Man müsse auch in turbulenten Zeiten in die Zukunft schauen, leitet der Direktor des Instituts für Höhere Studien IHS, Klaus Neusser, die mittelfristige Konjunkturprognose der Wirtschaftsforscher am Donnerstag vor Journalisten in Wien ein. Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs orten die Ökonomen in einem potenziellen Gaslieferstopp, im Ukraine-Krieg und Lieferketten-Problemen sowie weiteren Corona-Einschränkungen.

"Sehr gute Nachrichten" hat Prognoseleiter Helmut Hofer: Man erwarte ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,8 Prozent zwischen 2022 und 2026. Auf den ersten Blick klinge das zwar nach nicht viel, fügt er hinzu. Aber über mehrere Jahre hinweg sei dies durchaus beachtlich - verglichen mit den Wachstumsraten von 2017 bis 2021, die bei 0,8 Prozent lagen.

Allerdings basieren diese Zahlen auf einer Normalauslastung der Faktoren Arbeit, Produktion und Kapital, betont er. Das laufende Jahr 2022 sei nur ein Ausreißer, mit seinen 3,8 Prozent Wachstum, die auf Aufholprozesse nach den Corona-Einschränkungen zurückzuführen seien.

Arbeitsmarkt im Umbruch

Warnend äußert Hofer sich jedoch zum heimischen Arbeitsmarkt. Hier wirke sich die Überalterung aus, die geburtenreichen Jahrgänge gehen nun in Pension, Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland - wie einst die EU-Osterweiterung - gebe es keine mehr. Und bei den derzeit offenen Stellen fehle es an entsprechender Qualifikation der verfügbaren Arbeitssuchenden. "Wir brauchen mehr präventive Arbeitsmarktpolitik, Qualifizierungsmaßnahmen und müssen dafür sorgen, dass die Schulabgänger gut in den Arbeitsmarkt hineinkommen", erklärt Hofer.

Teuerung bleibt Thema

In Sachen Teuerung dürfte sich die Lage in den nächsten fünf Jahren langsam entspannen. Heuer erwartet man noch 7,5 Prozent. Vier Prozent sagen die Ökonomen für die Jahre bis 2026 im Schnitt voraus. "Das bedeutet nicht, dass die Preise sinken, sondern dass sie nicht mehr so schnell ansteigen", so Hofer.

Die Rohölpreise werden sich 2023 wohl stabilisieren, ebenso die Lieferketten. Hohe Preise bei Lebensmittel und Strom werden allerdings die Preise bei den Unternehmen ebenso wie die Lohnstückkosten weiter antreiben.

Bleibe die Inflation länger hoch, bestehe auch das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale. Der Ökonom erwartet sich jedoch für 2026 schließlich ein Absinken der Inflation auf 2,5 Prozent.

Gaslieferstopp berechnet

Auch einem möglichen künftigen Gaslieferstopp hat sich das IHS gewidmet. Dieser trat zwar am Donnerstag (noch) nicht ein, aber IHS-Ökonom Michael Reiter skizziert mögliche Folgen so: Bei einem Lieferstopp und einer Einsparung des Gasverbrauchs in Österreich um 27 Prozent sowie Spotmarkt-Preisen von 300 Euro pro Megawattstunde (MWh) rechnet das IHS mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von bis zu drei Prozent. Das sei zwar "kein Herzinfarkt für die Wirtschaft" kommentiert Reiter diverse Schlagzeilen. Bei hohen Gaspreisen werde es allerdings zu einem Vermögensverlust im Land kommen.

Sparanreize gegen Preishoch

Der Ökonom fordert daher, Einsparungspotenziale zu forcieren. Private Haushalte könnten bis zu 20 Prozent Gas einsparen helfen. Allerdings würden sie das nur tun, wenn man ihnen rechtzeitig vermittle, dass der vielzitierte "Preisdeckel" auf den Normverbrauch nur eine kleine Menge des Bedarfes abfedere. Sparanreize müssten daher deutlich kommuniziert werden.

In der Produktion orten die Ökonomen ein Gas-Sparpotenzial von ebenfalls 20 Prozent - jedoch nur bei Produktionseinschränkungen. Ein Drittel des Gasbedarfs könne in der Stromproduktion durch den Umstieg auf Öl eingespart werden, bis zu 35 Prozent in anderen Wirtschaftsbereichen.

Sparanreize seien nicht nur innerhalb Österreichs, sondern in der gesamten EU wichtig. Bei weniger Nachfrage würden nämlich die Gaspreise sinken, so Reiter. Die EU müsse daher für einen konzertierten Gas-Einkauf sorgen.

Im technischen Fortschritt rund um die Energiewende liege jedenfalls viel Potenzial längerfristig den Wohlstand zu sichern, betont IHS-Chef Neusser.

Abschließend warnt er davor, nur weil derzeit Gas fließe, keine Vorkehrungen für einen Lieferstopp zu treffen, denn: "Herr Putin spielt Spiele mit uns! Wir müssen uns auf den Worst Case vorbereiten und uns freuen, wenn er nicht eintritt."