Es war der wärmste Oktober seit Messbeginn. Die Temperaturen lagen 3,5 Grad Celsius über dem langjährigen Schnitt", twitterte der Meteorologe Marcus Wadsak. Vom milden Wetter profitierten nicht nur Kaffees und Eisdielen. Es half auch, kräftig Energie einzusparen und Gas in die Speicher zu pumpen. Sie sind prall gefüllt, der Gaspreis ist wieder gesunken. Die Gasversorgung diesen Winter gilt als sicher. Doch wie sieht es im kommenden Jahr aus? Bleiben die Gaspreise weiter niedrig? Und wann kommen sie bei den Verbrauchern an? Fragen und Antworten zum Gaspreis.

  • Warum sind die Gaspreise jetzt wieder so stark gesunken?

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat den Gaspreis in die Höhe getrieben - kurzfristig auf knapp 350 Euro pro Megawattstunde (MWh) im Sommer. Dies entspricht einem Anstieg von knapp 1.000 Prozent gegenüber Juni 2021. Danach sind die Preise auf dem Day-Ahead-Spotmarkt wieder sukzessive gesunken. Derzeit liegt der Preis zwischen 80 und 100 Euro pro MWh - was im Vergleich zu den rund 30 Euro pro MWh vor dem Krieg immer noch sehr viel ist. Die warmen Temperaturen im Oktober als auch im November sind ein Hauptgrund für die gesunkenen Preise. Zudem übersteigt das Angebot derzeit die Nachfrage. Vor den Küsten Portugals und Spaniens fahren etliche mit dem Flüssiggas LNG (Liquified Natural Gas) geladene Tanker und können ihre Fracht nicht entladen, weil die Terminals voll sind. Das sieht man auch daran, dass derzeit Speicher noch immer mit Gas befüllt werden - zu dieser Jahreszeit wird für gewöhnlich Gas aus den Speichern entnommen.

  • Bleiben die Preise weiterhin so niedrig?

Das hängt davon ab, ob es ein kalter oder warmer Winter wird. Die Gas-Futures für das erste Quartal 2023 liegen bei 120 Euro pro MWh, also schon wieder deutlich höher als aktuell. "Der Preis könnte noch stark steigen", sagt Energieexperte Alfred Schuch. Im Sommer gebe es kaum Möglichkeiten zum Einsparen von Gas. Auswirkungen auf den Preis hat auch die Situation in Asien. "China hat heuer 18 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas LNG weniger verbraucht, das Gas war am Weltmarkt verfügbar. Sonst wären die Gaspreise noch höher gewesen", sagt Schuch.

  • Wann kommen die nun niedrigeren Preise bei den Verbrauchern an?

Zunächst hängt der Preis vom jeweiligen Vertrag ab. Verträge mit Preisgarantie haben zum Beispiel ein Jahr einen fixen Preis und werden erst danach an den aktuellen Marktpreis angepasst. Bei sogenannten Floating-Tarifen kommen sinkende Marktpreise schneller an - aber eben auch die massiven Steigerungen wie jene im Sommer. Energieversorger kaufen größtenteils langfristig ein und versorgen sich nur zu kleinem Teil mit Gas vom kurzfristigen Spotmarkt. "Solche Geschäfte brauchen wir im kleinen Ausmaß zur Regulierung der Kraftwerke", sagt Wien-Energie-Sprecherin Lisa Grohs. Bis also gesunkene Preise bei den Konsumenten ankommen, wird es noch länger dauern. "Spotmarktreduktionen kommen nicht bei den Kunden an, sonst würden auch die Steigerungen sofort ankommen", sagt Grohs. Großkunden und die Industrie können flexibler agieren, weil sie am aktuellen Markt einkaufen und so rascher von niedrigeren Preisen profitieren.

  • Reicht das Gas in den Speichern, um durch den Winter zu kommen?

