Im ersten Quartal war Österreichs Wirtschaft dank Tourismus und Industrie noch mit hohem Tempo unterwegs. Doch mittlerweile verliert die Erholung an Schwung – nicht zuletzt wegen des Krieges in der Ukraine. Rechnen die beiden Wiener Konjunkturforschungsinstitute Wifo und IHS für heuer aufgrund des starken Jahresauftakts unterm Strich noch mit einem kräftigen Wachstum von 4,3 und 3,8 Prozent, so wird sich dieses 2023 aus ihrer Sicht auf 1,6 respektive 1,4 Prozent abschwächen. Gleichzeitig erweist sich die hohe Inflation hartnäckiger als gedacht. Laut den neuen Prognosen von Wifo und IHS wird die Teuerung 2022 im Jahresschnitt bei 7 bis 8 Prozent, dem höchsten Wert seit 47 Jahren, zu liegen kommen und danach nur langsam zurückgehen.

"Die hohe Inflation wird sich einnisten", sagte Wifo-Chef Gabriel Felbermayr am Donnerstag. Denn ein guter Teil der Inflation sei bei den Konsumenten noch gar nicht angekommen, nachdem die Erzeugerpreise zuletzt um mehr als 20 Prozent gestiegen seien. Außerdem würden die Löhne nun ebenso nachziehen wie etwa die an den Verbraucherpreisindex gebundenen Mieten. Vor diesem Hintergrund meinte der neue IHS-Interimschef Klaus Neusser denn auch: "Das 2-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank ist für die nächsten zwei Jahre unrealistisch. Wir können froh sein, wenn wir auf 4 Prozent runterkommen."

Tadel für Geldpolitik der EZB

Felbermayr sprach von einer "Inflationskrise". Er betonte jedoch, dass die "Quelle der Inflation" nicht im Inland liege. Die Inflation sei vielmehr importiert, wobei Störungen in den globalen Lieferketten sowie die massiven Teuerungen bei Öl, Gas und Agrarrohstoffen eine Rolle spielten – aber auch der Euro, der gegenüber dem US-Dollar binnen eines Jahres um rund 15 Prozent abgewertet habe, was die Einfuhr von Waren aus Drittländern nicht unerheblich verteuere, Öl etwa um 15 Prozent.

"Der schwache Euro verschlimmert die Inflation eindeutig", sagte Felbermayr in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem IHS-Kollegen Neusser. Gegen eine importierte Inflation könne die Europäische Zentralbank (EZB) zwar nicht allzu viel tun. Eine straffere Geldpolitik hätte mit Blick auf höhere Zinsen aber zur Folge, dass der Euro wieder stärker würde, womit es zumindest von dieser Seite her inflationsdämpfende Effekte gäbe, wie Felbermayr erklärte. Neusser kritisierte die Politik der EZB als "sehr zaghaft". Da die Inflationsraten in den Euroländern sehr unterschiedlich seien, gebe es inzwischen auch berechtigte Sorgen über eine erneute Staatsschuldenkrise.

Zu den jüngst beschlossenen Maßnahmen der Regierung, den Bürgern die hohe Inflation auszugleichen, erklärten Felbermayr und Neusser, dass diese Pakete die Teuerungsrate "ein bisschen" – um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte – hinauftreiben würden. "Das heißt aber nicht, dass man es nicht hätte machen sollen", ergänzte der Leiter des Wifo. Zumal es darum gehe, dass die importierte Inflation erträglicher werde. Leistbar seien die Pakete für den Staat jedenfalls, so Felbermayr. Denn inflationsbedingt werde sich die Steuerbasis heuer nominell um 40 Milliarden Euro erhöhen. Dank der Inflation werde auch die Staatsschuldenquote "deutlich" – um 6 bis 7 Prozentpunkte – sinken, weil die Basis, die nominelle Wirtschaftsleistung, so stark steige.

Rezession bei Gaslieferstopp

Die derzeit nach oben schießenden Corona-Neuinfektionszahlen bereiten dem Wifo-Chef indes gewisse Sorgen: "Da hängt ein Damoklesschwert über der Konjunktur." Felbermayr geht jedoch nicht davon aus, "dass es einen weiteren Lockdown geben wird".
Viel dramatischer für die Konjunktur wäre freilich ein Stopp oder eine weitere drastische Senkung der Gaslieferungen aus Russland, sagte Neusser. "Das würde die österreichische Wirtschaft hart treffen und hätte Dominoeffekte." So wäre in der Industrie mit zweistelligen Einbrüchen in der Produktion zu rechnen, was eine Rezession auslösen würde. Das IHS hat mehrere Szenarien für Versorgungsengpässe bei Gas durchgespielt. Demnach würde Österreichs Wirtschaftsleistung um gut 3 bis 6 Prozent schrumpfen.