Mehr als fünf Monate wütet der Krieg in der Ukraine bereits, gleichzeitig zieht der Westen die Sanktionsschraube gegen Moskau immer fester an. Die in Österreich und Osteuropa breit aufgestellte Raiffeisen Bank International (RBI) hat sich unterdessen noch nicht entschieden, wie es mit ihrem Russland-Geschäft – der langjährigen Cashcow des Konzerns – weitergehen soll. Vorstandschef Johann Strobl betonte am Dienstag, dass an strategischen Optionen gearbeitet werde. "Aufgrund der komplexen Situation und der sich laufend ändernden Marktbedingungen in Russland wird dieser Prozess allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen", sagte der Banker bei der Präsentation der Halbjahresbilanz seines Hauses.

Damit ist nach wie vor unklar, ob die RBI Russland den Rücken kehrt. Ein Rückzug käme die Wiener Großbank jedenfalls sehr teuer und hätte wohl eine Milliardenabschreibung zur Folge. Ihr Kreditvolumen in Russland, gemessen in lokaler Währung, hat das Institut mit dem Giebelkreuz-Logo inzwischen aber bereits deutlich zurückgefahren – seit dem ersten Quartal um gut ein Fünftel. Demnach sei das Abbauziel weitgehend erreicht, so Strobl. In den kommenden Quartalen werde das Geschäft durch abreifende Verträge noch weiter schrumpfen.

Kurios ist indes, dass sich der Gewinn der russischen Tochterbank im ersten Halbjahr auf 630 Millionen Euro mehr als verdreifachte und deren Eigenkapital auf umgerechnet 4,3 Milliarden Euro anstieg. Hauptreiber dieser Entwicklung waren zum einen die kräftige Rubel-Aufwertung gegenüber dem Euro und zum anderen Maßnahmen der russischen Notenbank zu Devisenbeschränkungen und damit verbundenen Zwangskonvertierungen.

All das hat auch positiv auf die Gesamtbilanz des RBI-Konzerns durchgeschlagen. Unter dem Strich streifte die Bank in der ersten Jahreshälfte einen Gewinn von 1,712 Milliarden Euro ein, der mithin um 180 Prozent höher ausfiel als im gleichen Vorjahreszeitraum. Dazu anzumerken ist, dass ein Gewinn von 453 Millionen Euro aus dem Verkauf des Bulgarien-Geschäfts das Konzernergebnis ebenfalls aufgefettet hat.

Komfortabler Kapitalpolster

Auch bei der harten Kernkapitalquote, die in der Bankbranche als wichtigste Kennzahl für die Ausstattung mit Eigenkapital gilt, konnte die RBI bis Ende Juni zulegen – auf 13,4 Prozent (Ultimo 2021: 13,1 Prozent). Ihre Risikovorsorgen musste die Bank jedoch angesichts der anhaltend unsicheren Lage in Russland und der Ukraine weiter aufstocken. Dabei entfielen von insgesamt 561 Millionen Euro auf Russland 266 Millionen und auf die Ukraine 201 Millionen.

Da viele Beschäftigte der russischen Tochter um die Zukunft "ihrer" Bank bangen, gibt es dort derzeit viel Fluktuation. Die RBI sieht sich deshalb gezwungen, nach neuem Personal Ausschau zu halten. Dabei soll es um die Besetzung von fast 300 Stellen gehen. Zur Jahresmitte lag die Zahl der Beschäftigten in Russland bei rund 9.200, per Ende März waren es noch knapp 9.700 Mitarbeitende gewesen.

Alles in allem sind für die RBI rund 44.000 Menschen tätig, die gut 17 Millionen Kunden in rund 1.700 Filialen betreuen, das überwiegende Gros davon im Osten Europas. Für das zweite Halbjahr rechnet die Bank mit einem stabilen Kreditgeschäft – "mit weiterhin selektivem Wachstum in Zentral- und Südosteuropa". Im Konzern soll der "Return on equity", die Eigenkapitalrendite, im Gesamtjahr 2022 bei zumindest 15 Prozent liegen.