Die Gasspeicher sind mit Stand Freitag (11.11.) zu 94,61 Prozent gefüllt und werden stetig weiterbefüllt. Rund 60 Prozent dieses Gases ist für Österreich bestimmt. Laut Berechnungen von Schuch hat sich Österreich durch den bisher sehr warmen Herbst bis zu 400 Millionen Kubikmeter Gas im Vergleich zu einem durchschnittlichen Jahr gespart. Das entspricht rund vier Prozent des Jahresverbrauchs. Dennoch muss mit dem Gas sparsam umgegangen werden. Für diese Heizperiode bis Ende März wird das Gas auf jeden Fall reichen. Aber es kommt darauf an, ob in den kommenden sechs Monaten und danach noch Gas aus Russland geliefert wird. Wird im Winter sehr viel Gas entnommen und ist der Speicherstand danach extrem niedrig, wird es schwer, die Speicher im Sommer wieder aufzufüllen - insbesondere bei Ausfall der russischen Lieferungen. "Wir schaffen nicht genug Gas her, weil die technischen Kapazitäten ausgelastet sind und es auch derzeit nicht genug Verflüssigungsterminals für Erdgas gibt", sagt Schuch.

  • Jetzt kommt weniger Gas aus Russland als früher. Woher kommt das Gas für die EU jetzt?

Der Anteil russischer Gasimporte in die EU ist von 45 Prozent im vergangenen Jahr auf rund sieben Prozent im September 2022 gesunken. Aktuell gelangt über zwei Pipelines noch russisches Gas in die EU, rund 65 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Das Gas kommt derzeit vor allem aus Norwegen, Algerien, Aserbaidschan und über die LNG-Regasifizierungsanlagen in der EU inklusive Vereinigtes Königreich. In den ersten acht Monaten 2022 stiegen die Einfuhren von nichtrussischem Flüssiggas gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 35 Milliarden Kubikmeter.

  • Kanzler Karl Nehammer hat den Kauf einer Schiffsladung Flüssiggas in den Emiraten vor kurzem als großen Erfolg angepriesen. Wie sehr hilft diese Menge tatsächlich? Und wie gelangt sie überhaupt nach Österreich?

90 Millionen Kubikmeter Flüssiggas sollen für die Heizsaison 2023/24 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Österreich geliefert werden. Das entspricht rund einem Prozent des jährlichen Gasverbrauchs. "Trotz aller Kritik an der Regierung ist es ein verdammt wichtiger Beitrag. Wir müssen alles versuchen, um jeden Kubikmeter Gas zu bekommen", sagt Schuch. Das Flüssiggas kommt per Schiff nach Rotterdam. Dort wird es regasifiziert und per Pipeline nach Österreich gepumpt.

  • Wie sinnvoll wäre es, Gas- und Strompreis voneinander zu entkoppeln?

Der Strompreis ist an den Gaspreis gekoppelt. Man spricht von der sogenannten "Merit-order". Der Preis wird bestimmt durch das letzte Kraftwerk, das man benötigt. Ein Beispiel: Man braucht 1.000 Megawatt Leistung. 990 Megawatt können durch erneuerbare Energien abgedeckt werden. Für die letzten zehn Megawatt braucht man jedoch ein Gaskraftwerk. Der Preis für diese zehn Megawatt setzt den Gesamtpreis fest. Die teuerste Art, Strom zu erzeugen, ist also mittels Erdgas. Von der Arbeiterkammer bis zu Verbund-Chef Michael Strugl befürworteten viele eine Entkoppelung von Gas- und Strompreis. "Es wäre sinnvoll. Die Merit-order ist ein Relikt aus der Vergangenheit", sagt Schuch. Es werden immer mehr Windräder und Photovoltaik-Anlagen gebaut, die Effizienz dieser Anlagen steigt. Der Preisfindungsmechanismus müsse an die zukünftige Situation angepasst werden, da sonst ein Kannibalisierungseffekt einsetzen wird. Dieser Prozess ist aber kein leichter und könnte Jahre in Anspruch nehmen. Laut Klimaschutzministerin Leonore Gewessler wird die EU-Kommission bis spätestens Anfang 2023 einen Vorschlag zur Entkopplung von Strom- und Gaspreis vorlegen.