Die Teuerung hat im Juli noch mehr Fahrt aufgenommen. Nach 8,7 Prozent im Juni dürfte die Inflationsrate im Juli auf durchschnittlich 9,2 Prozent gestiegen sein, wie aus Berechnungen der Statistik Austria im Rahmen einer Schnellschätzung hervorgeht. Das ist der höchste Wert seit März 1975.


"Während es erneut Preisschübe bei der Haushaltsenergie und in der Gastronomie gibt, verharren die Preise für Lebensmittel und Treibstoffe auf hohem Niveau", so Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas am Freitag laut einer Mitteilung.

Nachdem am Mittwoch beim Sommerministerrat von ÖVP und Grünen in Mauerbach für den Herbst eine Strompreisbremse in Form eines Rabatts auf die Stromrechnung vereinbart wurde, kam es am Freitag zu einem Treffen zwischen Bundeskanzler ÖVP-Obmann Karl Nehammer und dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), der im zweiten Halbjahr 2022 auch Vorsitzender der Konferenz der Landeshauptleute ist.

Das Arbeitsgespräch zwischen den beiden Spitzenpolitikern diente vor allem einem Gedankenaustausch über Maßnahmen zur Abfederung der Teuerung. Zentrales Thema sei die "Eindämmung der hohen Alltagskosten für die Österreicher, die durch steigende Energiepreise und Inflation verursacht werden", gewesen, teilte Ludwig danach mit. Laut Nehammer ging es "um die Teuerung und andere aktuelle politische Themen". Der Kanzler dankte ausdrücklich für "den Gedankenaustausch und das gute Gespräch".

Das Treffen am Freitag zwischen Nehammer und Ludwig diente der Vorbereitung eines Bund-Länder-Treffens. Eine Einladung dazu gibt es ebenfalls bereits aus dem Kanzleramt. Dieses werde aber entgegen ersten Plänen nun doch nicht schon nächste Woche oder gar am Montag stattfinden. Begründung: es habe erst am vergangenen Montag die virtuelle Aussprache der Bundesregierung mit den Ländern zur Pandemie und zu der ab 1. August geltenden Abschaffung der Quarantäne für Corona-infizierte gegeben.

Als möglicher Grund für einen späteren Termin gilt außerdem, dass bis dahin noch etwaige zusätzliche Maßnahmen festgelegt werden können. Mitte August wird außerdem die endgültige Höhe der Inflation im Juli von der Statistik Austria bekannt gegeben ÖVP-Chef Nehammer hat schon vor mehr als einer Woche angekündigt, dass er seinen für Anfang August geplanten Urlaub nicht antreten werde. Als Begründung führte er an, dass die Maßnahmen zur Linderung der Teuerung Vorrang hätten.

Erste Zinserhöhung seit 11 Jahren

Die für Eurozonen-Vergleiche ermittelte Harmonisierte Inflationsrate (HVPI) für Österreich betrug im Juli gemäß vorläufiger Schnellschätzung 9,3 Prozent. Die Europäischen Zentralbank (EZB) sieht eigentlich eine jährliche Teuerungsrate von 2 Prozent als ideal an. Um die Inflation zu dämpfen, hatte der EZB-Rat am 21. Juli die erste Zinserhöhung seit elf Jahren beschlossen. Eine höhere Inflation schmälert die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro weniger leisten können.

Die Oppositionsparteien SPÖ, FPÖ und NEOS fordern von der Regierung angesichts der hohen Inflation "echte Entlastungsschritte". Die Sozialdemokraten forderten erneut einen Preisdeckel auf Energie, befristete Mehrwertsteuersenkungen auf Strom, Gas, Sprit und Lebensmittel sowie ein Einfrieren der Mietpreise. Die Preisdeckel sollten mittels einer Besteuerung der Übergewinne der Energiekonzerne finanziert werden, so der stellvertretende SPÖ-Klubobmann Jörg Leichtfried am Freitag laut einer Aussendung.

Auch die FPÖ ist für einen Preisdeckel. Es brauche sofort das Herabsetzen oder zeitlich befristete gänzliche Streichen von Steuern auf Energie, Gas, Treibstoffe und Grundnahrungsmittel, forderte FPÖ-Obmann Herbert Kickl.

Aus Sicht von NEOS-Wirtschaftssprecher Gerald Loacker muss die Kalte Progression rückwirkend mit 1. Jänner 2022 vollständig abgeschafft werden.

