Fast die Hälfte des globalen CO2-Ausstoßes wird von den reichsten 10 Prozent verursacht. Gerecht erscheint diese Tatsache nicht. Aber wie erreicht man Klimagerechtigkeit, und ist ein gutes Leben für alle überhaupt möglich? Dieser Frage gingen die Teilnehmerinnen der "Wiener Zeitung"-Diskussionsreihe "Future Ethics" am Dienstagabend in Wien nach.

"Die Gerechtigkeitsdebatte hat viele Ebenen, und wir diskutieren sie auch auf vielen Ebenen", sagte Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz. "Der Klimaschutz als Prozess, die CO2-Emissionen so schnell wie möglich und so radikal wie möglich zu senken, wird nur dann gelingen, wenn dieser Übergang eine gerechte Transition ist", sagte Gewessler in Anlehnung an den EU-Klimakommissar Frans Timmermans.

Gewessler sah die Gerechtigkeitsdebatte auf zwei Ebenen: der sozialen, globalen und lokalen, sowie der Generationenfrage. Einerseits seien arme Menschen vom Klimawandel stärker betroffen, weil sie sich schlechter vor Wetterextremen schützen können, oder in unseren Breiten in schlechter gedämmten Wohnungen leben. Andererseits habe vieles davon, was wir heute erleben, Ursachen, die länger zurückliegen. "Die es am schlimmsten betreffen wird, sind heute vielleicht noch gar nicht geboren", sagte Gewessler.

Rechtsanwältin Michaela Krömer, die die erste Klimaklage gegen die Republik Österreich einbrachte, gab zu bedenken, dass es sich nicht jeder leisten könne, vor Gericht seine Rechte einzuklagen. "Soziale Ungerechtigkeit gibt es schon lange, in der Krise eskaliert es", so Krömer. Wie sei die Klimakrise zu lösen, wenn der Gesetzgeber säumig ist, bestimmte Dinge zu regeln und diese nicht einklagbar seien? Im Zuge der Klimadebatte müsse der Rahmen neu definiert werden, und das in einem Affentempo, "ohne die Gesellschaft zu spalten", so Krömer. Abgesehen von der Einklagbarkeit von Klimazielen wies sie auf die Notwendigkeit hin, die Steuergesetzgebung zu reformieren, Stichwort Erbschaftssteuer oder die seit 50 Jahren nicht angetastete Grundsteuer, um damit auch mehr Gerechtigkeit zu schaffen.

Industrie macht Tempo

Tempo, das ist auch von der Industrie gefordert - und diese unterstütze die Ziele, bis 2030 ausschließlich grünen Strom einzusetzen und bis 2040 klimaneutral zu werden, versicherte Sabine Herlitschka, CEO der Infineon Technologies Austria AG. Da gelte es, Aufgabe um Aufgabe zu bewältigen, "wie im Projektmanagement". "Wir brauchen noch mehr Empfinden für die Dringlichkeit", forderte sie. Es gebe viele Akteure und viele Schnittstellen, die es zusammenzubringen gelte, sagte Herlitschka.

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat die Klimakrise in den Hintergrund rücken lassen. Er werde uns aber in der Klimakrise voranbringen "zu hohen Kosten", sagte Herlitschka. Die Unternehmen tun alles, um die Transformation zu beschleunigen. "Die enorm gestiegenen Energiekosten sind für uns global gesehen ein Wettbewerbsnachteil", so die Unternehmerin.

Gewessler sagte, dass jetzt ersichtlich wird, dass man Energie nicht wie eine weitere commodity behandeln könne. Das werde auch in Brüssel zu diskutieren sein.

Der Green Deal der EU solle als Chance gesehen werden, sagte Herlitschka. "Jede Generation hat ihre Aufgabe gehabt, und wir haben jetzt diese. Die Lösungen haben wir, wir müssen sie jetzt radikal einsetzen".