Statistisch klingt es gar nicht so schlimm: Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Österreich steigt und nähert sich dem Niveau von vor der Corona-Krise an. Denn dank der Regierungsmaßnahmen konnte die Zahl der erwarteten Firmenpleiten in den vergangenen zwei Jahren deutlich gesenkt beziehungsweise abgewendet werden. 2022 ändert sich die Lage. Laut des Kreditschutzverbandes KSV1870 waren im ersten Halbjahr 2.345 Unternehmen von einer Insolvenz betroffen. Das sind um rund 121 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres - und etwa 200 Insolvenzfälle weniger als im Jahr 2019, dem letzten Jahr vor Ausbruch der Corona-Krise.


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"Isoliert betrachtet wäre das aus gesamtwirtschaftlicher Sicht noch nicht gefährlich, weil vor allem Kleinbetriebe betroffen sind", sagt der Geschäftsführer der Kreditversicherungsmaklergesellschaft A.C.I.C., Peter Androsch. "Aufgrund des Zusammentreffens weiterer brandgefährlicher Faktoren mutiert das aber zum Vorboten für eine größere Welle, die bald auch Großbetriebe und den Mittelstand erfassen dürfte", sagt Androsch. Die Branchen, in denen es enger werden könnte, sind laut Androsch der stationäre Handel, der Tourismus sowie das Baugewerbe. "Auf der einen Seite ist der private Konsum inflationsbedingt rückläufig, auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach der Verfügbarkeit der Waren und der Preise, die nicht mehr akzeptiert werden", so Androsch.

"Insolvenzplan vorbereiten"

Die Insolvenzen im ersten Halbjahr 2022 hatten noch nichts mit den Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine, den Teuerungen und der Inflation zu tun, doch auch hier waren die genannten Branchen am meisten betroffen. Von einem "Platzen" einer Corona-Blase könne aber nicht die Rede sein, das ergab eine Studie der Technischen Universität Wien im Auftrag des Gläubigerschutzverbandes Creditreform. Vielmehr habe sich die Corona-Blase aufgrund der günstigen Konjunktur und der weiteren staatlichen Hilfspakete langsam aufgelöst, sagt TU-Professor Walter Schwaiger. Das Ausfallsrisiko beträgt nun 1,6 Prozent. Rund 5700 Unternehmen seien demnach ausfalls- beziehungsweise insolvenzgefährdet. Um eine Insolvenz zu vermeiden, ist es dem KSV-Experten Karl-Heinz Götze zufolge wichtig, einen Liquiditätsplan zu haben. "Wenn es schwierig wird, zuerst auf die Liquidität schauen." Unternehmen müssten eine Art Inventur bei sich vornehmen und Produkte weglassen, mit denen sie wenig verdienen oder sogar draufzahlen, notfalls auch mit weniger Mitarbeitern, "denn da finden viele Quersubventionierungen statt, weil man sich nicht eingestehen will, dass manche Bereiche nicht profitabel sind, oder weil sie bei Unternehmensgründung wichtig waren", so Götze. Investitionen, die nicht unbedingt erforderlich seien, könnten verschoben werden. Wenn diese Maßnahmen nicht helfen, rät der Experte, eine Insolvenz mit einem Berater vorzubereiten. "Gut vorbereitete Insolvenzen sind meist erfolgreicher", so Götze. Er sehe oft, dass sich die Unternehmen nicht einmal mehr die 4.000 Euro für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nicht leisten können, "da geht auch viel Vermögen verloren", so Götze. Androsch vom A.C.I.C. rät Unternehmen zu "Debitorenmanagement", also keine Zahlungszielverlängerung ohne vorherige Bonitätsprüfung zu machen. Diese sollte eine Kreditversicherungsgesellschaft durchführen, setzt sich Androsch für seine Branche ein.

Schwierige Finanzierung

Mit der Zinswende, die die Europäische Zentralbank vergangene Woche mit ihrer Leitzinsanhebung von 0,5 Prozentpunkten eingeläutet hat, steigen voraussichtlich auch bald die Kosten für Kredite. Da wird es laut den befragten Experten schwieriger für die Unternehmen, sowohl die Altlasten zu bedienen als auch den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu finanzieren - wenn die Banken auf der Bremse stehen, noch mehr. Bereits jetzt hätten die Banken ihre internen Kreditvergaberichtlinien verschärft, sagt Androsch. Er rechnet damit, "dass die Vorgaben in der zweiten Jahreshälfte noch restriktiver werden".