Ein Viertel mehr Gewinn als in der Vorjahresperiode, solche Zahlen veröffentlicht jede Bank gerne. 1,14 Milliarden Euro Nettogewinn erlöste die Erste Group im ersten Halbjahr 2022 - 918 Millionen Euro waren es im Vergleichszeitraum 2021 gewesen. Auslöser dafür waren Zinserhöhungen und eine steigende Nachfrage nach Krediten. Erste-Chef Willibald Cernko sprach bei der Bilanzpräsentation am Montag vor Journalisten in Wien von einem Zwiespalt zwischen aktueller Nachrichtenlage - Ukraine-Krieg, Lieferkettenprobleme und Teuerung - und der dynamischen Geschäftsentwicklung, samt reger Nachfrage nach Finanzierungen.

Das Kreditvolumen der Gruppe stieg im ersten Halbjahr um 6,3 Prozent auf 191,5 Milliarden Euro, besonders Immobilien- und Unternehmenskredite waren gefragt. Gemeinsam mit Zinserhöhungen in Tschechien, Ungarn und Rumänien sorgte dies für eine Steigerung beim Zinsüberschuss von 15,9 Prozent auf 2,84 Milliarden Euro. Der Provisionsüberschuss legte um 10,5 Prozent auf 1,21 Milliarden Euro zu.

Wachstum ohne Gasstopp

Für das zweite Halbjahr ist man bei der Erste Group verhalten optimistisch, auch wenn ein niedrigeres Wachstum als zuletzt erwartet wird - vorausgesetzt das Gas aus Russland fließt weiterhin. Einen kompletten Gasstopp hält der Erste-Chef für unwahrscheinlich, dies würde eine Rezession verursachen. Er hofft auf "Restvernunft" bei allen Beteiligten, die doch auch alle ein "Interesse daran haben, dass das Gas fließt".

Als "Partycrasher" bezeichnete Cernko hingegen den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in allen Ländern. Damit müsse man sich künftig verstärkt auseinandersetzen.

Akzente will die Erste Group, die stark in Mittel- und Osteuropa vertreten ist, auf leistbares Wohnen setzen. Bis 2030 plant sie in CEE bis zu 15.000 Wohnungen im geförderten Segment zu finanzieren. Das österreichische Erfolgsmodell "gemeinnütziger Wohnbau" soll nach Zentral- und Osteuropa "exportiert" werden, wo sozialer Wohnbau bislang nur zwei bis sechs Prozent des Wohnungsangebotes ausmacht.

In Österreich will sich die Erste, trotz der mit 1. August verschärften Kreditrichtlinien - etwa bei der Eigenkapitalquote -, darauf konzentrieren, besonders jungen Menschen leistbaren Wohnraum im Eigentum zu ermöglichen. Zwar sei es möglich, auch mit den neuen Vorgaben Kredite mit weniger Eigenmittel zu vergeben, allerdings fortan nur mehr als Ausnahme - "das tut uns weh", formuliert es Erste-Risikovorständin Alexandra Habeler-Drabek.

Dazu passend will sich die Bank in Österreich wie in den CEE-Ländern dem Thema "Financial Health" widmen und auch die Finanzbildung fördern. Forciert wird in diesem Zusammenhang auch die digitale Schiene "George", über die nicht nur Kredite und Versicherungen abgeschlossen werden können. Hier sehe man sehr starkes Wachstum auf allen Märkten. Künftig will die Erste über diese Schiene auch Business-Kunden über Verbesserungsmöglichkeiten ihrer Unternehmensbonität informieren.

Risiko und Solidarität

Vorsichtig hingegen verhält sich die Erste Group in Sachen Risikovorsorge. Zwar seien jene 630 Millionen Euro, die für Corona-Auswirkungen bereitgestellt wurden, mittlerweile obsolet. 500 Millionen Euro hat man jedoch sogleich wieder für künftige Kreditausfälle, etwa aufgrund von Krieg, Lieferketten und Energiekosten-Anstieg, zu Seite gelegt.

Vorsichtig zeigt man sich bei der Erste Group auch hinsichtlich Gewinnabschöpfungen durch die öffentliche Hand für eine soziale Abfederung der Teuerung. Solidarität sei zwar nun gefordert, dafür habe man auch ein "tiefes Verständnis", so Cernko. Kernaufgabe der Banken sei es jedoch, für Liquidität zu sorgen. Staatliche Maßnahmen dürften daher nur punktuell, sozial treffsicher und zeitlich beschränkt erfolgen, dann werde man sich der Diskussion nicht verwehren. "Aber jeder Euro kann nur einmal verteilt werden", warnt er.

Als Dividende für 2022 wird 1,90 Euro je Aktie geplant.