Halbleiter sind das Gold der Zukunft. 8,7 Milliarden dieser Mikrochips wurden im vergangenen Jahr von Infineon in Villach produziert. Sie werden eingebaut unter anderem in Elektroautos, Windrädern, Photovoltaikanlagen, Ladegeräten und Smartphones.

Die Silizium-Plättchen sind die Klammer, mit der Umweltschutz und technologischer Fortschritt im großen Stil gelingen soll. Doch wird dieser Fortschritt nun gebremst? Und wie wirkt sich die derzeitige Energiekrise aus? Sabine Herlitschka, Chefin von Infineon Austria, über große Aufgaben und mögliche Auswege.

"Wiener Zeitung": Frau Herlitschka, der Gasfluss durch Nord Stream 1 liegt seit Montag auf null. Es könnte sein, dass Russland nach dem Ende der derzeitigen Wartung am 21. Juli kein Gas mehr liefert. Ist Infineon darauf vorbereitet?

Sabine Herlitschka: Unser Strom ist seit 2013 ausschließlich grün
und wir gehören nicht zu den heimischen Großabnehmern. Aber auch wir sind sehr wohl betroffen. Wenn bei uns das Gas ausfällt, hat das substanzielle Auswirkungen. Mit der E-Control stehen wir daher im Austausch.

Wie hoch ist der Anteil von Gas bei der Energieversorgung von Infineon?

Unser Gesamtbedarf an Gas beträgt noch drei Prozent. Es handelt sich dabei um Prozessgas für die Produktion. Wir brauchen Erdgas zwar nur in einem geringen Ausmaß, aber ohne geht es auch nicht.

Was wäre eine Alternative zu Gas?

Eine Einschränkung der Erdgasversorgung hätte auf alle Fälle Auswirkungen auf unsere Produktion, weil man Gas in diesem Einsatzbereich nicht leicht ersetzen kann. Wir arbeiten mit Hochdruck an Alternativen, um Erdgas mittelfristig ersetzen zu können. Konkrete Details kann ich dazu noch nicht nennen.

Die EU-Sanktionen gegen Russland bekommen wir auch selbst zu spüren. Sind wir nun in einer Sackgasse oder haben wir den notwendigen Impuls, um die europäische Wirtschaft auf gesunde und nachhaltige Beine zu stellen?

Ich halte es wie Wifo-Chef Gabriel Felbermayr. Als er vor kurzem in der ZiB 2 gefragt wurde, ob die Sanktionen ein Bumerang sind, antwortete er mit einem Zahlenvergleich. Demnach schrumpft Russlands Wirtschaft derzeit in einer Größenordnung von 8 bis 10 Prozent, wir wachsen hingegen um 2 bis 4 Prozent. Der russische Angriffskrieg ist schrecklich. Er führt aber dazu, dass die notwendige Transformation zu nachhaltigem Energiemanagement und Klimaneutralität mit Nachdruck betrieben werden muss. Den Impuls gilt es jetzt zu nutzen.

Österreich will bis 2030 nur noch grünen Strom erzeugen und bis 2040 klimaneutral sein. Sind das realistische Ziele?

Es sind nur acht Jahre bis zum Jahr 2030, das ist sehr nahe. Da gilt es rasch die richtigen Schritte zu setzen. Das Bedauerliche ist, dass es nicht die eine Schraube gibt, an der man drehen kann. Das ist eine riesige Aufgabe, auch im historischen Vergleich.

Wie können wir die Ziele erreichen?

Es gibt einen Weg, der immer funktioniert. Man setzt sich ein ambitioniertes Ziel, erarbeitet eine gute Strategie, legt einen Plan fest und setzt dann um. Nur Ziele setzen und diskutieren ist zu wenig. Wir müssen ins Tun kommen, und zwar schnell. Wir brauchen eine Weiterentwicklung der Energie-Infrastruktur mit Windrädern, Photovoltaik-Anlagen, Biogas und Wasserkraft.

