arbeit umsonst?

"Uns traf keine Schuld", sagt Grebner heute, zwei Jahre später. Er lächelt. "Ein Kabel war falsch angesteckt, das kann passieren." Grebner sagt diesen Satz mit einer Leichtigkeit, die ihm auf dem langen Weg nach oben schon über so manche Krise geholfen hat. Auch in diesem Fall. Seinem Unternehmen hat der Fehlstart nicht geschadet. Mittlerweile produziert Peak Technology als Technologieführer Hitzeschutzschilder und Zündergehäuse für Raketen sowie Heliumtanks für Satelliten.

Warum die ukrainische Armee erfolgreich ist

Es ist ein stark wachsender Markt, in dem das Unternehmen aus Holzhausen agiert, denn der Weltraum gewinnt zunehmend an Bedeutung. Für den Umweltschutz, für die Digitalisierung, für das Militär. So sind die überraschenden Erfolge der ukrainischen Armee nicht nur ein Ergebnis des russischen Unvermögens, sondern auch der guten Verbindung nach oben. Ihre Kommunikation läuft über die Starlink-Satelliten von Elon Musk. "Sie wissen genau, wo sich das russische Militär befindet, deswegen halten sie stand", sagt Grebner.

Auch der Telekommunikationssektor wächst. Die neue Mobilfunkgeneration 5G wird größtenteils über Satelliten abgewickelt. "So viele Masten, wie dafür nötig sind, können auf der Erde gar nicht aufgestellt werden", sagt Grebner. 5G ermöglicht selbständiges Fahren von Fahrzeugen, steuert Schiffe auf der Ideallinie und ermöglicht schnelleren Datenaustausch.

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Der Ausbau im Weltraum sei zudem die größte CO2-Einsparung, die es überhaupt gibt, erklärt Grebner. Klimatracking, Erdbeobachtung, Waldbrand-Früherkennung. "Terrestrisch könnte das nicht gemessen werden."

Die Flugzeug-Navigation und gewöhnliches GPS läuft ebenso über Satelliten. "Rund um Linz hat jedes zweite Haus eine Starlink-Schüssel auf dem Dach", sagt Grebner. "Das wird sich auch im normalen Hausgebrauch durchsetzen."

Der Salzburger fing ganz unten an. Mit ein paar Freunden mietete er vor 15 Jahren eine Dorf-Tischlerei zwischen Ackerflächen, Wäldern und Wiesen auf denen Kühe das Gras rupften. Kühe rupfen noch immer das Gras vor dem Firmensitz. Doch aus ein paar Freunden in der Tischlerei wurde ein Unternehmen mit 120 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von insgesamt 15 Millionen Euro. Und der Kurve zeigt weiter nach oben. Vor kurzem erhielt Peak Technology den viel umworbenen Auftrag für die europäische Trägerrakete Ariane 6.

Grebner führt durch den mehrstöckigen Firmensitz, der genauso gut ein Raumschiff sein könnte. In den sterilen zweifärbigen Räumen verschwimmt oben und unten, fast schwerelos fühlt sich das Wandeln durch die Gänge an. "Nachdem der Satellit seine Umlaufbahn erreicht hat, wird er mittels Antrieb für die nächsten Jahre in seiner Position gehalten", sagt Dieter Grebner. "Die Tanks für den Antrieb produzieren wir."

Er klappt eine metallene Kiste auf und holt eine glänzende Kugel aus Aluminium heraus, so groß wie ein überdimensionaler Schreibtisch-Globus. "Die Hülle dieses Satelliten-Tanks ist einen halben Millimeter breit, etwas dicker, wie bei einer Cola-Dose", sagt er. "Am Ende wird die Hülle noch mit Kohlefaser umwickelt."

Geprägt von den Bauern

Die Freude an der Technologie ist für Grebner nichts Ungewöhnliches. Herumschrauben, Basteln und Reparieren gehörte zum Alltag in Puch bei Hallein, wo er aufwuchs. "Ich bin von Kindheit an geprägt", sagt er. "Ich habe gesehen, wie der Papa den Rasenmäher, das Fahrrad und das Auto repariert und die Bauern den Pflug wechseln und dem Traktor die Reifen austauschen", erinnert er sich. Das Maschinenbau-Studium nach der Matura sei daher naheliegend gewesen. Nebenbei arbeitete er in der Formel 1 bei Sauber als Mechaniker in der Getriebe- und Fahrwerksentwicklung. "Mich fasziniert Technik, Ingenieurstum, etwas zu entwickeln", sagt er.

