Nach dem Winter ist vor dem Winter, lautet die Devise in der aktuellen Energiekrise. Denn abhängig davon, wie hoch der Gasverbrauch in Europa diesen Winter ist, wird es leichter - oder schwerer -, die Speicher 2023 zu füllen. "Österreich wird diesen Winter, auch einen kalten Winter, auf jeden Fall ohne Schrammen überstehen", sagte der Gasexperte Alfred Schuch in einem Vortrag zum Thema Gassicherheit bei der Strombörse EXAA Anfang der Woche. Dass der Speicherfüllstand im November 2023 wie gesetzlich vorgeschrieben 90 Prozent betragen wird, daran hat Schuch allerdings seine Zweifel. Dafür müsste Russland auch im nächsten Jahr Gas liefern, und es müssten andere optimistische Rahmenbedingungen eintreten, wie etwa Lieferungen von Flüssiggas (LNG) aus Rotterdam sowie Gaslieferungen aus Norwegen.

Er berechnete in unterschiedlichen Szenarien, wie Österreich, gemeinsam mit den Nachbarn Deutschland, Tschechien, Slowakei und Ungarn - die sogenannte Subregion -, durch diesen und den nächsten Winter kommen wird. "Falls kein Gas aus Russland kommt, dann werden wir auch unter ziemlich optimistischen Rahmenbedingungen und bei einer Verbrauchsreduktion von 15 Prozent nicht über einen Speicherfüllstand von 51 Prozent mit 1. November 2023 kommen", so Schuch. Sein Fazit: Ohne Einsparungen wird es nicht gehen. Österreich verbraucht laut E-Control in der Heizsaison von Oktober bis März 60 bis 65 Terawattstunden Gas.

Die EU-Kommission will den Gasverbrauch um 15 Prozent reduzieren, und Österreichs Klimaschutzministerium rief die "Mission 11" aus, um Verbraucher zu 11 Prozent Energie-Einsparungen zu bewegen. Nach Schuchs Meinung könnten diese Einsparungsziele besser beworben werden. Außerdem: "Österreich müsste schon jetzt versuchen, Erdgas in Italien für die Einspeichersaison im Sommer 2023 zu kaufen. Das ist der einzige verbliebene Weg in die Subregion - somit nach Österreich -, der ausreichend zusätzliche Transportkapazitäten von etwa sechs Milliarden Kubikmeter, aufs Jahr gerechnet, bietet. Da die OMV sich die Transportkapazitäten von Italien nach Österreich in der Größenordnung von sechs Milliarden Kubikmeter über die Pipeline TAG gesichert hat, bin ich mir ziemlich sicher, dass die OMV, aber auch andere relevante Player, schon in dieser Richtung unterwegs sind", sagte Schuch. Norwegen ist ebenfalls ein wichtiger Erdgaslieferant für Europa, allerdings produziert und transportiert der nordische Staat bereits am Anschlag, so Schuch.

G’riss um LNG

Europas Gasversorgung ist durch den Wegfall eines Großteils der Lieferungen aus Russland zu einem Fleckerlteppich geworden. Jetzt wird beispielsweise darüber nachgedacht, wie algerisches Gas nach Italien transportiert werden kann, weil es zwischen Algerien und Spanien, wo Pipelines bestehen, politische Spannungen wegen des Westsahara-Konflikts (Politikum zwischen Algerien und Marokko) gibt - und die Lieferungen stocken könnten.

LNG ist der Schlüssel zur Diversifizierung - ein "Game Changer", sagt Ronald Farmer, Gasexperte bei der Regulierungsbehörde E-Control, ebenfalls bei einem Vortrag bei der EXAA.

Österreichs Abhängigkeit von russischem Erdgas sank von 80 auf 50 Prozent. Russland reduzierte seine Lieferungen nach Europa seit seinem Angriff auf die Ukraine um 40 Prozent, Europa ersetzte die Lieferungen fast ausschließlich durch Flüssiggas. Dieses kommt vornehmlich aus den USA. Doch nicht nur Europa braucht Flüssiggas, vor allem Asien - China, Japan und Südkorea - macht den europäischen Staaten Konkurrenz. "China hatte mit dem Weiterverkauf von LNG mehr Einnahmen als mit Waren", sagte Schuch anekdotisch. Die gesunkene Nachfrage in China aufgrund der Corona-Lockdowns kam Europa zugute, mit deren Ende steigt allerdings die Produktion und damit der Gasbedarf.

Ab 2026 wird Europa mit Flüssiggas überschwemmt werden, unter anderem mit LNG aus Katar. Bis dahin wird es aber nach Ansicht des Experten ein umkämpfter Markt bleiben. Deutschland prescht mit einer LNG-Offensive vor. Am Dienstag wurde die erste schwimmende Speicher- und Regasifizierungsanlage (FSRU) in Wilhelmshaven eröffnet, die in weniger als 200 Tagen gebaut worden war. Bis Ende 2023 will Deutschland insgesamt fünf LNG-Terminals bauen und an das Gasnetz anschließen, und damit ein Drittel seines Gasbedarfs decken.


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Gaspreis als Hürde

Für Österreich setzt neben der Versorgung aus Deutschland und Italien auch auf neue Partner. So buchte die teilstaatliche OMV Transportkapazitäten für 40 Terawattstunden (TWh) Gas aus nicht-russischer Quelle für den Zeitraum Oktober 2022 bis September 2023. Dabei handelt es sich um Erdgas aus Norwegen und den küstennahen LNG-Übernahmeterminals, das über Deutschland in Oberkappel in Oberösterreich landet. Zur Versorgungssicherheit im Winter 2023 soll auch die Schiffsladung LNG aus Abu Dhabi beitragen, die im Vormonat vereinbart wurde.

Die Einkäufe passieren zu schwindelerregenden Preisen - und diesen will die EU-Kommission mit einem Gaspreisdeckel am Großhandelsplatz TTF begegnen. Der Deckel greift, wenn der Preis einen Höchstwert, der noch nicht festgelegt wurde, erreicht, hieß es am Mittwoch inoffiziell aus Brüssel.