Voestalpine-Chef Herbert Eibensteiner und IV-Präsident Georg Knill warnen vor den Folgen eines Gasembargos. Sollte es in Europa zu einem Ausfall der Gaslieferungen kommen, wäre dies "dramatisch" und "nicht oder schwer managebar", sagt Voestalpine-Chef Herbert Eibensteiner: "Ohne Gas keine Stahllieferungen" und ganz allgemein würden wesentliche industrielle Prozesse zum Stillstand kommen.

Nur sporadisch Gespräche

Spüren würden das alle, weil Lieferketten zusammenbrechen würden und es wohl zu einer hohen Arbeitslosigkeit käme, vor allem, wenn der Ausfall von Erdgas länger anhalten sollte, so der Voest-Chef. Mit der Regulierungsbehörde E-Control sei man laufend im Austausch, mit der Regierung gebe es aber nur "sporadisch" Gespräche zur Gasversorgung, sagte Eibensteiner im Gespräch mit Journalisten. Dabei stehe die voestalpine auch ohne ein Gasembargo mitten in einem anspruchsvollen Transformationsprozess zur Reduktion des CO2-Ausstoßes.

Kein Notfallplan

Die heimische Industrie warnt vor den Folgen eines Gasstopps und kritisiert das Fehlen von detaillierten Notfallplänen der Regierung. Nach wie vor schwebe ein Stopp oder Einschränkungen der Gaslieferungen aus Russland wie ein Damoklesschwert über dem Standort, pflichtete der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Georg Knill, dem Voest-Chef in einer Aussendung am Mittwoch bei. Es brauche für Unternehmen Klarheit und Krisenmanagement seitens des zuständigen Ministeriums für den Notfall, so der IV-Chef. Bisherige Aktivitäten und Pläne würden sich nur auf die kurzfristige Einspeicherung von Gas sowie "auf vage und obendrein unrealistische Szenarien in ferner Zukunft" beziehen.

Die stark von Gas abhängige Lebensmittelindustrie fühlt sich auch schlecht informiert. Im Fall eines Komplettausfalls "fehlen uns immer noch die konkreten Notfallpläne", sagte die Geschäftsführerin des Verbands der Lebensmittelindustrie, Katharina Koßdorff, dem "Standard". Ihre Branche müsse sich im Falle eines Embargos auf Szenarien vorbereiten können. "Wir haben Vorlaufzeiten. Wir müssen intensiver in diese Planungen eingebunden werden." Auch Unternehmen im Bereich Glas, Papier und Karton würde ein Ausfall der russischen Gaslieferungen hart treffen. Der heimische Papier- und Kartonriese Mayr-Melnhof kann theoretisch temporär auf Öl umsatteln. Das würde jedoch nicht ausreichen, um alle Produktionskapazitäten auszulasten, hieß es.

Ab 2027 könnte die Voestalpine, das zwar als Maßstab für saubere Stahlproduktion gilt, aber dennoch 15 Prozent des österreichischen CO2-Gesamtausstoßes verantwortet, 30 Prozent seiner Emissionen abbauen. Das würde den heimischen CO2-Ausstoß um 5 Prozent oder rund 4 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren. Bis 2050 gilt sogar eine CO2-neutrale Produktion der voestalpine als möglich. Um dorthin zu kommen, brauche es aber neben Milliardeninvestitionen vor allem grüne Energie - Strom und Wasserstoff - in großen Mengen.

Strom und Wasserstoff

Und da erwartet sich Eibensteiner von der Politik deutlich schnellere und klarere Maßnahmen. "Es ist höchste Zeit, in die Gänge zu kommen", richtete er der Bundesregierung im Gespräch mit Journalisten aus. "Wir brauchen ein Gesamtkonzept für die langfristige Versorgung mit Strom und Wasserstoff" - und das zu wettbewerbsfähigen Preisen. Das bedeute die Herstellung ausreichender Mengen und den Bau entsprechender Netze zur Verteilung der Energie. Auch müssten die Förderungen die Notwendigkeiten der Stahlindustrie berücksichtigen. Konzepte beziehungsweise Beschlüsse der Regierung dafür fehlen aus Sicht Eibensteiners. Immerhin ist der Konzernchef zuversichtlich, dass 2027, also in fünf Jahren, die für den Umbau eines Teils der Voest-Produktion nötigen grünen Energiemengen zur Verfügung stehen werden.

Bis 2030 wird Wasserstoff in Europas Energieversorgung eine relevante Rolle spielen, ist Eibensteiner überzeugt. Was Österreichs Strategie dazu betrifft, ist er hingegen zurückhaltend: "Ich weiß nicht genau, was da drin steht", vermerkt er. Aber relevant sei letztlich ohnehin, was konkret getan wird: "In Wirklichkeit muss man in Umsetzungen denken", also wie tatsächlich die Energieträger zu den Betrieben kommen sollen und nicht, was theoretisch möglich wäre.

Eibensteiner lässt sich nicht darauf ein, dem einen oder dem anderen Koalitionspartner die Schuld an fehlenden Entscheidungen zuzuschieben. In manchen Punkten seien wohl die Grünen, in anderen die ÖVP treibende Kraft. "Aber irgendwie geht es sich nicht aus, dass die Bundesregierung sich einigt und zu einer Conclusio kommt." Dabei glaubt der Voest-Chef: "Wenn es den politischen Willen wirklich gäbe, könnte man schnell sein."

Denn nicht nur sein Unternehmen, auch viele mittelständische Betriebe hätten fertige Konzepte in der Schublade. "Wir möchten starten." Wenn sich die politischen Entscheidungen verzögerten, dann werde es eben erst später eine CO2-Reduktion geben.

Lieferkettenproblem

Energieversorgung ist nicht der einzige Engpass für die Voestalpine. Dazu kommen Lieferkettenprobleme, einerseits durch den Krieg in der Ukraine, andererseits durch Engpässe in China und Handelsembargos. Und dann gibt es auch noch Personalengpässe, auch wenn das Unternehmen hofft, heuer wie geplant 500 Lehrlinge aufnehmen zu können. Mit viel Werbung und dem Bau eines 24-Stunden-Kindergartens wird auch versucht, Frauen für einen technischen Job zu interessieren.

Auftragsbücher voll

Dabei läuft das Geschäft noch gut. Die Auftragsbücher sind voll und Energiepreiserhöhungen können angesichts großer Nachfrage vorerst an die Kunden weitergegeben werden. Auch der neue, CO2-reduzierte Stahl findet trotz höherer Preise Kunden, wenn auch noch im Verhältnis zur Gesamtproduktion wenige. Das neue Stahlwerk in Kapfenberg (Steiermark) soll wie zuletzt angekündigt im Sommer in Betrieb gehen. (apa)