Nach zwei weiteren Stationen beschloss er selbständig zu werden und gründete 2007 Peak Technology. Das Kapital für die Firmengründung schnorrte er zusammen, wie er sagt. Grebner nutzte die Kontakte aus seiner Zeit bei der Formel 1 für die ersten Aufträge. "Anfangs entwickelten wir einfache Dinge im Bereich Leichtbau und Motorsport", sagt er. Mit Erfolg. Die Tischlerei wurde bald zu klein. "Wir stellten vor der Tischlerei einen Bürocontainer nach dem anderen auf. Es wurden immer mehr, bis die Gewerbebehörde drohte, uns zuzudrehen, wenn wir nicht ein Gebäude für unser Unternehmen bauen."

Dieter Grebner fing ganz unten an. 
- © Bernd Vasari

Dieter Grebner fing ganz unten an.

- © Bernd Vasari

Auch mit eigenem Gebäude wuchs das Unternehmen. Grebner stellte daher sein Geschäft neu auf. "Schnelles Wachstum ist gefährlich", sagt er. "Motorsport ist projektgetrieben. Wir wussten im August nicht, was wir im Dezember machen." Das Ziel waren nun langfristige Aufträge. "Für die Luftfahrt sind wir zu klein, dafür sind 500 Mitarbeiter nötig. Blieb noch die Raumfahrt", sagt der Firmengründer mit einem Schulterzucken.

Autozuliefer-Land von gestern

Nach einer längeren Anlaufzeit ohne Erfolg klappte es schließlich mit dem Auftrag für die Bestückung der Vega-Rakete. Ihr Absturz blieb für Peak Technology ohne Folgen. Denn in den vergangenen zwei Jahren stieg die Auftragslage beträchtlich. Im April dann der Höhepunkt mit dem Auftrag für Ariane 6. "Wir haben uns im Wettbewerbsverfahren gegen unsere europäischen Mitbewerber durchgesetzt", sagt Grebner. Peak Technology produziert nun die Heliumtanks. Eineinhalb Jahre wird die Entwicklungsphase dauern, bis die Prototypen produziert sind und dann ausgeliefert werden können.

Dem Erfolg von Peak Technology liegen hohe Investitionen zugrunde. "Seit fünf Jahren schreiben wir keinen Gewinn mehr, weil wir jeden Euro in die Raumfahrt investieren", sagt Grebner. Es ist eine Strategie auf einem schmalen Grat zwischen Abgrund und Erfolg, eine Strategie, die nur mit viel Leidenschaft aufgehen kann.

Mehr Leidenschaft für den Weltraum wünscht sich Grebner auch von der Bundesregierung. Österreichs Technologie-Fokus liegt noch immer im Zuliefern von Autounternehmen. "Doch das Thema ist vorbei", sagt Grebner. "Das E-Auto ist die Zukunft, die Tausenden Einzelteile für Verbrennermotoren sind nicht mehr gefragt. Ein E-Motor besteht nur noch aus fünf Einzelteilen."

All die Auto-Mechaniker könnten umgeschult werden, der Weltraum ist ein Milliardengeschäft. "Österreich droht aber diese Entwicklung zu verschlafen", kritisiert Grebner. "Im Deutschen Bundestag gibt es mit Thomas Jarzombek einen Weltraumbeauftragten. Er stellt Mittel auf und vernetzt Start-Ups mit Universitäten." Nicht so in Österreich.

Das Ergebnis: Zu wenig Risikokapital für den Bereich Weltraum. "Würde ich hingegen einen Skilift bauen, könnte ich die finanziellen Mittel in kürzester Zeit aufstellen", sagt Grebner. "Österreich ist ein Tourismusland. Wir haben schöne Berge und eine schöne Bundeshauptstadt." Er blickt durch die Fenster der futuristischen Halle hinaus auf die Felder: "Das allein wird auf Dauer aber nicht reichen."