Seit einer Woche bezieht Österreich Erdgas aus Italien. "Das ist in den 1970er Jahren zuletzt der Fall gewesen", sagt Harald Stindl, Geschäftsführer des Pipelinbetreibers Gas Connect Austria (GCA). In einem Jahr habe sich "alles verändert", so Stindl in einer Diskussionsrunde am Salzburg Europa Summit, der von 23. bis 25. Oktober im Kongress Salzburg stattfindet. Gas aus Russland kommt zwar noch nach Österreich, aber es ist ein Fünftel der Menge, die vor dem russischen Krieg in der Ukraine geflossen ist. "Wenn dieses Gas nicht kommt, wie füllen wir die Speicher nächsten Winter?", fragte Stindl.

Diese, nur teilweise rhetorisch gestellte Frage treibt derzeit ganz Europa um. Denn für diesen Winter sind die EU-Länder, und unter ihnen Österreich, gut versorgt. Bis zum nächsten Winter gilt es, die Bezugsquellen für Gas weiter zu diversifizieren und in erneuerbare Energien zu investieren. Dafür braucht es Ausbau der Infrastruktur, der Speicherkapazitäten und Netze, um Stabilität zu gewährleisten, sagte Michael Strugl, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Verbund. "Seit vielen Jahren weisen wir darauf hin, dass Versorgungssicherheit nicht von selber kommt und ihren Preis hat", so Strugl in der Diskussionsrunde zum Thema "Energie und Rohstoffe. Mehr Autonomie für Europa". Jetzt, in der Mangellage Gas, und der Anspannung, was die Stromversorgung betreffe, gebe es mehr Awareness dafür, so Strugl.

Stabilität vor Preis

Nicht nur die gewohnte Gasversorgung ist derzeit unterbrochen, sondern auch die Lieferkettensicherheit. "Kostenoptimierung ist nicht mehr der entscheidende Faktor, sondern Versorgungssicherheit", sagte Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP). Man müsse auf europäischer Ebene jene Produktion - aus China - zurückbringen, die strategisch wichtig sei, so Kocher, etwa Halbleiter- beziehungsweise die Mikroelektronik, sowie Produkte im Medizinsektor, wie etwa Penizillin.

"Man darf dabei nicht naiv sein und die Kosten übersehen", so Kocher, der auch darauf hinwies, dass manche Länder möglicherweise gar nicht wollen, dass der umweltschädliche Abbau von Rohstoffen wieder bei ihnen stattfinde. Die Antwort dafür wäre eine diversifizierte Lieferkette und eine bessere Steuerung ebendieser. Energiepolitik solle künftig auch unter dem außenpolitischen Aspekt betrachtet werden, so Kocher, und man müsse sich die Frage deutlicher stellen, woher die Rohstoffe kommen und unter welchen Bedingungen sie nach Europa gelangen.

Zum Thema Rohstoffe hat auch Serbien etwas zu bieten. Jovanka Atancković, Staatssekretärin im Ministerium für Bergbau und Energie, wies auf Lithiumvorkommen ihres Landes hin, die es zu gewinnen gelte. Man wolle jedoch die Wertschöpfung im Land lassen, und nicht nur den Rohstoff exportieren. "Wir wollen selber Lithium-Batterien bauen, oder sogar Elektorautos." Es gebe einen enormen Reformbedarf im Energiesektor - 70 Prozent des Stroms etwa kommt aus Kohlekraftwerken -, aber auch Investitionsbedarf, wenn es etwa darum gehe, die Gaslieferungen zu diversifizieren und auf grüne Technologien umzusteigen, so die Politikerin.

Eine solche Alternative wäre Wasserstoff, für dessen europaweite Beschaffung in Deutschland die H2Global Stiftung gegründet wurde. "Konzepte gibt es genug, wir müssen ins Tun kommen", sagte Kirsten Westphal von H2Global. Der Handel soll demnächst starten.