Der Österreichische Gaspreisindex (ÖGPI) kennt ebenfalls weiterhin nur eine Richtung: Steil nach oben. Laut Energieagentur wird er im August im Vergleich zum Juli um 23 Prozent zulegen, gegenüber dem August 2021 liegt er gar um 323 Prozent höher. Der von der Energieagentur berechnete Index steigt im August 2022 auf 579,23 Punkte. In den vergangenen zwölf Monaten lag der ÖGPI im Schnitt bei 410,09 Punkten, teilte die Agentur heute in einer Aussendung mit.

Wachstum laut Wifo bei 4,7 Prozent

Laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo hat die heimische Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2022 gegenüber dem Vorquartal um 0,5 Prozent zugelegt, im Jahresvergleich lag das Plus bei 4,7 Prozent, gegenüber 2019 gab es einen Zuwachs von zwei Prozent. "Gesamtwirtschaftlich betrachtet, kühlte sich die Wachstumsdynamik jedoch im II. Quartal 2022 auf breiter Basis ab", so das Wifo in ihrer Schnellschätzung. Die stärksten Wachstumsimpulse kamen demnach aktuell von den Bereichen Beherbergung und Gaststättenwesen.

"Neben Zuwächsen in Dienstleistungsbereichen trug auch eine solide Entwicklung in der Industrie zum Wachstum bei. Auf der Nachfrageseite lieferten sowohl der Außenhandel als auch die Investitionen einen positiven Wachstumsbeitrag. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte gingen hingegen zurück", teilten die Wirtschaftsforscher am Freitag mit.

Die Wertschöpfung in der Industrie stieg gegenüber dem Vorquartal um 0,7 Prozent, in der Bauwirtschaft um 0,1 Prozent, im Handel ging die Wertschöpfung im zweiten Quartal zurück. "Spiegelbildlich sank die Konsumnachfrage der privaten Haushalte um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal", so das Wirtschaftsforschungsinstitut.

Die außenwirtschaftliche Dynamik sei im zweiten Quartal weiterhin gut verlaufen, besonders die Reiseverkehrsexporte hätten expandiert. Insgesamt seien die Exporte um 2,7 Prozent gestiegen. "Mit einem Zuwachs der Importe von 0,5 Prozent trug der Außenbeitrag positiv zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum bei", rechnete das Wifo vor. Die Investitionsnachfrage habe sich ebenfalls positiv entwickelt, so seien die Bruttoanlageinvestitionen im Vorquartalsvergleich um 1,2 Prozent gestiegen.

Inflation in der Eurozone auf 8,9 Prozent

Der Energiepreis-Schub infolge des Ukraine-Kriegs treibt die Inflation im Euro-Raum auf immer neue Rekordstände. Die Verbraucherpreise kletterten im Juli in der Eurozone binnen Jahresfrist um 8,9 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag nach einer ersten Schätzung mitteilte. Volkswirte hatten dagegen mit einer zum Juni unveränderten Rate von 8,6 Prozent gerechnet. Im Mai hatte die Teuerung bei 8,1 Prozent gelegen, im April bei 7,4 Prozent. Damit verfehlt die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Inflationsziel weiterhin deutlich. Die Währungshüter peilen zwei Prozent Teuerung als idealen Wert für die Wirtschaft in der 19-Länder-Gemeinschaft an.

Die Euro-Wächter um Notenbankchefin Christine Lagarde haben wegen des massiven Inflationsschubs bereits die Zinswende eingeleitet. Sie stemmten sich am Donnerstag vor einer Woche bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren mit einem unerwartet kräftigen Schritt gegen die ausufernde Teuerung. Die Euro-Wächter setzten den Leitzins gleich um einen halben Prozentpunkt auf 0,50 Prozent herauf. Die Zinsanhebung fiel damit doppelt so stark aus wie ursprünglich in Aussicht gestellt. Manche Währungshüter halten weitere kräftige Anhebungen für möglich. Die nächste Zinssitzung findet am 8. September in Frankfurt statt.

Laut Eurostat schossen im Juli die Preise für Energie zum Vorjahr um 39,7 Prozent in die Höhe, nach einem Plus von 42,0 Prozent im Juni. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 11,0 Prozent, die Preise für Dienstleistungen stiegen um 3,7 Prozent. (apa/Reuters)