Auf Instagram, Linked In oder Facebook präsentieren Menschen immer mehr kreative Lösungen, eine Art Energiewende im Kleinen. Zuletzt zeigte jemand seinen Esstisch auf dem Balkon, den er mit Solarpaneelen bestückt hat. Kommt hier etwas in Gange? Könnte Europa von dieser Krise sogar profitieren?

Europa ist immer dann besonders stark, wenn es wirklich schwierig wird. Für die Transformation braucht es Aktivitäten auf allen Ebenen. Da müssen jetzt alle zusammenhelfen und mitmachen, Privatpersonen, Industrie und Politik. Die Industrie ist Teil der Lösung, zum Beispiel in der Mikroelektronik. Die von Infineon in Villach produzierten 8,7 Milliarden Chips im Jahr 2021 tragen dazu bei, dass man 7 Millionen Tonnen CO2 einspart. Das ist rund die Hälfte der jährlichen Pkw-Emissionen in Österreich.

Auch, wenn wir langsam in die richtige Richtung einbiegen, auf dem Weg zu den Zielen gibt es eine Menge Herausforderungen. Eine davon sind die steigenden Energiepreise. Sie verteuern die Produktion. Wie geht Infineon mit diesem Nachteil im globalen Wettbewerb um?

"Es gibt einen Mangel an Menschen, die sich für technische und naturwissenschaftliche Fächer interessieren", sagt Sabine Herlitschka. 
- © Infineon Austria

"Es gibt einen Mangel an Menschen, die sich für technische und naturwissenschaftliche Fächer interessieren", sagt Sabine Herlitschka.

- © Infineon Austria

Das ist ein massiver Nachteil, vor allem im Vergleich mit den USA. Wir müssen noch effizienter, innovativer und schneller arbeiten, um in diesem Wettbewerb zu bestehen. Auch, wenn wir darüber sprechen, dass regional gut ist, man darf nicht vergessen, dass die Globalisierung viele Vorteile gebracht hat und bringt.

Welche Vorteile meinen Sie?

Viele Güter sind verfügbar und auch preisgünstiger für Konsumentinnen und Konsumenten. Es braucht eine gute Balance zwischen regional und global.

Das heißt, dem Trend in Richtung Europäisierung statt Globalisierung stehen Sie skeptisch gegenüber?

Gerade jetzt braucht es ein starkes Europa. Als Beispiel: Im Bereich der Leistungselektronik, wir sagen dazu Energiesparchips, sind wir mit 20 Prozent Weltmarktführer. Das nächste Unternehmen folgt mit 10 Prozent. Stärken liegen in Europa auch in der Sensorik oder Cybersecurity. Diese Bereiche gilt es weiter zu stärken. Aber es wird nicht funktionieren, wenn wir alles aus Asien zurück nach Europa holen. Das ist zu teuer. Unser Ziel muss es weiterhin sein, im globalen Wettbewerb eine starke Rolle zu spielen.

Eine weitere Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Viele offene Stellen können nicht besetzt werden. Welche Mitarbeiter suchen Sie am dringendsten?

Wir haben derzeit 280 offene Stellen an den Standorten in Österreich. Gesucht wird in den Bereichen Elektro- und Verfahrenstechnik, Physik, Chemie, Materialwissenschaften, Data Sciences und IT. Auf allen Ebenen von der HTL bis zum Dissertanten.

Gibt es zu wenige Menschen, die dafür ausgebildet sind, oder fehlt es an Anreizen? Etwa eine Verkürzung der Arbeitszeit?

Es gibt einen Mangel an Menschen, die sich für naturwissenschaftliche und technische Fächer interessieren. Das betrifft junge Menschen und besonders Frauen. Wir kooperieren daher mit Kindergärten, Schulen, FHs und Universitäten, um die Begeisterung für Technik zu stärken. Viele junge Menschen wollen bei ihrer Arbeit einen sinnstiftenden Beitrag leisten. Genau das bietet Technologie mit wesentlichen Antworten auf Fragen wie etwa den Klimawandel.

