Es sind viele und vor allem große Herausforderungen, mit denen die Wirtschaft derzeit konfrontiert ist: die nach wie vor stockenden Lieferketten, die massiven Teuerungswellen bei Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln, der Krieg in der Ukraine und die umfangreichen Sanktionen gegen Russland, aber auch die immer noch unbewältigte Corona-Pandemie und der akute Mangel an Arbeitskräften. All das bremst die aktuellen ökonomischen Aktivitäten - in einem hohen Maß. Doch auch wenn es den Anschein hat, dass jetzt einiges sogar für ein Schrumpfen der Wirtschaft in der Eurozone spricht: Eine Rezession ist für heuer nicht in Sicht. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer vor kurzem durchgeführten Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) unter 29 Volkswirten.

Im abgelaufenen ersten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aller Euroländer gegenüber dem Vorquartal um 0,6 Prozent gestiegen. Für das zweite Quartal rechnen die befragten Experten im Durchschnitt ihrer Prognosen nun zwar damit, dass die Wirtschaftsleistung nur um 0,1 Prozent höher ausfällt. In weiterer Folge sollte das Wachstum im dritten und vierten Quartal aber auf jeweils 0,4 Prozent zum Vorquartal anziehen. Von einer Rezession, von der die Rede ist, sobald eine Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft, scheint der Euroraum nach den aktuellen Erwartungen von Fachleuten somit einigermaßen weit entfernt zu sein.

Entwarnung gibt es auch für Österreich. "Aus heutiger Sicht sehen wir die Rezession nicht", sagt der Chefökonom der Unicredit Bank Austria, Stefan Bruckbauer. Wobei er eine Stagnation für das zweite Halbjahr nicht ausschließen will. Mit einer Rezession wäre nur dann zu rechnen, wenn es zu einem Stopp der Gaslieferungen aus Russland käme, so Bruckbauer. Das würde nicht nur große Teile der Industrieproduktion lahmlegen, sondern auch die Gaspreise - und damit die allgemeine Teuerung - nochmals massiv nach oben treiben, womit Österreich in der Folge ein "Problem auf der Konsumseite" hätte.

Industrieboom vorbei

"Anzeichen für eine Rezession" ortet Bruckbauer zwar nicht in der Gesamtwirtschaft, aber in der Industrie, einem wichtigen Teilsektor. Im Juni seien die Auftragseingänge erstmals seit April 2020 zurückgegangen und die Produktion gesunken. "Die Nachholeffekte (vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, Anm.) laufen aus, die Preise schlagen zu, und die Unternehmen werden vorsichtiger", erklärt Bruckbauer dazu. "Unter dem Strich schwächt sich die globale Konjunktur ab." Das dämpfe die Exporte und die Investitionen der Betriebe. Trotzdem geht der Bank-Austria-Chefvolkswirt alles in allem von einem kleinen Produktionsplus für heuer aus. 2021 war das Plus noch zweistellig.

Für Bruckbauer nach wie vor intakt, wenn auch tendenziell sich abschwächend, ist indes das Wachstum der Gesamtwirtschaft, obwohl die Industrie als Treiber diesmal de facto wohl ausfallen wird. Als Grund führt er die "Erholung des Dienstleistungssektors" nach den Corona-Lockdowns an - konkret vor allem in den Bereichen Tourismus, Gastronomie, Events und Freizeitwirtschaft. "Das stützt die Konjunktur trotz hoher Inflation, weil die Ersparnisse aus der Pandemie da sind und ein großes Nachholbedürfnis besteht", sagt Bruckbauer. "Diese Extradynamik schließt die Lücke, die uns die Industrie reißt."

Für 2022 rechnet Bruckbauer deshalb mit einem kräftigen BIP-Wachstum in Österreich im Ausmaß von 4,4 Prozent. Nach dem fulminanten ersten Quartal, in dem es im Jahresabstand dank des Wintertourismus und einer noch schnurrenden Industriekonjunktur um 9,5 Prozent steil hinaufging, wird das Tempo im weiteren Jahresverlauf jedoch zunehmend schwächer. "Die Abkühlung wird sich erst 2023 bemerkbar machen", fügt Bruckbauer hinzu. "Da rechnen wir nur noch mit einem Wachstum von 1,5 Prozent."

Kommt eine Wirtschaftskrise?

Ähnlich wie der oberste Ökonom der Bank Austria schätzen auch die Volkswirte der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) die künftige Wirtschaftsentwicklung ein. Nach der zu Jahresbeginn noch kräftigen Erholung in Österreich hätten die Folgen des Ukraine-Krieges die Konjunktur "abrupt abgebremst". Jetzt seien "keine nennenswerten Wachstumsimpulse" mehr zu erwarten. Dennoch erwarten die Konjunkturexperten der OeNB laut ihren jüngsten Prognosen ein BIP-Plus von 3,8 Prozent für heuer und eines von 1,9 Prozent für das Folgejahr.

Sollte der Ukraine-Krieg jedoch bis weit in das Jahr 2023 andauern, die Sanktionsspirale zwischen dem Westen und Russland sich weiter drehen und ein Gaslieferstopp für ein Jahr erfolgen, wäre eine ökonomische Krise programmiert. "Auf Basis dieser Annahmen würde die österreichische Wirtschaft in eine schwere Rezession geraten und die Inflation weiter ansteigen", sagt Gerhard Fenz, Chef des OeNB-Konjunkturreferats. Für 2022 und 2023 wäre dann ein BIP-Rückgang um 0,6 Prozent beziehungsweise 1,4 Prozent die Folge.

Am Donnerstag haben die beiden Wiener Konjunkturforschungsinstitute Wifo und IHS ihre neuen Prognosen bekannt gegeben. Ende März ging das Wifo für 2022 und 2023 von einem BIP-Plus von 3,9 und 2,0 Prozent aus, das IHS prognostizierte ein Wachstum von 3,6 und 2,3 Prozent. Nun sind die Wachstumsaussichten für 2023 deutlich schlechter, die Inflation steigt.