Bereits vorhandene Wärme nochmals einzusetzen, eine solche Idee hat immer Charme, insbesondere in Zeiten ebenso teurer wie knapper Energie. Aus dem Abwasser Energie zu gewinnen, ist zwar nicht ganz neu – 2018 hat die EU dies als erneuerbare Energie deklariert –, aber sehr gefragt, erklärt Ulrike Rabmer-Koller im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

In ihrem mittelständischen Familienbetrieb, der Rabmer-Gruppe mit Sitz in Altenberg bei Linz, die sie in zweiter Generation seit 2002 leitet, bietet man diese Energiegewinnung bereits seit längerem an – als einziger Betrieb in Österreich. Von Immobilienentwicklern über Industriebetriebe und Hotelprojekte bis zum Kanalbetreiber Wien Kanal ist das Abwasser-System schon im Einsatz.

Kanal als Energiequelle

Wie schnell sich der Einbau einer solchen Anlage rentiert, ist unterschiedlich. Etwa zehn Jahre dauert es generell. Werden große Mengen geheizt und gekühlt, geht es auch rascher – wie etwa bei einem Krankenhaus in Ungarn, wo es sich bereits nach vier Jahren rechnete, erzählt Rabmer-Koller. Angesichts der aktuell enormen Energiepreise amortisiert sich eine Abwasser-Energieanlage natürlich immer schneller.
Abwässer gibt es zwar fast überall, nicht jeder Kanal ist jedoch ein potenzieller Energielieferant. Wie funktioniert das System also? "Abwasser hat eine Temperatur von 12 bis 20 Grad Celsius, in Wien sind es durchschnittlich 16 Grad. Ist ein Industrie- oder Gewerbebetrieb in der Nähe, können es bis zu 30 Grad sein", erläutert die Unternehmerin.

Um diese Wärme wiederverwenden zu können, werden Wärmetauscher im Kanal oder direkt in einer Kläranlage eingebaut. Sie ziehen die Temperatur aus dem Abwasser heraus und machen sie für Raumwärme verfügbar oder um Wasser zu erwärmen.
Die so gewonnene Energie eignet sich auch für Kühlung. Im Sommer können die Wärmepumpen nämlich in "umgekehrter" Weise eingesetzt werden und mutieren dann zu "Kältemaschinen".
Voraussetzung dafür, dass das innovative System funktioniert, ist in jedem Fall ein Kanal mit mindestens 400 Millimetern Durchmesser und einer Abwassermenge von zehn Litern pro Sekunde. Dieser Kanal muss außerdem noch in der Nähe des Einsatzgebietes liegen, etwa 100 bis 300 Meter Entfernung dürfen es sein, bei Großanlagen gehen auch 900 Meter, so Rabmer-Koller. Im ländlichen Bereich sollte eine Kläranlage oder ein Sammelkanal in der Nähe sein, damit das Ganze funktioniert.

Abwasser mit Potenzial

"Für ein Einfamilienhaus allein rechnet sich das nicht, aber ein Nachwärme-Netz macht für eine Siedlung mit 30 Häuser schon Sinn", erläutert Rabmer-Koller. Gut eignet sich das System für Unternehmen, Bürogebäude und Wohnanlagen, erklärt die studierte Betriebswirtin und ehemalige Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich.

Das Potenzial dieser Art der Energiegewinnung kann sich jedenfalls sehen lassen: Immerhin wird über 50 Prozent des weltweiten Energiebedarfs für Heizen und Kühlen verwendet. Im Wohnsektor liegt der Anteil sogar bei 73 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Und bis zu 14 Prozent des Wärmebedarfs im Gebäudesektor könnte man mit der Energie aus dem Kanal decken.

In der Bundhauptstadt ist die Energiegewinnung aus Abwasser bereits bei Wien Kanal, in der Unternehmenszentrale in Blumental im Einsatz. Dort wird zu 100 Prozent damit geheizt und gekühlt.

"Da haben wir auch ein Monitoring-System zum Datensammeln installiert, um genau zu sehen, welche Temperatur aus dem Kanal kommt, wie effizient das System arbeitet. Die Anlage ist seit November 2021 in Betrieb", erzählt Ulrike Rabmer-Koller. "Hätten wir eine Wärmelandkarte der Kanäle in Österreich, wäre es einfacher. So müssen wir von Projekt zu Projekt immer erst feststellen, ob diese Art der Energiegewinnung dort überhaupt in Frage kommt. Es ist halt keine Technologie von der Stange", schildert sie aus der Praxis.

Nachfrage "herausfordernd"

Das Geschäft brummt, aber die steigende Nachfrage sei derzeit durchaus "herausfordernd", erklärt die Unternehmerin. Denn auch die Rabmer-Gruppe spürt den Fachkräftemangel. Wachsen könne man nur über Partner, besonders am internationalen Markt. "Wir setzen zwar sehr stark darauf, Leute selbst auszubilden, vom Lehrling bis zu den Führungskräften. Und wir konnten glücklicherweise sogar in Lockdown-Zeiten weiterarbeiten, ohne Kurzarbeit. Aber diese Projekte sind aufwendig und haben lange Vorlaufzeiten."

Immerhin kümmert sich ihr Unternehmen als Bau-Komplettanbieter von der Potenzial- und Machbarkeitsanalyse bis zur Umsetzung um alle notwendigen Schritte. Mit der jahrzehntelangen Erfahrung rund um Umwelttechnologien und Bauprojekte, scheint aber auch diese Herausforderung bewältigbar zu sein.