Haben Sie eine Empfehlung für Eltern, die ihre Kinder in diese Richtung unterstützen wollen?

Eine sehr gute Möglichkeit sind Praktika. Wir haben im Sommer rund 500 Praktikantinnen und Praktikanten, zudem Girls Days, Smart-Learning-Klassen in den fünf Kärntner HTLs mit Themen wie etwa Robotik. Wir müssen in der Bildung Neues ausprobieren. Mit mehr vom Gleichen werden wir nicht weiterkommen.

Welche Rolle spielen Roboter beim Auffüllen der Arbeitsplätze, die nicht mit Menschen besetzt werden können?

Wir treiben die Automatisierung schon seit langem voran, weil der Fachkräftemangel kein neues Phänomen ist. Ich würde es umdrehen. Durch die Automatisierung ist es uns gelungen, mit dem Fachkräftemangel zurande zu kommen. Der Trend wird sich fortsetzen. Ohne Automatisierung wäre das Thema Fachkräftemangel ein viel massiveres.

Im Umgang mit der Krise ist die österreichische Politik uneins. Nun geht auch ein Riss durch die größte Regierungspartei ÖVP, die Länder stellen sich gegen den Bundeskanzler. Was sagen Sie dazu?

Keiner von uns war bisher in einer globalen Pandemie, auch der Krieg ist seit langer Zeit zurück in Europa. Ich finde es zu einfach, wenn man im Nachhinein gescheit ist. Die Fragen sind komplex, da gibt es keine einfachen Antworten. Aber klar ist, Krise heißt Fokus und Umsetzung mit Geschwindigkeit. Wir brauchen dringend einen Masterplan für die Energieinfrastruktur und Netze, viel schnellere Genehmigungsverfahren, einen Gesamt-Masterplan Energie. Der Krieg begann im Februar. Jetzt wird diskutiert, wie Europa gemeinsam Gas einkauft. Ich hoffe, da passiert schon einiges.

Infineon eröffnete zuletzt ein Testlabor für Quantencomputer. Wie schnell kann es gehen, dass einen Quantencomputer Made in Austria gibt?

In diesen Bereich werden mittlerweile Milliardenbeträge investiert, auch Europa ist hier sehr aktiv. Österreich befindet sich in einer sehr günstigen Situation, weil wir auf herausragendes Know-how vor allem an den Universitäten in Wien und in Innsbruck zurückgreifen können. Unser Ziel ist es, mit Forschungspartnern einen miniaturisierten Quantencomputer zu entwickeln. Ich hoffe, die Marktreife gelingt in den nächsten wenigen Jahren.

Welche Vorteile erwarten Sie sich davon?

Ein Quantencomputer bringt viel Veränderung, zum Beispiel im Energiemanagement. Konsumenten speisen immer häufiger Energie aus Photovoltaik oder Wärmepumpen ins Netz ein und nehmen auch Energie wieder raus, je nach Tages- und Jahreszeit. Das wird die Rechenmöglichkeiten übersteigen, die wir im Moment haben. Ein Quantencomputer kann Rechenvorgänge parallelisieren und daher viel komplexere Fragestellungen beantworten.

Was sehen Sie, wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen?

Vor wenigen Jahren gab es das Thema Ozonloch. Jeden Sommer ging es darum, wie groß es schon wieder geworden ist. Nun hört man kaum mehr davon, weil es in der Zwischenzeit kleiner geworden ist. Wir haben es also geschafft, mit vielen Maßnahmen, eine positive Veränderung herbeizuführen. Jetzt stehen wir wieder vor großen Aufgaben und Herausforderungen: Doch wir haben Technologien bei der Hand, die uns als Werkzeuge dienen können. Und es werden immer mehr entwickelt. Deswegen bin ich überzeugt: Natürlich schaffen wir das. Wenn wir es tun. Frei nach Erich Kästner, es gibt nichts Gutes, außer man tut es.