In den vergangenen Tagen flossen weniger als 100 Gigawattstunden (GWh) pro Tag in die heimischen Speicher. Geht es in diesem geringen Tempo weiter, rückt das Ziel der Regierung in weite Ferne, bis 1. November eine Füllmenge von 80 Prozent der Speicherkapazität zu erreichen. Die Kapazität ist notwendig, um die Heizsaison ohne Versorgungsengpässe zu überstehen. Über die - laut Energieministerin Leonore Gewessler - "ernste Situation" berät die Regierung am Dienstag.

Sollte die geplante Befüllung nicht erreicht werden, droht die Ausrufung der Alarmstufe, der zweiten Stufe des dreistufigen Gasnotfallplans. In diesem Fall müssen große Gasverbraucher ihren geplanten Verbrauch täglich an die Regulierungsbehörde E-Control melden, das Energieministerium und E-Control würden Unternehmen auffordern Gas zu sparen und Systeme für die Gasverteilung würden in Bereitschaft gesetzt.

Seit Mitte Juni sanken die Liefermengen aus Russland um die Hälfte. Derzeit werden die Ausfälle mit Zukäufen auf dem Spotmarkt ausgeglichen. Doch Österreich ist sehr abhängig von Russland. Je mehr die Gaslieferungen gedrosselt werden, desto schwieriger wird es, die fehlenden Mengen anderswo zu besorgen.

Zudem ist der Einkauf auf dem Spotmarkt eine teure Alternative. Derzeit liegt der Preis für eine Megawattstunde (MWh) bei rund 152 Euro, vor einem Jahr waren es noch knapp 36 Euro gewesen.

Nach Einschätzung der OMV ist die Versorgung momentan gewährleistet, zumal in der Sommersaison nicht geheizt werde. Außerdem müsse man bedenken, dass Österreich über vergleichsweise große Speicher verfüge.

Gewessler trifft Unternehmen

Bereits am Montag traf Gewessler mit Unternehmensvertretern zusammen. Gemeinsam mit Wirtschaftsminister Martin Kocher soll - nicht medienöffentlich - über die aktuelle Lage und das weitere Vorgehen gesprochen werden, bevor am Dienstag von der Regierung weiterberatschlagt wird.

Laut Daten der Gas Infrastructure Europe (GIE) liegt der Füllstand in Österreich momentan (Stand: 3. Juli) bei rund 45,6 Prozent - das ist im Vergleich zur Vorwoche nur ein leichtes Plus. Um das Ziel von 80-prozentiger Speicherkapazität zu erreichen, müssen noch 32.900 GWh eingelagert werden.

Nachdem Russland seine Gaslieferungen reduziere, importierte die Europäische Union im Juni erstmals mehr Gas aus den USA als aus Russland. Das geht aus einer Grafik der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor, die ihr Chef Fatih Birol am Donnerstag auf Twitter teilte. Gas aus den USA kommt als Flüssiggas (LNG, Liquefied Natural Gas) per Schiff in der EU an. Bisher spielte LNG in der EU eine untergeordnete Rolle, unter anderem weil es aufwendig verarbeitet werden muss.

Um LNG herzustellen, wird Erdgas auf rund 160 Grad Celsius heruntergekühlt und dadurch
verflüssigt. LNG hat etwa ein Sechshundertstel des Volumens von gasförmigem Erdgas und kann in speziellen Transportbehältern per Schiff, auf der Straße und der Schiene transportiert werden.(vasa)